Alles andere als gewöhnlich war die offizielle Kandidaten-Vorstellung für die Bad Bellinger Bürgermeisterwahl, findet unsere Redakteurin Claudia Bötsch.
Die offizielle Bewerbervorstellung für die Bad Bellinger Bürgermeisterwahl war vieles, aber eines sicher nicht: langweilig. „Anderswo muss man fürs Kabarett Eintritt bezahlen, hier ist es umsonst“, kommentierte ein Zuhörer in den vorderen Reihen, was sich da bisweilen auf der Kurhaus-Bühne abspielte. Für Erheiterung sorgte etwa die Ankündigung von Bewerber Karl Wiesler, im Falle seines Wahlsiegs keinesfalls die acht Jahre vollmachen zu wollen: „Das ist ja klar“, meinte der 67-Jährige, und sagte, dass er den Job nur so lange machen wolle, „bis der Laden aufgeräumt ist“.
Kuriose Aussagen und skurrile Szenen gab es an diesem Abend so einige. Manch einer dürfte sich gefragt haben: Wo bin ich hier eigentlich gelandet? Was soll das?
Immerhin handelt es sich hier um die Bewerbung für das höchste politische Amt in der Gemeinde. Professionalität, Vorbereitung und Kenntnis der Materie ließen im Feld der Herausforderer indes teilweise stark zu wünschen übrig.
Keine Rede vorbereitet
Kandidat Wiesler hatte erst gar keine Rede vorbereitet. Seine „Ausführungen“, die nur ein paar Minuten dauerten, sorgten immerhin für einige Lacher und machten deutlich, dass bei diesem Bewerber offenbar gewisse Kenntnisse fehlen, die für das Bürgermeisteramt grundlegend sind.
Inhalt kam nicht an
Bewerber Franz Feldmeyer merkte bei seinem Vortrag offenbar schnell, dass seine vorbereitete Rede mit den kleinteiligen Ausführungen zu lang war. Und weil er wenig überzeugend und ins Blatt nuschelnd vortrug, kam der Inhalt bei vielen potenziellen Wählern erst gar nicht an.
An das Gefühl appelliert
Souverän und gut vorbereitet präsentierte sich hingegen der dritte Herausforderer: Harro Kienzler. So, als ob nichts gewesen wäre. Das zerbrochene Porzellan zwischen Mitarbeitern der Verwaltung und ihm? „Kann man einen Schlussstrich ziehen“, entgegnete Kienzler auf eine entsprechende Frage von Bürgerseite. Er präsentierte sich zudem – angesprochen auf seinen politischen und weltanschaulichen Hintergrund – „politisch frei und unabhängig“.
Der Bamlacher bewarb den „Wendepunkt für Bad Bellingen“ zu einem „Dorf der Chancen“. Sein Auftritt appellierte an das Gefühl, blieb aber weitgehend im Unkonkreten. Das konkreteste Projekt, das er vorstellte, war die Idee, den Kurpark in einen Bürgerpark umzuwandeln. „Ich bin einer von euch“, meinte Kienzler zum Publikum, und betonte die Werte von Gemeinschaft und Heimatverbundenheit. Ein Bürger wollte schließlich von ihm wissen: „Wie wollen Sie – politisch unerfahren und ohne jedwedes Netzwerk – diese Gemeinde durch eine Krisenzeit führen?“ Kienzler verwies unter anderem auf sein erfolgreiches Unternehmertum.
Was er hier außerdem als Antwort gab, zeugte indes von keinem guten Stil: „Schlechter als er kann man’s nicht machen.“ Dieser Seitenhieb gegen den Amtsinhaber brachte ihm dann auch keinen Applaus, sondern Buh-Rufe.
Als Profi präsentiert
Amtsinhaber Carsten Vogelpohl selbst zeigte sich als Profi, sowohl bei seiner Rede, als auch bei den Fragerunden. Er verwies auf das Erreichte und die erfolgreiche Entwicklung in den vergangenen acht Jahren. Er präsentierte Bad Bellingen als attraktive Gemeinde, die in seiner Amtszeit um gut 1000 Einwohner gewachsen sei.
Vogelpohl zählte zahlreiche Projekte auf und verwies unter anderem auf Baugebiete, das Gesundheitszentrum, den Kurparkweiher, das Haus der Vereine und die Eröffnung des Kindergartens in Hertingen. Insgesamt seien während seiner Amtszeit 20 Millionen Euro neu investiert und fünf Millionen Euro in die Sanierung der vorhandenen Infrastruktur gesteckt worden.
Indes: Nach acht Jahren Amtszeit ist er nicht unumstritten. Unter anderem die rund elf Millionen Euro teure Rathaus-Sanierung und Erweiterung hat bei manchem Bürger für Kritik und Unverständnis gesorgt und die damit verbundene Priorisierung vor der Therme.
Ein aufschlussreicher Abend
Als Erkenntnis dieses Abends bleibt: Das Interesse an der Bewerbervorstellung war mit rund 550 Besuchern erfreulich groß. Viele Bürger haben die Gelegenheit genutzt, um sich selbst ein Bild von allen Kandidaten zu machen. Sie erlebten einen aufschlussreichen Abend. Denn im konkreten Austausch wurde deutlich, ob und wieviel Substanz hinter den einzelnen Bewerbern wirklich steckt.