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Bad Dürrheim 47-Jährige muss nach Corona-Infektion wieder gehen lernen

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Anita Reischmann ist auf dem Weg zur Besserung. Dem Psychologen Günter Diehl erzählt sie von ihren Fortschritten. Foto: Günzel

Bad Dürrheim - Es fing mit einem leichten Hustenreiz an: Wenige Wochen später wird Anita Reischmann künstlich beatmet, liegt im Koma und kämpft um ihr Leben. Mittlerweile ist die am Coronavirus erkrankte 47-Jährige zwar auf dem Weg der Besserung und Reha-Patientin der Espan-Klinik in Bad Dürrheim. Doch der Weg zurück in die Normalität ist lang. Ihre Erfahrungen schildert sie in unserem (SB+)Artikel.

Langsam steigt Anita Reischmann die Treppe hinauf, Stufe für Stufe. Sie hat etwas mehr als die Hälfte der Strecke gemeistert, da muss sie anhalten. Mit einer Hand hält sie sich am Geländer fest, während sie Luft holt. Nach einer kleinen Pause geht es weiter, schön langsam, bis sie das nächste Stockwerk erreicht hat.

Dabei denkt die 47-Jährige anfangs nur an einen grippalen Infekt, als sie im März beim Laufen mit dem Hund einen leichten Hustenreiz bekommt und das Fieberthermometer anfangs 39 Grad anzeigt. Das berichtet sie heute. Doch die Temperatur steigt damals rasant an und bei der Blutabnahme stellt der Arzt eine Viruserkrankung fest. "Ich sollte mich auf Corona testen lassen. Leider hat man mich wieder weggeschickt, weil ich keine Risikopatientin war", erzählt Reischmann.

Siebeneinhalb Wochen künstliche Beatmung

Zwei Wochen später kommt die 47-Jährige aus Engen im Kreis Konstanz mit dem Krankenwagen ins Klinikum in Singen - akuter Sauerstoffmangel, Atemnot und 41 Grad Fieber. Reischmann wird an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Doch der Verlauf der Krankheit wird immer extremer. Mit dem Rettungshubschrauber geht es dann in die Uniklinik Freiburg. Die Covid-19-Patientin wird insgesamt siebeneinhalb Wochen beatmet.

"Ich war wirklich ein Pflegefall. Ich konnte gar nichts mehr. Selbst auf der Bettkante sitzen hat mich zum Schwitzen gebracht. Ich musste wieder lernen zu essen, zu reden, selbstständig zu atmen. Der Körper macht einiges durch", beschreibt Reischmann ihre Erfahrungen.

Vor rund fünf Wochen kommt sie in die Espan-Klinik in Bad Dürrheim. Diese ist eine Rehabilitionsfachklinik für Atemwegserkrankungen. Und die Fortschritte sind bereits bei der 47-Jährigen sichtbar. "Seit eineinhalb Wochen bin ich Rollator-los und laufe wieder selbstständig", erzählt sie stolz.

Die Fachklinik wurde zu Hochzeiten der Pandemie als Ersatz-Krankenhaus eingerichtet. 20 Betten wurden geleert, um zur Not Corona-Patienten aufnehmen zu können. "Gott sei Dank haben wir die Betten nicht benötigt", sagt Bernd Baumbach, Geschäftsführer der Espan-Klinik.

Viele junge Patienten ohne Vorerkrankung

Klinik-Mitarbeiter helfen Patienten wie Anita Reischmann, sich von ihrer Covid-19-Erkrankung zu erholen. Die 47-Jährige liegt dabei im Durchschnittsalter der Patienten, berichtet der Psychologe Günter Diehl. "Wir haben aber auch viele Patienten, die deutlich jünger sind und keine gravierenden Vorerkrankungen hatten."

Bei der Influenza gibt es laut Diehl ebenfalls schwere Verläufe, aber: "Es werden deutlich mehr Menschen ohne Spätfolgen wieder gesund", betont er. Denn sind erst einmal Erkrankung, Beatmung und der Aufenthalt auf der Intensivstation überstanden, kommen beim Coronavirus die Folgeschäden.

"Die Patienten sind plötzlich aus ihrem normalen Leben herausgerissen worden, als sie plötzlich erkrankt sind", sagt Diehl. "Viele haben das Gefühl, dass es mit ihnen zu Ende geht und sie haben damit auch sehr traumatische Erfahrungen gemacht." Diese Ängste kämen auch während der Reha immer wieder hoch.

Die Patienten erleben teilweise auch "Horrorträume", beschreibt der Psychologe. "Sie erleben dabei die schlimmsten Horrorfilme, die sich sehr real anfühlen." Die Zeit in der Reha würde nicht ausreichen, um das alles zu verarbeiten.

Anita Reischmann bleiben diese schlimmen Albträume erspart. Durch die Medikamente bekommt sie vieles nicht mit, berichtet sie später. "Ich war größtenteils in einem glücklichen Zustand, während ich im Koma war. Das hat mir vieles erspart."

Einschränkungen auch nach der Entlassung

Doch die Erkrankung hat nicht nur psychische Folgen. Zu diesen gehören laut Chefarzt Horst Wittstruck auch eine Einschränkung des Lungenvolumens, woraus Atemnot und Sauerstoffmangel folgen können. "Zum Glück benötigen nur wenige Patienten auf Dauer Sauerstoff." Doch nicht alle Symptome betreffen die Lunge. "Das Covid-19-Virus beschädigt auch andere Organe wie die Nieren und das zentrale Nervensystem", berichtet Wittstruck. "Manche Patienten haben auch Geschmacks- oder psychische Störungen, von denen wir auch noch nicht wissen, wie lange sie anhalten."

Psychologe Diehl stimmt dem zu: "Wir sprechen hier nicht von Wochen, sondern von Monaten, die die Patienten brauchen, um wieder gesund zu werden. Sie sehen und hören teilweise schlechter und haben Gefühlsstörungen." Normalerweise dauert der Aufenthalt in der Espan-Klinik rund drei Wochen, erzählt der Psychologe Günter Diehl. Bei den Covid-19-Patienten seien es fünf bis sechs Wochen.

Selbst nach der Entlassung aus der Espan-Klinik haben einige Patienten noch mit körperlichen Einschränkungen zu kämpfen. Und damit beginnen die nächsten Probleme. "Viele Patienten fragen sich: Reicht das Krankengeld aus? Kann ich meinen Job behalten? Kann ich meinen Beruf überhaupt noch ausführen? Das schlägt massiv auf die Psyche", erzählt Diehl. Dies führe häufig zu Depressionen.

Die meisten, die sich in der Bad Dürrheimer Klinik an der Erkrankung mit dem Coronavirus erholt haben, benötigen anschließend psychotherapeutische Begleitung. "Doch die Wartezeiten sind sehr lange - mindestens ein halbes bis dreiviertel Jahr", kritisiert Diehl.

Belastung durch Kontaktsperre

Was viele Covid-19-Patienten ebenfalls stark belastet: Während der Kontaktsperre dürfen sie monatelang ihre Angehörigen nicht sehen. "Es ist niemand da gewesen, der ihre Hand gehalten oder sie in den Arm genommen hat", so Diehl.

Anita Reischmann hat während ihres Aufenthalts in Singen telefonischen Kontakt mit ihrem Freund. Da sie nicht reden kann, kommuniziert sie über Klopfzeichen mit ihrem Partner. In Freiburg darf sie dann Besuch empfangen. "Man spürt es, ob jemand da ist und die Hand hält. Das hat die ganze psychische Sache bei mir stark positiv beeinflusst."

Die 47-Jährige wünscht diese Erkrankung niemandem. "Der Virus ist brandgefährlich", warnt sie. Nächste Woche wird sie nun auch aus der Reha in Bad Dürrheim entlassen. Bis Dezember 2020 dauert es laut den Ärzten jedoch, bis Reischmann ihren alten Zustand erreicht. Bis dahin geht sie ihren Weg langsamer und präsenter.

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