Literatur im Stauffenberg-Schloss: Bettina Wohlfarth las, Ralf Keppler moderierte. Foto: Baur

Es hätte der literarischen Fiktion womöglich gar nicht bedurft, um das Publikum von Bettina Wohlfahrths Lesung im Lautlinger Schloss zu elektrisieren – das Sujet war spannend genug: Kunstraub und Kunstfälschung im besetzten Paris der Kriegsjahre.

Albstadt-Lautlingen - Sie erscheint prädestiniert für diesen Stoff: Nach dem Studium der Germanistik, Philosophie und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften war sie 1990 nach Paris gegangen – ursprünglich wollte sie nur ihr Französisch aufbessern und zwei Monate bleiben, aber aus denen sind 30 Jahre geworden. Bettina Wohlfarth ist immer noch in Frankreich, arbeitet als freie Übersetzerin und als Journalistin, unter anderem für die Frankfurter Allgemeine, die sie mit Berichten über den Kunstmarkt und große Ausstellungen versorgt. Und als Schriftstellerin: "Wagfalls Erbe", ihr Romanerstling, handelt von einem Thema, das lange Zeit eher vernachlässigt wurde: von Kunstfälschung in den 1930er und 40er Jahren und vom Kunstraub, den Hitler, Göring und Konsorten auch im besetzten Frankreich systematisch betrieben. Auf das Thema war sie in dem Buch "Das verlorene Museum" von Hector Feliciano gestoßen; es fesselte sie so sehr, dass sie begann, auf eigene Faust zu recherchieren – sie hätte tatsächlich auch ein Sachbuch schreiben können.

Ein melacholischer Kunstfälscher

Ralf Keppler, Albstädter Stadtrat, hoher Polizeibeamter und am Freitagabend Moderator der Lesung, ist eingestandenermaßen froh, dass sie es nicht getan hat – dem literarischen Publikum wäre eine Perle verloren gegangen. "Wagfalls Erbe" ist ein komplex gefügtes Werk mit mehreren Zeitebenen und wechselnden Handlungssträngen; Protagonisten sind der Maler Viktor Wagfall, der in jungen Jahren unter dem Pseudonym Isidor Schweig in Paris Gemälde fälschte, und seine Tochter, die Fotografin Karolin, die Jahre nach seinem Tod auf seine geheimen "Aufzeichnungen eines melancholischen Kunstfälschers" stößt und sich mit der Kamera auf die Spuren ihrer verheimlichten Familiengeschichte begibt.

Faszination Bonnard

Drei Erzählebenen hat das Buch: Karolins Recherche, Wagfalls späte Jahre, in denen er sein schriftliches Bekenntnis ablegt, und Isidor Schweigs Pariser Zeit, als er versucht, es Salvador Dalí und Pablo Picasso gleich zu tun, und von den Bildern Pierre Bonnards, des "Künstlers des Glücks", fasziniert ist, jenen Interieurs mit dem charakteristischen getrübten Licht und der kühlen Distanz. Gerade diese Passage faszinieren dank Bettina Wohlfahrts profundem Hintergrundwissen und ihrer genauen Ortskenntnis besonders: Man glaubt, sich selbst auf dem Montmartre oder am Montparnasse zu befinden, mit den größten Künstlern der klassischen Moderne am Cafétisch nebenan. Dazu ein Witz an den richtigen Stellen – im Saal des Stauffenberg-Schlosses wurde am Freitagabend auch gelacht. Und gelauscht: Philip Dahlem begleitete die Lesung kongenial am Flügel mit stimmungshaften Klängen.

"Viele Leben statt eines einzigen"

Zum Schluss hatten die Besucher, die Möglichkeit Fragen zu stellen. Bettina Wohlfarth bekannte sich in einem entspannten Gespräch zur Literatur als einer Möglichkeit, "viele Leben zu führen anstelle des eigenen bescheidenen und kleinen. Und zu Träume, Symbolen und erdachten Geschichten, die das Leben am Ende authentischer abbildeten als Realismus oder Naturalismus. "Ich schreibe das Buch, um zu wissen, was drin steht."