"Schön ist es hier", sagt Chinas Botschafter Shi Mingde, als er über den Bad Wildbader Baumwipfelpfad geht und die Aussicht über den Schwarzwald genießt. Foto: Krokauer

Gast aus dem Reich der Mitte werden Schönheiten des Kurstädtchens Bad Wildbad im Nordschwarzwald präsentiert.

Bad Wildbad - In der dunklen Luxuslimousine eines bayerischen Herstellers kommt Chinas Botschafter in Deutschland, Shi Mingde, mit seiner Frau Xu Jinghua sowie seiner Protokollchefin Yin Xiaoying am Samstagmorgen fast pünktlich vor dem Rathaus in Bad Wildbad (Kreis Calw) an. Kurz vorher ist der CDU-Bundestagsabgeordnete Hans-Joachim Fuchtel da. Er wird in einer schwäbischen Luxuskarosse chauffiert. "Bad Wildbad ist eine Perle in meinem Wahlkreis", sagt Fuchtel zur Begrüßung.

Damit sich die Gäste aus Berlin gleich wohlfühlen, spielt die Stadtkapelle Wildbad unter der Leitung von Musikdirektor Martin Koch zünftig auf. Dirigieren darf der Botschafter auch noch. Fuchtel erzählt, dass schon auf der Chinesischen Mauer Musiker aus dem Schwarzwald aufgetreten seien. Als Vorsitzender des Blasmusik Kreisverbandes Calw ist Fuchtel sozusagen von Amts wegen ein Anhänger dieser Stilrichtung.

Fuchtel weiß, dass viele Chinesen Deutschland mit seiner Kultur lieben. Das Verhältnis zum Reich der Mitte ist historisch vielschichtig. Zudem gebe es, wie der Abgeordnete betont, schon lange wirtschaftliche Beziehungen zwischen beiden Ländern. So schildert der Christdemokrat, dass die größte Brauerei der Welt in China stehe und 1906 von einem Schwarzwälder gegründet worden sei. Als Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat sich Fuchtel kundig gemacht.

Bier und Brezel zur Begrüßung: Es fehlt nur noch der Bollenhut. Dann wäre das Klischee perfekt

Im Rathaus von Bad Wildbad darf Chinas Botschafter dann selbst Schwarzwälder Braukunst genießen. Später trinkt er im Forum König-Karls-Bad auch noch das gesunde Thermalwasser, das aus den Quellen der Kurstadt sprudelt.

Etwas Heimatkunde gibt es obendrein. So nimmt der Bundestagsabgeordnete eine Brezel in die Hand und erklärt dem Gast, wie nach der Legende dieses Gebäck entstand. So habe ein Monarch einst einen Bäcker wegen seines schlechten Brotes in den Kerker geworfen. Der Herrscher habe dem Mann aber eine Chance gegeben und gesagt, dass er erst wieder aus dem Gefängnis komme, wenn er etwas backe, durch das man drei Mal hindurchschauen könne. Und so habe der Bäcker die Brezel geschaffen.

Die Maultaschen wiederum, so Fuchtel weiter, hätten Mönche erfunden, die während der langen Fastenzeiten im Mittelalter auch mal Fleisch hätten essen wollen. Folglich seien sie auf die Idee gekommen, das Fleisch in Teig einzuwickeln, damit es der liebe Gott nicht sehe.

Edith Benecke, Sekretärin des Bad Wildbader Bürgermeisters Klaus Mack (CDU), bewirtet im Dirndl die Gäste. Es fehlt nur noch der Bollenhut. Dann wäre das Klischee perfekt. Beneckes Chef ist noch in Urlaub.

Deshalb muss Macks Stellvertreter Jochen Borg einspringen. Dieser erzählt dem Gast etwas über die Geschichte von Bad Wildbad, seine Heilquellen und die in der Stadt ansässigen Technologiefirmen. Ein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt muss natürlich ebenfalls sein.

Fuchtel möchte mit dem Besuch des Botschafters dem Tourismus in seinem Wahlkreis auf die Sprünge helfen. "800 000 Chinesen waren 2014 in Deutschland", rechnet er im Gespräch mit unserer Zeitung vor. Das Land sei für die Chinesen ein begehrtes Tourismusziel in Kombination mit Städten wie Paris und London. Deshalb soll der Botschafter einen möglichst guten Eindruck bekommen.

Shi Mingde und seine Frau Xu Jinghua beherrschen perfekt Deutsch. Er verbrachte in jungen Jahren einige Zeit in Ostberlin, um die Sprache zu lernen. Später war er Chinas Botschafter in Österreich. Seine Frau ist Universitätsdozentin und übersetzte Werke der Nobelpreisträger Heinrich Böll und Elfriede Jelinek ins Chinesische.

Shi Mingde spricht nicht nur exzellent Deutsch, er weiß sich auch der chinesischen Höflichkeit verpflichtet. Seinem Gastgeber Fuchtel hat er als Geschenk einen wertvollen Kelch mitgebracht. Und es gibt Komplimente. "Schön ist es hier", sagt der Botschafter später, als er mit Bad Wildbads stellvertretendem Bürgermeister Borg den Baumwipfelpfad erkundet.

Shi Mingde fragt intensiv nach, wenn es um Themen wie den Borkenkäfer, Flechten und Misteln geht

Fuchtel ist da schon wieder auf einem anderen Termin. Auch die Frau des Botschafters, Xu Jinghua, kann nicht mitgehen. Sie muss wegen eines Knochenbruchs vorsichtig sein. Fuchtels studentischer Mitarbeiter Joshua Acheampong vertritt ihn bei der Wanderung auf dem Pfad.

Acheampong hat selbst eine interessante Biografie. Sein Vater stammt aus Ghana, seine Mutter aus Enzklösterle, einem Nachbarort Bad Wildbads. Er studiert in Potsdam Politik, Verwaltung und Organisation und soll die Kontakte von Fuchtels Abgeordnetenbüro in den Wahlkreis vertiefen.

Der chinesische Botschafter interessiert sich sichtlich, was ihm Pfadführer Hans-Peter Coerper auf dem Baumwipfelpfad erzählt. Dabei sieht es am Anfang gar nicht so aus, denn zu Beginn der Führung ist Shi Mingde ständig mit seinem Handy beschäftigt. Das ändert sich später grundlegend. Der Botschafter fragt intensiv nach, wenn es um Themen wie den Borkenkäfer, Flechten und Misteln geht.

"Es war eine Bereicherung. Ich habe neue Erkenntnisse gewonnen", sagt er zum Abschluss der Führung. Außerdem lobt er die gute Luft und verspricht, den Baumwipfelpfad wieder zu besuchen. Einem Passanten, der sich für die Gruppe mit dem Botschafter interessiert, ruft Shi Mingde zu: "Wir erkunden neue Gebiete." Fuchtel scheint sein Ziel erreicht zu haben.