Warum sehe ich diesen Hinweis?

Sie sehen diesen Hinweis, weil Sie einen Adblocker eingeschaltet haben oder im privaten Modus surfen. Deaktivieren Sie diesen bitte für schwarzwaelder-bote.de, um unsere Artikel ohne diesen Hinweis lesen zu können.

Mehr zum Thema Adblocker / Privater Modus und wie Sie diesen deaktivieren, finden Sie, indem Sie auf deaktivieren klicken.

Deaktivieren

Bad Herrenalb Minderschwerer Fall wird ausgeschlossen

Von
Landgericht Tübingen: Am Freitag wurde das Urteil verkündet.Foto: Bernklau Foto: Schwarzwälder Bote

Sechs Jahre Haft verhängte die Große Strafkammer am Landgericht Tübingen gestern gegen einen 33-Jährigen, der vor zwei Jahren kurz vor Geschäftsschluss den Penny-Markt in Bad Herrenalb und neun Tage später – diesmal mit einem bis heute unbekannten Komplizen – nach Einbruch der Dunkelheit den Netto-Markt in Dobel überfallen hatte.

Bad Herrenalb/Dobel/Tübingen. Erst nach anderthalb Jahren waren die Ermittler durch einen Schuhvergleich mit Erkennungsdienst-Fotos und durch DNA-Analysen an Klamotten, die von den Tätern im nahen Wald des Dobler Tatorts versteckt worden waren, sicher auf die Spur des Mannes gekommen (wir berichteten). Im April war er aus einer Langzeit-Drogentherapie im Pfälzer Wald heraus verhaftet worden.

Der gebürtige Kasache hatte die beiden Überfälle am ersten Prozesstag gestanden. Im Gegenzug stellte Staatsanwältin Edith Zug auf Vorschlag des Gerichts zwei weitere Verfahren als "deutlich weniger erhebliche Taten" ein: die gefährliche Körperverletzung mit einer Eisenstange im Streit mit einem Bekannten aus Bad Herrenalb sowie einen nächtlichen Einbruchdiebstahl bei einem Optiker an der dortigen Kurpromenade, bei dem im Juni zuvor Nobel-Sonnenbrillen im Wert von knapp 9000 Euro ausgeräumt worden waren. In diesem Fall allerdings schien die Beweislage gegen den Angeklagten auch eher dürftig.

Um Verzeihung gebeten

Nach den detailliert aus dem Russischen gedolmetschten Geständnissen war der Ablauf der beiden Raubüberfälle einigermaßen klar, auch wenn sich bei den Zeugenaussagen nach der langen Zeit noch gewisse Widersprüche etwa zu den bei den Taten verwendeten Waffen ergeben hatten. Die Staatsanwältin ging in ihrem Plädoyer schließlich davon aus, dass der Angeklagte bei beiden Überfällen mit einer Gaspistole gedroht hatte, die nach seinen Angaben nicht geladen war. In seinem letzten Wort hatte der Mann noch einmal um Verzeihung gebeten: "Ich habe verstanden. Es tut mir sehr leid, was ich getan habe."

Mindestens beim zweiten Überfall auf den Netto-Markt in Dobel war dem Kassenpersonal und den Kunden auch mit einer Handgranate gedroht worden, die aber wohl eine als Feuerzeug benutzte Attrappe war. Auch die vorgehaltene Waffe des unbekannten Komplizen soll eine Pistolen-Imitation aus der Feuerzeug-Sammlung des Angeklagten gewesen sein. Die Beute hatte in Bad Herrenalb gut 2600 Euro betragen. In Dobel hatten die Räuber rund 3300 Euro aus den beiden Kassen geräumt und waren in den nahen Wald geflohen, wo sie ihre deponierten Wechselkleider nicht mehr fanden und die Nacht im Freien verbringen mussten.

Die Staatsanwältin hatte eine Gesamtstrafe von siebeneinhalb Jahren für die beiden Überfälle und die Anordnung einer Entzugstherapie gefordert. Zuvor hatte die psychiatrische Gutachterin Dagmar Jourdan eine verminderte Schuld- oder Steuerungsfähigkeit bei dem seit vielen Jahren schwer süchtigen Angeklagten verneint. Selbst ein denkbarer Wert von 3,0 Promille Alkohol, auch seine übliche Tagesdosis an Heroin hätte ihn nicht wesentlich beeinträchtigt. Wofür die sehr genauen Videoaufnahmen einer Überwachungskamera bei dem Penny-Überfall ebenso sprachen wie auch die übereinstimmenden Aussagen aller Zeugen, von denen es beim Netto-Raub in Dobel insgesamt rund 20 gab.

Verteidiger Holger Böltz wies neben dem Geständnis und den glaubwürdigen Entschuldigungen seines Mandanten bei den Zeugen – auch schon direkt an den Tatorten – auch auf den massiven Suchtdruck hin, der bei dem Kasachen zum Entschluss für die Raubzüge geführt habe. Zudem habe der 33-Jährige "keine aggressive Gewalt" gegen die Beraubten ausgeübt und auf jegliche Brutalität verzichtet. Der Anwalt hielt die Forderung der Anklage für "bei Weitem zu hoch" und bat um Milde für seinen Mandanten, vor allem unter dem Gesichtspunkt, die Strafe vor Beginn einer Langzeit-Therapie, aus der dann eine Entlassung zur Bewährung denkbar wäre, möglichst kurz zu halten.

Das Gericht folgte allen diesen Überlegungen durchaus. Der Vorsitzende Ulrich Polachowski schloss aber in seiner Urteilsbegründung einen minderschweren Fall aus. Er wies hingegen auf die Kassiererin des Bad Herrenalber Überfalls hin. Damals gerade aus der Babypause zurück, war die Frau ein dreiviertel Jahr krankgeschrieben.

Nach ihrer Aussage am Montag war sie auf dem Gerichtsflur weinend zusammengebrochen. Sie hätte "um ihr Leben gefürchtet", und das sei "in der Tat eben auch so angelegt" gewesen, sagte der Richter. Dass andere Zeugen robuster seien und den Überfall "weit besser weggesteckt" hätten, das ändere daran nichts.

Artikel bewerten
3
loading

Top 5

0

Kommentare

Artikel kommentieren

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.

Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach sieben Tagen geschlossen.