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Bad Liebenzell Beckstein: Ziel muss ein "Euro-Islam" sein

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Rund 80 Zuhörer waren in den Gasthof "Hirsch" in Monakam gekommen, um Bayerns Ex-Innenminister Günther Beckstein zum Thema "Islam in Deutschland – Bereicherung oder Gefahr?" zu hören. Foto: Kunert Foto: Schwarzwälder-Bote

Es war das erste Mal, dass das Männerforum Monakam-Unterhaugstett einen solch prominenten Redner für sich verpflichten konnte: Günther Beckstein, Ex-Ministerpräsident und Ex-Innenminister von Bayern, "schwänzte" extra den CSU-Parteitag, um zu kommen.

Bad Liebenzell-Monakam. Da war es fast ein bisschen schade, dass im großen Saal des Gasthauses "Hirsch" in Bad Liebenzell-Monakam an diesem Abend doch noch ein paar Plätze frei blieben. Dabei war das gewählte Thema an Brisanz kaum zu überbieten: "Islam in Deutschland – Bereicherung oder Gefahr?" Das "schwierigste Thema", das Beckstein als langjähriges Mitglied der deutschen Islam-Konferenz für einen Vortrag anzubieten hatte, wie er bestätigte.

Wer nun aber populistische Töne des CSU-Mannes erwartete, wie doch mancher im Saal, wurde enttäuscht. Beckstein ist bekennender und praktizierender evangelischer Christ; im Gepäck hatte er sein Buch zu den "Zehn Geboten". Und das Toleranz- und mehr noch das Respekt-Gebot gegenüber "allen Menschen, die nach unserem Glauben ja nach dem Ebenbild Gottes geformt", stellte er in seinem rund einstündigen Referat über alles. Aber – klar – gab es nach seiner Einführung über die Grundlagen und die Präsenz des Islams in seinen vielen verschiedenen Facetten in Deutschland auch kritische Töne.

"Das Problem ist der wachsende fundamentalistische Islam weltweit", zu dem in Deutschland rund 2000 radikalisierte Vertreter gehörten, erklärte Beckstein – weitere rund 60 000 Menschen würden hier als gewaltbereit gelten. Die große Mehrzahl der Muslime in Deutschland aber, nach Schätzungen zwischen vier bis sechs Millionen Menschen, seien friedliche Mitbürger, die die Rechtsstaatlichkeit anerkennen und in Frieden und Freiheit hier leben wollten.

Überraschenderweise konnte man als Zuhörer Becksteins den Eindruck gewinnen, dass er weniger Organisationen wie den sogenannten "IS" als (langfristige) Gefahr für Deutschland identifizierte, als vielmehr den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Beckstein pflegte in seiner aktiven Regierungszeit enge, auch private Kontakte zur Familie Erdogan und gab an diesem Abend in Monakam manche Anekdote aus dem Familienleben des türkischen Präsidenten preis, die man so in der Öffentlichkeit sonst sicher nicht zu hören bekommt. Etwa, dass sich Erdogan in den eigenen vier Wänden nur mit "Sultan" anreden lässt, dass dieser eigentlich eine Imam-Ausbildung hat und seine streng religiöse Frau und seine Töchter nur streng verschleiert Dritten begegnen.

Becksteins vorsichtige Schlussfolgerung: "Manche sagen daher, dass Erdogan plant, aus der Türkei einen Gottesstaat nach iranischem Vorbild machen zu wollen. Ich bin mir da noch nicht ganz sicher." Denn Erdogan sei vor allem eines – ein Machtmensch, für den die Religion unter Umständen nur ein Mittel zum Zweck sei.

Für Deutschland aber das eigentliche, größer werdende Problem: Über die größte in Deutschland aktive Islam-Organisation "Ditib" wirke die türkische Regierung direkt in die deutsche Öffentlichkeit hinein, indem sie mehr als tausend hier arbeitende Imame bezahle und zentral von Ankara aus etwa die Texte der Predigten zum Freitagsgebet "wortwörtlich" vorgebe. Becksteins Forderung: In deutschen Moscheen und Koran-Schulen dürfe nur das gelehrt werden, was verfassungskonform sei. Politisches Ziel müsse die Entwicklung eines "Euro-Islam" sein, der die freiheitliche Grundordnung akzeptiert und ihr entspricht.

Allerdings ließ es der CSU-Christ Beckstein auch an ungewohnter Selbstkritik nicht mangeln: "Das Christentum war in seiner Geschichte ähnlich martialisch, wie wir heute im Westen die innerreligiösen Konflikte des Islam betrachten."

Jedoch habe sich in Europa mit der Aufklärung und dem Humanismus eine säkularisierte Gesellschaft unabhängig von den Religionen entwickelt – eine Entwicklung, die der Islam so noch nicht vollzogen habe.

Beckstein malte hier aber auch ein optimistisches Bild, mit der Hoffnung auf jungen Generationen im Islam, die etwa im Iran nach seinem eigenem Erleben bei Reisen dorthin die gleiche Sehnsucht nach einem Leben in Frieden und Freiheit hätten wie die Jugend im Westen.

Auf eine der vielen Fragen aus dem Publikum, für die sich der Gast aus Bayern an diesem Abend ebenfalls noch viel Zeit nahm, antwortete Beckstein etwa, dass er davon ausgehe, dass der Islam durch die Wirkungen und weltweiten Vernetzungen der neuen Medien zwangsläufig offener und toleranter werden wird. Er selbst glaube nicht an die Zukunftsfähigkeit des Islam in seiner heutigen Form. Ein Indiz dafür: "Die Menschen, die aus Syrien flüchten, wollen nicht in den Iran oder ein anderes fundamentalistisches islamisches Land – sondern in die freien Länder Europas." Und er persönlich sei "felsenfest davon überzeugt", dass wir in den nächsten Jahren noch sehr viel mehr "mit Flüchtlingen zu tun haben werden", so Beckstein.

Sein unerwartetes Resümee: "Trotzdem gilt: Wir schaffen das!" Allerdings plädiere auch er dafür, die Flüchtlinge in Lagern nahe ihren Ursprungsländern optimal zu versorgen, und nur die "zu uns zu lassen, die auch zu uns passen".

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