Hans-Dieter und Sybella Jersch freuen sich über die Veröffentlichung von "Backen mit Leidenschaft". Foto: Kunert

Mit tollen Rezepten hat Autorin schwere Krankheit überwunden. Selbst gezeichnete Schablonen für Motivkuchen.

Die Erdbeer-Mascarpone-Schnitten sind zum Niederknien lecker, die Schnecken-Nudeln mit der herrlichen Nussfüllung – einfach ein Gedicht. Und die Baileys-Kugeln erst – die machen einfach nur süchtig. So wünscht man sich Buchpräsentationen. Autorin Sybella Jersch hat eingeladen.

Ebhausen - Auf der adretten Kaffeetafel im heimischen Wohnzimmer liegt ihr großformatiger Rezept-Bildband "Backen mit Leidenschaft", verfügbar als gebundener Pracht-Foliant und als Paperback. Knapp 100 eigenhändig entwickelte, ausprobierte Backrezepte – vom Motivkuchen über echte Hingucker-Torten bis zu Brot und Kleingebäck. Die Krapfen sollen der Hammer sein, verrät Ehemann Hans-Dieter – offensichtlich Sybella Jerschs größter Fan. Der hat den Kaffee beigesteuert zur Kaffeetafel. Mit dem hat er beruflich zu tun. Auch so eine Offenbarung.

"Backen mit Leidenschaft"

Was man bei den Erdbeer-Mascarpone-Schnitten sofort schmeckt: Die sind nicht nur lecker, sondern auch mit richtig viel Liebe gemacht. Leidenschaft. So heißt auch das Backbuch von Sybella Jersch: "Backen mit Leidenschaft". Das meint, erläutert die Autorin: "Es muss nicht perfekt sein. Ich möchte jenen, die sich das Backen eigentlich nicht zutrauen, Mut machen, es trotzdem zu versuchen." Backen befreit. Backen macht glücklich – sich; und die mit den Kuchen, den Keksen, den Brötchen und Schnittchen Beschenkten. Backen kann aber auch Heilen. Sybella Jersch zum Beispiel.

Die war vor über drei Jahren schwer erkrankt. Posttraumatische Belastungsstörung lautete die Diagnose. Schlimme, sehr schlimme Kindheitserinnerungen waren hervorgebrochen. Die schlimmsten überhaupt. Auch darüber schreibe sie gerade ein Buch – ihr nächstes. Deshalb darf man das erwähnen. Sybella erzählt. Die eben noch so unbeschwerte Kaffeetafel wird auf einmal sehr, sehr ernst. Eine wirklich schlimme Geschichte. Aber mit Happyend: Während eines stationären Krankenhausaufenthalts war das gemeinsame Backen Teil der Therapie. "Es befreite mich", erzählt die gebürtige Ebhausenerin. Machte den Kopf frei. Auch das Herz, die Seele offenbar. Zuhause hörte sie nicht auf mit dem Backen.

Vor allem diese Motivkuchen – Kinderwagen. Rennwagen. Ein ganzer Fußballplatz. Einen riesen Zahn – für den Zahnarzt. Ein Piratenschiff – für die Enkel. Im Backbuch finden sich Kopien der dafür selbst gezeichneten Schablone.

Die bösen Geister aus den Gedanken vertreiben

"Ich arbeite dabei vier, fünf Stunden sehr konzentriert", erzählt Sybella. "Bin sehr bei mir". Und das vertreibt so die bösen Geister aus den Gedanken. Macht frei eben.

Und Sybella als Bäckerin und Autodidaktin immer besser. So gut, dass Ehemann Hans-Dieter – wie gesagt, ihr größter Fan – irgendwann die Idee mit dem eigenen Backbuch hatte. Da ging es dann erst richtig los in der heimischen Backstube.

Jede Woche – eine bis drei Torten im Hause Jersch. Im "Endspurt" der Buchproduktion jeden Tag mindestens ein Kuchen. Wie hält man da die Figur? Die fünf Kinder – drei von ihr, zwei von ihm – und vier Enkel helfen gerne mit, das leckere Werk zu begutachten. Der jüngste Enkel sei dabei "mein größter Kritiker", erzählt Sybella. Wenn’s schmeckt, zeigt er die Daumen hoch. Und Daumen runter – das gab es bisher noch nie.

Hans-Dieter zeigt seine Lieblingsstücke aus dem Backbuch der Ehefrau: "Bezaubernde Mini-Törtchen", gerät er ins Schwärmen. Jeden Finger habe er sich danach abgeleckt. Man muss vermeiden, schon beim Zuhören mit all dem Wasser im Mund nicht los zu schmatzen. Aber da sind ja noch reichlich von den Baileys-Kugeln. Das hilft.

Gleißendes Licht anstatt Finsternis

Früher habe ihre Familie eine Buchhandlung in Ebhausen besessen – Buchhandlung Keller in der Marktstraße. Daher die Affinität zu Büchern. Aber ein eigenes Buch zu schreiben, die Fotos der vielen Kuchen und Torten selbst aufzunehmen – auch das war offenbar Teil des Abenteuers für Sybella und Hans-Dieter. "Ich bin da richtig stolz auf sie", sagt Hans-Dieter. Diese ungeheure Fleißarbeit. Die wachsende Professionalität. Die Überwindung der schweren Krankheit. Des so lange verschütteten Traumas. Und natürlich der viele tolle Kuchen.

Das Glück in dieser Familie geht ganz offensichtlich durch den Magen. "Ja, sie kann auch super kochen", bestätigt Ehemann Hans-Dieter. "Überbackene Maultaschen mit Tomaten und Käse", davon könnten sein Sohn und er einfach nie genug bekommen. Vielleicht gibt’s ja irgendwann auch ein Kochbuch?

Man darf die Kaffeetafel bei Sybella nicht verlassen, ohne reichlich beschenkt zu werden. Von allem etwas für nach Hause. Die Erdbeeren von den Mascarpone-Schnitten duften – jetzt mitten im Winter – unfassbar intensiv. Und noch im Auto muss man noch mal – und noch mal – von den Baileys-Kugeln naschen. Und über die Jerschs und diese unglaublich bezaubernde Kaffeetafel nachdenken.

Eine Posttraumatische Belastungsstörung – wie sie Sybella beschrieben hat. Das ist heftig. Sie schreibt sich das ja gerade mit ihrem zweiten Buch von der Seele. Solch krasse Erlebnisse in soviel Kreativität umzumünzen – zu kanalisieren – das ist einfach beeindruckend. Gleißendes Licht, wo vorher soviel Finsternis war. Und so viel unfassbar leckerer Kuchen.

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