Viel Bach und viel Spaß: das JSB-Ensemble Foto: Bachfest Stuttgart

Bachfest Stuttgart
Hans-Christoph Rademann und das junge JSB-Ensemble begeistern mit Bachs „lutherischen Messen“.

Johann Sebastian Bach und die kirchliche Liturgie: Bei diesen Stichworten denkt man sofort an die große Messe in H-Moll, eines der größten Meisterwerke Bachs und der Musikgeschichte insgesamt. Vergessen werden dabei die Kurzmessen, in deren zeitlichem Umfeld auch die ersten beiden Sätze der H-Moll-Messe entstanden. Vier sogenannte „lutherische Messen“, die sich auf Vertonungen des Kyrie- und des Gloria-Satzes beschränken, hat Bach in den 1730er Jahren geschaffen. Aufgeführt werden diese Werke nur selten. Zu Unrecht!

 

Abschluss der Workshops

Am Sonntag hat die Nachwuchstruppe des Bachfests Stuttgart ihre Workshops mit der Gesamtaufführung aller vier Kurzmessen abgeschlossen, und der Abend in der Stuttgarter Musikhochschule wird ebenso lang wie hochspannend. Das liegt auch an der Vielfalt der Werke. Zwar hat Bach hier wie so oft früher Komponiertes recycelt, also den Texten die (meist stark bearbeitete) Musik aus eigenen Kantaten unterlegt. Doch tut er dies auf so unterschiedliche Weise, dass man aus dem Staunen nicht herauskommt.

Da ergänzen mal Traversflöten (in der A-Dur-Messe), mal Oboen, mal zusätzlich Hörner (in der F-Dur-Messe) den instrumentalen Klang; mal ist das Kyrie eine groß angelegte Chorfuge (in der G-Dur-Messe), mal klingt es leichtfüßig, mal wird es wuchtig mit dem choralartig eingewobenen Abendmahlsgesang „Christe, du Lamm Gottes“ durchsetzt; mal steht strenge Kontrapunktik im Zentrum. Mal lebt die Musik vom konzertanten Wechsel, mal von opernhafter Theatralik, und die fünf Gloria-Teile schillern in unterschiedlichsten Farben. Ein faszinierender Kosmos!

Unter den Gesangssolisten beeindruckt besonders die Art, in der die Sopranistin Yeree Suh schlichten, natürlichen Stimmfluss und klare, gerade Stimmführung mit starkem Ausdruck zusammenbringt. Sehr gut haben die Dozentinnen und Dozenten die Schwierigkeit gemeistert, die Klangfarben und Artikulationen im international besetzten Chor zu homogenisieren. Zwar hört man noch, vor allem bei Vokalen, dezente Farbnuancen, und es gibt durchaus auch so manch kleinen Wackler bei den Einsätzen, aber insgesamt ist die Verschmelzung der Stimmen gelungen.

Spürbare Begeisterung

Für den Rest sorgt die spürbare Begeisterung der Singenden, die sich sofort auf das Publikum überträgt. Exzellent ist ebenfalls das Orchester, auch wenn hier nicht immer alles so selbstverständlich ineinandergreift wie bei eingespielten Ensembles. Es gibt tolle Solisten bei den Bläsern und bei den wechselnden konzertierenden Solo-Geigern. Hans-Christoph Rademann gibt einen klaren Kurs vor, und am Ende kriegt sich das Publikum vor lauter Jubel kaum ein.

Fazit: In den Wiederholungsschleifen des Klassik-Betriebs hat auch das Unbekannte eine Chance – wenn es gut und mit innerem Feuer präsentiert wird.