Seltene Momente: Renate und Roy Kieferle blättern in alten Zeitungsausschnitten und Publikationen. Foto: Schwarzwälder Bote

Porträt: 73-jähriger Ehrenringträger weiß: "Dobel hat nach wie vor großes Potenzial, gerade beim Tagestourismus"

Den Ehrenring für außerordentliche Verdienste um die Gemeinde Dobel hat Roy Kieferle beim Neujahrsempfang erhalten. Einen Stern als Ehrenzeichen besitzt der gelernte Koch schon seit Jahren, verliehen vom Dobler Altbürgermeister Wolfgang Krieg.

Dobel. Und zwar dafür, dass Kieferle "den Namen Dobels in die Welt getragen" hat. Spitzen-, Fußball-, Fernsehkoch, Kräuter- oder Vollwertpapst, Bärlauchexperte – nur einige der Bezeichnungen, die der gebürtige Stuttgarter im Laufe seines langen Gastronomenlebens erworben hat.

Europäischer Adel

Schon die Ursprünge der Karriere liegen im Nordschwarzwald: Mit knapp 14 Jahren wurde Kieferle 1960 erster Kochlehrling in der Oberen Kapfenhardter Mühle. Neben dem, was in Töpfen und Pfannen zubereitet wird, lernte der junge Roy, dem Hausmetzger zur Hand zu gehen ebenso wie die originale Schwarzwälder Kirschtorte zu backen. "Es war eine Multi-Sparten-Ausbildung in einer Zeit des kulinarischen Aufbruchs", sagt er heute. Nach dieser Ausbildung begann seine lange Geschichte mit Dobel: Er "rutschte hinein" mit kaum 18 Jahren als Chef-Entremetier im renommierten Hotel Funk. "Das war Feinschliff auf sämtlichen Posten, einfach eine andere Küchendimension", urteilt er. Der junge Koch lernte unter der "strengen wie gütigen Hand der Patronin Luise Uttenreuther" nicht nur europäischen Adel bekochen, sondern vom Küchenchef Werner Rawiel, der später in die Traube nach Tonbach ging, die klassische gehobene Sterneküche – samt original rheinischem Sauerbraten. Im Dobler Jugendkreis erfüllte sich in jener Zeit auch Kieferles persönliches Glück: Er lernte Renate Bott kennen, ein Jahr jünger als er. Mit 20 Jahren wurde geheiratet, nach einigen beruflichen "Ausflügen in die Region" übernahmen die Kieferles 1975 das "Wagnerstüble" an der Wildbader Straße, das sein Schwiegervater, ein Stellmacher, gebaut hatte.

Die Entwicklung zum Vordenker, zum Pionier der Vollwert- und Naturkosternährung kam aus eigener Notwendigkeit und Einsicht. "Ich hatte mich buchstäblich krank gekocht", erzählt Kieferle, "zu viel Fett, zu viel Eiweiß. Durch die Ernährungsumstellung bekam ich meine Stoffwechselprobleme in den Griff. Was mir half, konnte auch anderen nützen."

Große Welt zu Gast

Es folgten Jahre, in denen Kieferle nicht nur als Botschafter Dobels in die Welt hinaus ging, sondern in denen auch die große Welt zu Gast in Dobel war. Die da in Porsches und Lamborghinis kamen, waren erstaunt über das Kleinod, das hinter der eher unscheinbaren Fassade des "Wagnerstüble" lag. Denn dem blieben der Koch und seine Ehefrau stets treu. Und was sie kochten, überzeugte Werner O. Feißt ebenso wie Gerhard Mayer-Vorfelder. Kieferle war unterwegs in Radiosendungen, im WDR-Freizeit- und Fitnessfernsehen, mit Kochberichten in der Abendschau, bei Liveübertragungen aus dem Dobler Kurhaus, in Talkshows wie bei Hans Meiser oder Stefan Raab, gab Interviews in Tageszeitungen und Illustrierten. Der Küchenchef veröffentlichte Rubriken, Rezepte, ganze Kochbücher. Und zog Leute ins "Wagnerstüble", die Vollwert- und Kräuterküche – mit Kräutern aus dem eigenen Garten – entdeckten und nebenbei auch die Sonneninsel Dobel. "Wir waren zu Hoch-Zeiten bis zu sieben Personen in der Küche. Da ich so viel unterwegs war, musste ich einen Koch einstellen." Auch ausgebildet hat er – so wie den Dobler Werner Stängle.

Bereits Altbürgermeister Westenberger habe das Werbepotential erkannt, beschreibt Kieferle, wie zum Beispiel mit einem großen Buffet im Gestüt. Sein Nach-Nachfolger Wolfgang Krieg wusste es bestens zu nutzen. Zahlreiche Aktionen in guter Zusammenarbeit, vom "Kulinarischen Streifzug" bis zum "SWR-Monatsmenü", sind nur einige Auszüge davon. "Ich habe mit Frieder Birzele, damals Landesinnenminister, Maultaschen zubereitet und mit Bürgermeister Krieg und den Ärzten der Waldklinik gekocht", erinnert sich Kieferle, "in erster Linie für das Image von Dobel". Aber er hat auch in Kindergarten, Schule und im Kinderferienprogramm bei den Bürgern vor Ort für gesunde Ernährung geworben. Die Bärlauchwanderungen finden noch heute regionalen Zuspruch.

Der "Fußballkoch" ist den allermeisten in Erinnerung: Von 1989 bis 2002 kochte Kieferle zuerst für den VfB Stuttgart, dann für Bayer Leverkusen. Ob Christoph Daum, Fredi Bobic, Timo Werner oder Joshua Kimmich – sie alle haben sein Müsli, sein Energiegemüse oder sein Dinkelbrot genossen.

Repräsentant der Gastronomen

"Nebenbei" saß Kieferle seit 1985 im Dobler Gemeinderat. Stets sah er sich als Repräsentant der Gastronomen und Hoteliers, als Mittler zu ihnen, die er in der Hochphase des Tourismus an einen Tisch brachte: "Es gab Stammtische und gemeinsame Veranstaltungen." Mittlerweile seien einige der Wirte ohne Nachfolger verstorben, dazu kam der Abschwung des Fremdenverkehrs.

"Dobel hat nach wie vor großes Potenzial, gerade beim Tagestourismus", sagt der 73-Jährige, "gute Luft, Heilklima, Wanderwege sind da. Die Dobler selbst haben zum Teil vergessen, wie wichtig der Fremdenverkehr einmal war und dass er es noch immer sein sollte". "Dieses Wir-Gefühl sollten wir wiederfinden", so seine Frau Renate, seit mehr als 50 Jahren an Kieferles Seite. Beiden ist der Strukturwandel bewusst, weg von den flexiblen Familienbetrieben, hin zu Personal suchenden Gastronomieeinheiten. "Das schwankende Wetter macht es nicht leichter", befindet Kieferle. Trotzdem betonen beide, Dobel müsse unbedingt weiteren guten Gastronomen schmackhaft gemacht werden. "Eine gewisse Qualität muss es geben. Ein Café fehlt vor allem anderen. Das muss man richtig laut publik machen."

Unermüdlich sind Kieferles selbst. Den heimelig-gemütlichen Gastraum ihres Restaurants haben sie renoviert, eine neue Homepage ist in Vorbereitung. Kürzertreten? Kein Thema für die beiden. Mit Hingabe bewirten sie nach wie vor Gäste aus der großen Welt ebenso wie aus Dobel und Umgebung. Und dann möchte der Ehrenringträger unbedingt noch ein Buch für Kinder schreiben – hier, auf dem Dobel natürlich.