Premiere in Trinkhalle Bad Wildbad / Vor nicht vollem Haus ist das Werk "Adelheid von Burgund" zu erleben
Von Götz Bechtle
Bad Wildbad. Es ist seltsam. Die Rossini-Oper "Adelaide di Borgogna" (Adelheid von Burgund), die nach ihrer Premiere im Jahr 1817 über eineinhalb Jahrhunderte nicht mehr gespielt und seit ihrer Wiederentdeckung 1978 in London bisher nur zweimal inszeniert wurde, hat bei ihrer Premiere in der Trinkhalle keineswegs ein volles Haus erlebt. Und dabei ist "Adelaide di Borgogna", die in Bad Wildbad erstmals in Deutschland inszeniert wurde, eine unheimlich starke Oper, die höchste Ansprüche an die Sänger stellt. So Antonio Petris, der dieses Rossini-Werk für das diesjährige Festival inszeniert und dazu noch maßgeblich für Kostüme und Bühnenbild zuständig war.
Petris ist in Bad Wildbad kein Unbekannter, inszenierte er doch in den vergangenen Jahren mit großem Erfolg die Opern "Ser Mercantino" (2011) und "Adina – il califfo die Bagdad" (2012).
Es ist eine ernste Oper, deren Inhalt "mit einiger Genauigkeit eine Episode aus der frühmittelalterlichen Geschichte Italiens", so Reto Müller, behandelt und viele Gefühle aufleben lässt. Dabei geht es um Politik, verbunden mit Macht und Krieg, Intrigen, Liebe und Familie. Also Inhalte ähnlich der heutigen TV-Soaps. Allerdings gibt es da einen große Unterschied, und der ist schließlich ganz wesentlich: die Musik und der Gesang. Rossini hat das Libretto von Giovanni Schmid mit einer Musik versehen, die begeistert – und den Besuchern in der Trinkhalle wurde dies auch völlig bewusst. Es gibt in dieser Oper vier Hauptrollen, Adelaide (Adelheid von Burgund, Witwe des von Berengario von Ivrea vergifteten Lothars), Adelberto (Sohn des Berengario), Ottone (Otto, König des ostfränkischen Reiches, späterer deutscher Kaiser Otto I.) und Berengario, sozusagen der Bösewicht in der Oper.
Zuhörern läuft Schauer über den Rücken
Margarita Gritskova (Mezzosopran) gab als Hosenrolle Ottone Stimme und Auftritt, Ekaterina Sadovnikova (Sopran) verkörperte Adelaide – zwei international gefragte Stimmen aus der russischen Gesangsschule St. Petersburg und ein Glücksgriff für "Rossini in Wildbad". Sie sangen sowohl in den Solopartien als auch in den Duetten traumhaften BelCanto, sodass den Zuhörern bisweilen ein Schauer über den Rücken lief. Sehr schön auch Gheorghe Vlad (Tenor) in der Rolle des Adelberto, der vor allem im zweiten Akt zu Hochform auflief – im Konflikt zwischen nicht erwiderter Liebe zu Adelaide und der Pflicht gegenüber seinem Vater Berengario, aus Machtgründen Otto zu vernichten. Baurzhan Anderzhanov (Bassbariton) wird der Rolle des Bösewichts Berengario vollstimmlich gerecht, auch wenn Reto Müller dieser Figur nur eine Nebenrolle zuordnet.
Miriam Zubeta (Sopran) – bereits bekannt aus "Il viaggio" – überzeugt in der Rolle der Eurice (Gattin des Berengario und Mutter von Adelberto), Yasushi Watanabe (Tenor) spielt und singt den Iroldo (ehemaliger Statthalter von Canossa) und der Stuttgarter Cornelius Lewenberg (Bariton) den Offizier Ernesto.
Sehr einfühlsam agieren die Instrumentalisten der Virtuosi Brunenes unter der Leitung von Luciano Acocella, Generalmusikdirektor der Opera Rouen-Haute Normandie, der international in ganz Europa als Dirigent unterwegs ist. Für langjährige Besucher von "Rossini in Wildbad" ist es fast selbstverständlich, dass – inzwischen im fünften Jahr – der Camerata Bach Chor aus Posen (Leitung Anja Michalak) nicht nur als Chor hervorragend singt, sondern auch szenisch agiert, was diesmal bei den angedeuteten Schlachten (mit Stühlen) zwischen den beiden Heeren deutlich wurde.
Viel Symbolik steckt im Bühnenbild: Der Bühnenboden ist ein Schachbrett – leider erst von den erhöhten Sitzreihen zu erkennen – ,das die Schachzüge der Politik symbolisiert. Für die Liebe steht ein Bett, ein Kreuz für die Religion. Dazu kommen im Hintergrund Video- und Bildprojektionen, mit denen die Inszenierung verstärkt wird – und um Gefühle deutlich zu machen. Für die Besucher der Premiere von "Adelaide" war es ein Genuss, die Neuedition (Florian Bauer) dieser nahezu unbekannten Oper zu hören, diese fantastischen Stimmen und die Musik Rossinis.
Es gab frenetischen Applaus für alle Mitwirkenden sowohl auf als auch hinter der Bühne. Zwei weitere Aufführungen gibt es am heutigen Mittwoch und am Freitag, jeweils ab 19.40 Uhr.