Leben mit und inmitten ihrer Bilder: Gertraud Füßer und Ehemann Rolf. Foto: Gegenheimer Foto: Schwarzwälder-Bote

84-jährige Gertrud Füßer ist eine besonders kreative Frau / Gedichtbände veröffentlicht und musiziert / Künstlerin fühlt sich als Medium

Von Winnie Gegenheimer

 

Bad Herrenalb-Bernbach. Sie hat ein gigantisches Werk geschaffen: In 40 Jahren malte sie mehr als 2000 Bilder, veröffentlichte Gedichtbände, musizierte mit Liebe. Gertraud Füßer ist eine kreative Frau. "Sich selbst treu bleiben", ist ein Lebensmotto der mittlerweile 84-Jährigen.

"Ich hatte kein einfaches Leben", sagt die gebürtige Ostpreußin, die über das Rheinland und den Ludwigsburger Raum 1995 nach Bernbach gekommen ist. Dort, im Herzen des Höhenortes, verbringt sie ihren Lebensabend. Zwischen Musikinstrumenten, liebevoll arrangierten Möbeln und Skulpturen, tickenden Uhren und ihren Bildern an den Wänden aus ursprünglichem Sichtfachwerk. Bilder aller Größen und Formate, in kräftigen oder pastelligen Tönen, Öl oder Kohle oder einer Mischtechnik aus beiden. Auf Leinwand oder Karton. Aus unterschiedlichen Schaffensphasen, teils gegenständlich, teils fast abstrakt, mal Landschaft, mal Menschen, mal pure Symbolik. Mal leuchtend bunte Gemüse für den Ehemann – "Schwester Tomate und Verwandte Kraut, weil er mich bekocht!", mal ein kriti-sches Tischgespräch "Ge-schwätz der Weiber", bei dem jeder am anderen vorbeiredet.

Die Bedeutung der Bilder erklärt der größte Verehrer ihres Werkes, Ehemann Rolf. Er ist seit 15 Jahren in Rente und seither "der Mann im Haus und am Herd", der sich mit Hingabe, Geduld und großer Wertschätzung nicht nur um das Werk seiner Ehefrau kümmert, sie erdet, sondern auch für ihr leibliches und gesundheitliches Wohl sorgt. Denn Gertraud Füßer musste sich immer wieder zurückkämpfen nach schweren Erkrankungen. Momentan malt sie nicht. Aber sie schließt nicht aus, dass sie es noch einmal tut: "Das liegt nicht in meiner Entscheidung. Ich bin nur das Medium. Ich male, wenn ich malen muss." So hat sie es stets Ehemann Rolf überlassen, die Bilder zu interpretieren. Vielfach sind Erlebnisse darin verarbeitet. Nahezu naive Bilder über ihre Kindheitserinnerungen an Ostpreußen. Ambivalente Bilder ihrer Zeit als Diakonisse in den 1950er-Jahren. Dabei gibt es erstaunliche Bilder wie das Triptychon, das sie "Sacré Coeur" genannt haben wollte, mit dem zugeneigten Jesus in der Mitte, ohne dass sie die Wallfahrtskirche in Paris je gesehen hatte.

Tiere standen im Mittelpunkt einer der letzten Schaffensphasen ab 2008. Werke daraus wurden auch im Ziegelmuseum ausgestellt.

Heute leben Gertraud und Rolf Füßer inmitten und ganz bewusst mit all den Bildern der kreativen Autodidaktin. Es gibt keine Bitterkeit darüber, dass körperliche Einschränkungen derzeit kein weiteres Schaffen möglich machen. "Wir sind auf anderen Gebieten kreativ", erklärt Rolf Füßer, "wir gehen zu Veranstaltungen. Wir besuchen Vorträge. Und wir erobern Städte – selbst mit dem Roll-stuhl, auf den meine Frau teil-weise angewiesen ist." Paris steht dieses Jahr noch auf dem Plan. Vielleicht auch Sacré Coeur? "Um das ganze Werk meiner Gertraud ausstellen zu können", sinniert Rolf Füßer, "bräuchte es die Wände eines ganzen Schlosses." Und seine Ehefrau, die Künstlerin, lächelt dazu: "Vieles ist so spontan entstanden. Auf dem Herd hat die Suppe für unsere Söhne gekocht. Daneben lagen die Ölfarben. Wenn ich malen musste, musste ich halt malen."