Porsche ermöglichte auch Nicht-Rennfahrern den Rausch der Geschwindigkeit. Foto: Arte/taglicht media/Martin Kaeswurm

Kaum eine andere menschliche Erfindung wird so kultisch verehrt wie das Automobil. Eine zweiteilige Dokumentation auf Arte zeigt seine wechselvolle Geschichte.

Stuttgart - Einfach spontan hinausfahren ins Land an schöne Orte, an denen niemand sonst ist – Ende der 1920er Jahre wurde das Automobil zum Symbol für eine neue Form bürgerlicher Freiheit. Immer mehr Menschen konnten es sich leisten und verknüpften damit einen Traum uneingeschränkter Mobilität, die es vorher nicht gegeben hatte. Der deutsche Journalist und Filmemacher Tom Ockers widmet der wechselvollen Geschichte des Autos eine zweiteilige Dokumentation namens „Automania“. „Im Rausch der Geschwindigkeit“ heißt die erste Folge, „Wahre Liebe“ die zweite.

 

In der ersten geht es um Autorennen, und den Mythos der lange unschlagbaren Mercedes-Benz-Silberpfeile, um Geschwindigkeitsrekorde und Raser auf deutschen Autobahnen, um den ersten Serien-Sportwagen von Porsche – und darum, dass es die Nazis waren, die das Fahren ohne Tempolimit erfunden haben. Die zweite widmet sich der Freiheit, dem Design, Sammler-Leidenschaften und dem Kult um Fahrzeuge wie den deutschen VW Käfer oder den französischen Citroën 2CV, in Deutschland besser bekannt als Ente. Während der Käfer Anfang der 50er das Freiheitsversprechen für die Massen einlöste, das Hitler einst gegeben und wegen des Weltkriegs gebrochen hatte, wurde die Ente weltweit zum Symbol für ein entschleunigtes Lebensgefühl, eine Form des Savoir-vivre für Jedermann.

Kult um den Käfer

Wie bei Arte-Produktionen üblich, beleucht Ockers die Entwicklung in beiden Ländern, und die französische Perspektive kann durchaus erfrischend wirken: Man bekommt seltenen Einblicke, gerade aus den Anfangstagen des Automobils, die keineswegs vor allem ein deutsches Phänomen waren, wie hierzulande gerne angenommen wird. Das Doppelwinkel-Logo von Citroën etwa steht für die Fischgräten-Zahnräder, mit denen der Firmengründer André Henry um 1900 die Kraftübertragung der Motoren verbesserte.

Ockers hat jede Menge Details und historische Aufnahmen zusammengetragen, Experten wie Ferdinand Dudenhöffer erklären und ordnen ein. Dabei trennt der Filmemacher inhaltlich keineswegs scharf zwischen den Hälften seiner Dokumentation. Manchmal verwendet er identisches Bildmaterial, etwa Werbeaufnahmen für den jungen VW Käfer, der federleicht alpine Pass-Straßen erklimmt, während bei anderen Fahrzeugen der Kühler kocht. Die Sprechertexte aber unterscheiden sich, die Überschneidungen sind eher Ergänzungen als Wiederholungen. Die Teilung bietet den Vorteil, dass das Publikum schon in rund 50 Minuten schon viel erfahren kann – je nach Interessenlage.

Der Raubtier-Look der SUVs

Die Einführung von Verkehrsregeln und die Entwicklung der Sicherheitstechnik sind beim „Rausch der Geschwindigkeit“ stärker vertreten. Auch Raserei und die tödlichen Folgen illegaler Autorennen thematisiert Ockers hier nicht aus. Bei der „Wahren Liebe“ geht es eher um Ästhetik, um das hydraulische Wunderwerke Citroën DS, um Mantas und Trabis und um den Siegeszug der SUVs, denen der Design-Professor Paolo Tumminelli einen aggressiven Raubtier-Look bescheinigt.

Inzwischen arbeiten Ingenieure daran, den geräuschlosen Elektroautos eine Stimme zugeben, die das Röhren der Verbrennungsmotoren ersetzt: Er wolle „die Erinnerungen der Kinder von morgen komponieren“, sagt der Sound-Designer Renzo Vitale, der mit dem Filmkomponisten mit Hans Zimmer arbeitet.

Dass die Freiheit auf gewisse Weise zum Fluch geworden ist, spart Ockers aus: Wer heute spontan hinausfährt ins Land findet an schönen Orten, an denen früher niemand war, womöglich keinen Parkplatz mehr.

Am 18. März im Arte- Fernsehen, bis 15 Juni in der Mediathek.