Im voll besetzten Bürgersaal von Bad Liebenzell ging es um das Unrechtregime der DDR. Auf dem Bild sind zu sehen (von links): Kerstin Weiss, Geschäftsführerin der Freizeit und Tourismus Bad Liebenzell GmbH, Ines Veith, Autorin des Buches "Die Frau vom Checkpoint Charlie", Jutta Fleck, Zeitzeugin und Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland sowie Symbolfigur für den friedlichen Widerstand gegenüber der DDR-Diktatur, Beate Gallus, Zeitzeugin und Tochter von Jutta Fleck, sowie Bad Liebenzells Bürgermeister Dietmar Fischer. Foto: Zoller Foto: Schwarzwälder Bote

Vortrag: Deutsch-deutsche Geschichte mit Gänsehautfeeling / Zeitzeugen Jutta Fleck und Beate Gallus im Bürgerzentrum

Alle sind gekommen, Schüler, Lehrer, Bürger und Freunde, um mehr über die Person zu erfahren, die als "Frau vom Checkpoint Charlie" nicht nur deutsch-deutsche Geschichte geschrieben, sondern darüber hinaus bewiesen hat, dass jeder Einzelne etwas bewegen kann. Jutta Fleck ist Trägerin des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und Symbolfigur für den friedlichen Widerstand gegenüber der DDR-Diktatur.

Bad Liebenzell. Zu Gast in Bad Liebenzell ist sie gemeinsam mit ihrer jüngeren Tochter Beate Gallus. Im voll besetzten Parksaal erzählen die beiden Zeitzeuginnen mit eindrucksvollen Film-Dokumentationen und ergreifenden Berichten ihre Lebensgeschichte in der einstigen DDR: die gescheiterte Flucht von 1982 und das Regime, das sie mit Demütigungen, Entmenschlichung und Entrechtung strafte, weil sie den großen Wunsch hatten, in Freiheit zu leben. "Es ist wichtig, die Erinnerung wachzuhalten und aufmerksam zu machen auf Kommendes", erklärt Fleck, die auch 30 Jahre nach dem Mauerfall gegen das Vergessen kämpft.

Seit zehn Jahren leitet Fleck bei der hessischen Landeszentrale für politische Bildung das Projekt "politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur". Sie hält als Zeitzeugin Vorträge über ihren Widerstand gegen das DDR-Regime, das System der Bespitzelung und die deutsche Teilung sowie ihren langen Kampf um die Ausreise ihrer damals minderjährigen Töchter in die Bundesrepublik Deutschland.

Die beiden live in Bad Liebenzell zu erleben, ist kein Zufall. Jutta Fleck und Beate Gallus sind eng mit der Bäderstadt verknüpft, wie Kerstin Weiss, Geschäftsführerin der Freizeit und Tourismus Bad Liebenzell GmbH, anklingen lässt: "Vor zwei Jahren haben wir den Sophi Park Bad Liebenzell eingeweiht. Dort sind Ihnen bestimmt schon einmal die Herzgesichter aufgefallen", so Weiss, die bei ihrer Einführung auf die großen Holz-Herzen mit den lachenden Gesichtern verweist, die der Calwer Künstler Lothar Hudy für den Park als Kunstobjekte gestaltet hat.

Das erste "MutMacher-Herz Mucki" erblickte am 3. Mai 1983 das Licht der Welt. "Ich malte es auf ein Blatt Papier, um meiner Mama eine Botschaft zu senden. Diese Botschaft sollte uns miteinander verbinden. Also malte ich ein Herz, das ein fröhliches Gesicht hat und ein Gewicht nach oben stemmt", berichtet Beate Gallus, die nach Jahren erfährt, dass ihre Mutter diese Zeichnungen erst zwei Jahre später nach ihrem Freikauf in die BRD erhalten hat. Als neunjähriges Mädchen wird sie nach dem gescheiterten Fluchtversuch gewaltsam von ihrer Mutter getrennt und gegen ihren Willen gemeinsam mit ihrer nur zwei Jahre älteren Schwester Claudia in einem Kinderheim festgehalten. "Ich habe aufgehört zu sprechen und alles über Zeichnungen und Briefe kommuniziert", so Gallus. Mit ihren strahlenden Gesichtern stehen die Herzen symbolisch für Mut, Liebe und Hoffnung, denn "Herzen, die Gesichter tragen, stellen keine dummen Fragen. Sie sind einfach da im Leben, helfen Lasten wegzuheben." Dieser Reimvers stammt von Ines Veith.

Die Autorin, die in Bad Liebenzell lebt, hat nicht nur den Sophi Park ins Leben gerufen, sondern auch das Schicksal und die zehn Jahre aus dem Leben einer alleinerziehenden Mutter zunächst als Zeitzeugen-Roman und dann als prominent besetzten Fernsehfilm mit Veronica Ferres für die Nachwelt bewahrt. Der TV-Zweiteiler "Die Frau vom Checkpoint-Charlie", eine UFA-Produktion im Auftrag von ARD/arte, erreichte zwölf Millionen Zuschauer.

Wegen "Republikflucht" zu Haft verurteilt

Doch nun stehen diese Protagonisten, auf die sich der Film in weiten Teilen bezieht, real im Bürgersaal und sprechen knapp drei Stunden lang vor einem Publikum, das bei ihren Berichten den Atem anhält. Der unerbittliche Kampf für ein Leben beginnt nach dem misslungenen Fluchtversuch 1982.

Mit ihren beiden Töchtern Claudia und Beate Gallus wird Jutta Gallus (die nach ihrer zweiten, in der Bundesrepublik geschlossenen Ehe Fleck heißt) zu drei Jahren Gefängnis wegen "Republikflucht" verurteilt. Ihre beiden Töchter werden zur Umerziehung in einem Heim für schwer erziehbare Kinder untergebracht, damit sie sich zu "einer guten sozialistischen Persönlichkeit" entwickeln. Die Geschichte der beiden Frauen, die das Unrechtsregime mit voller Wucht traf, lässt einen erschrecken. Mit ruhiger Stimme und sachlichem Ton berichtet zunächst die Mutter von der Motivation, die DDR verlassen zu wollen und mit ihren Kindern zu ihrem Vater in den Westen zu gehen. "Wir wollten in Freiheit leben", erzählt Fleck, die 1982 beschließt, mithilfe einer Fluchtorganisation über Rumänien mit ihren Töchtern in den Westen zu kommen. Doch der Plan misslingt. Statt mit bundesdeutschen Pässen über Jugoslawien auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs zu gelangen, werden die drei von der rumänischen Geheimpolizei Securitate überwacht, in Bukarest festgesetzt und der Staatssicherheit der DDR übergeben. "Wir wurden verraten", sagt Fleck nüchtern und merkt an, dass sie bei der Einsicht ihrer Stasi-Akten erst Jahre später erfahren hat, dass es ein Stasi-Mitarbeiter aus Westdeutschland war, der ihrer Familie nahestand und sie dennoch verriet.

Mit der Verhaftung begann ein Martyrium, das sechs lange Jahre dauern sollte. "Wir wurden eine Woche lang am Flughafen von Bukarest eingesperrt, mussten ansehen, wie die Flugzeuge in alle Himmelsrichtungen flogen und konnten keinem Menschen mitteilen, wie es um uns steht." Bevor die drei als einzige Fluggäste in einer Maschine zurück nach Ost-Berlin gebracht wurden, gelang Fleck das fast Unmögliche. Sie konnte einer Stewardess Informationen mitgeben. "Anders hätten die westdeutschen Behörden möglicherweise nie etwas über unser Schicksal erfahren." Doch damit begann erst der Leidensweg. "Im Flugzeug wurden wir unserer Mutter entrissen – wir saßen räumlich getrennt und konnten uns bei der Landung nicht einmal verabschieden", berichtet Beate Gallus, die nur noch einen Blick der Mutter aus dem Bullauge erhaschte. "Wir haben ihr damals signalisiert: "Wir halten zu dir".

In der Schule Außenseiter

Jutta Gallus (Fleck) wird wegen "Republikflucht" zu drei Jahren Haft verurteilt, abzusitzen in der berüchtigten Justizvollzugsanstalt Burg Hoheneck zusammen mit politischen Häftlingen und Gewaltverbrecherinnen. Sie berichtet über "Absonderung" in Zellen ohne Fenster, die so winzig klein waren, dass man auf dem Boden schlafen musste, und über unsägliche Demütigungen. Nach 21 Monaten wird sie über das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen vom Westen freigekauft – aber die Töchter durften nicht mit. Sie bleiben hinter dem Eisernen Vorhang "gefangen", konnten mit der Mutter keinerlei Kontakt aufnehmen. "Wir gingen zur Schule, waren aber Außenseiter, denn wie sollten wir erklären, dass unsere Mutter keine Staatsfeindin ist." Beate Gallus spricht von den Wünschen zu Obhut, Liebe und Wärme, doch die gab es für die heranwachsenden Jugendlichen nicht. Zurück beim linientreuen Vater ordneten Gebote und Verbote den Alltag. "Wir hauten ab und wollten zurück ins Heim", erklärt Gallus, die als Kind heimlich eine Tonbandkassette an Erich Honecker besprochen hat, und darin erklärte, dass "wir Gallus-Kinder zu unserer leiblichen Mutter gehören und die Ausreise wünschen". Doch bis zu diesem Glücksmoment mussten die Geschwister vier lange Jahre warten.

Während die Mutter im Westen mithilfe der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte an die Öffentlichkeit geht und über viele Medienvertreter auf die Trennung von ihren Kindern aufmerksam macht, bleibt für alle nur die Hoffnung. Jutta Gallus (Fleck), die in Berlin nicht nur vor dem Grenzübergang am "Checkpoint Charlie" demonstriert, reist nach Rom zum Papst und nach Helsinki, um dort die Außenminister der beiden deutschen Staaten zu sprechen. Es folgen Drohungen, bei denen sie um ihr Leben fürchten muss. Doch sie gibt nicht auf, kämpft weiter. Bei einer Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerbaus schafft sie es ins Fernsehen und erreicht damit nicht nur Millionen von Zuschauern auf der ganzen Welt, sondern auch den Status eines "Politikums" innerhalb der deutsch-deutschen Beziehungen. Endlich wird die Ausreise der Töchter in Aussicht gestellt und am 25. August 1988 können sich Mutter und Töchter nach sechs langen Jahren der Trennung in Westberlin in die Arme fallen.

Zunächst herrscht Schweigen im Parksaal. Dann folgt Applaus. Jutta Fleck dankt für die Einladung und das große Engagement vom Internationalen Forum Bad Liebenzell, das sich als politische Bildungsstätte mit Themen wie "Widerstand und Zivilcourage – gestern und heute" beschäftigt.

Zu den Gästen zählten auch 15 Schüler vom Maria von Linden-Gymnasium aus Calw, die gemeinsam mit ihren Lehrern Oliver Jäger und Stefanie Glaser ein neues Konzept für die Führungen im Sophi Park entwickeln und nun miterlebten, wie einzelne Personen die Zeit im DDR-Regime erlebt haben. "Das ist krass, unvorstellbar, dass so etwas passiert ist", erklärt eine Schülerin, die ergänzend hinzufügt: "Dass Liebe solche Dimensionen annehmen kann, ist etwas ganz Besonderes!"

Während Bad Liebenzells Bürgermeister Dietmar Fischer das als ein "Teil der deutschen Geschichte" ansieht, "die es gilt, an die nächste Generation weiterzugeben", argumentiert ein Besucher mit nachdenklichen Worten: "Nun habe ich ein ganz anderes Verhältnis zu den ›MutMacher-Herzen‹ in Bad Liebenzell."