Der Autor Segal ludt hat auf Einladung des Vereins Gedenkstätten KZ Bisingen zur Lesung mit Diskussion ein. Dabei ging es auch um aktuelle politische Entwicklungen.
Am Freitagabend gab es die Möglichkeit, an der Lesung aus „Jeder Tag wie heute“ von und mit Ron Segal teilzunehmen. Den Zuhörern vermittelte der Autor nicht nur Eindrücke aus dem Buch, sondern auch von der Klangwelt hebräischer Sprache – in der das Buch im Original verfasst und erschienen ist.
Die anschließende Diskussion zum Buch unter dem Leitthema Erinnerungskultur fand regen Anklang. Unter anderem kam dabei die Frage auf, wie man jüdischen Mitbürgern mehr als nur eine Opfer-Identität zukommen lassen könnte, um das öffentliche Bild nicht immer historisch belastet darzustellen.
Einige sehen hier die Zuständigkeit in der Schulbildung, andere in der Erziehung. Schwierig war es für einige Diskussionsteilnehmer, die häufiger werdenden antisemitischen Angriffe nachzuvollziehen. Ob die Gesetzgebung da nicht zu locker sei, hieß es aus den Reihen der Zuhörern. Einerseits wurde für einen besseren rechtlichen Schutz plädiert, andererseits wünschen sich wieder andere ein gesellschaftliches Umdenken mit sozialer Verantwortung, statt staatlicher Regulierung.
Sechster Termin in der Region
Nicht zuletzt, weil Ron Segal bereits viel Erfahrung mit Vorträgen und der Beantwortung sämtlicher Fragen hat, konnte er die Diskussion geschickt leiten: Regelmäßig hält er Vorlesungen für Schüler ab der neunten Klasse und ist, wie auch an diesem Freitag, im Land unterwegs, um für sämtliche Interessierte Vorträge zu geben. So war der Termin in Bisingen schon der sechste in der Region.
Ron Segal hat durch seine Familiengeschichte und durch seine deutschen Wurzeln einen persönlichen Bezug zu der Frage, wie man sich an die NS-Zeit erinnern soll, es ist „Teil von meiner Identität, ob ich es mag oder nicht“, so Segal. Inspiriert durch die Schoah-Interviews entwickelte er das Buch „Jeder Tag wie heute“.
50 Interviews haben Bezug zu Bisingen
Rund 50 der insgesamt 52 000 geführten Interviews erwähnen das ehemalige KZ Bisingen. Vor sechs Jahren wurde schließlich das KZ-Museum in Bisingen, basierend auf diesen Aussagen, eingerichtet.
In „Jeder Tag wie heute“ geht es um Adam Schuhmacher, einem 90-jährigen Holocaust-Überlebenden, der für ein Interview zurück nach Deutschland reist und wegen seiner Demenz und einem Versprechen an seine verstorbene Frau beginnt, ihrer beider Lebensgeschichten zu verschriftlichen. Segal betonte mehrfach, dass es sich im Roman um Fiktion handele, auch wenn dieser auf wahren Begebenheiten beruht und auch viele Details aus den Erzählungen der Schoah-Interviews umfasst.
Auch die emotionale Wahrheit ist eine Wahrheit
Erinnerungslücken des Protagonisten füllt dieser unbewusst durch nicht Tatsächliches aus, laut Segal sind diese Lückenfüller dadurch aber nicht weniger wahr: Die emotionale Wahrheit sei ein wichtiger Bestandteil der Erinnerungskultur und bietet einen neuen, subjektiveren Zugang zum damals Erlebten.
Es gebe Menschen, die unglaublich gut darin seien Geschichten zu erzählen, wenn diese sich dem Schaffen von Literatur zuwenden, dann „kann ein guter Roman das, was ein Geschichtsbuch nicht kann“, fasste Ron Segal zusammen.