Immer wieder freitags fuhren Kritiker der Corona-Auflagen beim Autokorso durch Villingen. Organisiert wurden die motorisierten Demonstrationen auch in einer Telegram-Gruppe. Doch darin geht es längst nicht mehr nur um den Unmut über Corona-Beschränkungen.
Villingen-Schwenningen - "Autokorso Schwarzwald Orga" nennt sich die 255 Mitglieder starke Gruppe im Nachrichtendienst Telegram. Hier werden aktuelle Infos zu bevorstehenden Autokorsos, unter anderem in VS, ausgetauscht und auch der Grundstein für die ursprünglich an Muttertag in Villingen geplante Großdemonstration ist hier gelegt worden.
Doch zwischen den Zeilen geht es hier darüber hinaus offenbar um vieles andere: Links und Rechts sowie Propaganda von der einen gegen die andere Seite, Warnungen vor Corona-Schutzimpfungen, Schelte gegen die "Mainstream-Medien" und gegen "das System".
Nachrichten in hoher Schlagzahl
"Der hat richtig auf die Fresse bekommen. Sein Profil ist mittlerweile abgeschlossen", schrieb ein gewisser "Noname" am 1. Juni. Wer "der" ist, bleibt in dieser Diskussion zunächst offen – zu vielschichtig war das Themenspektrum zuvor, das von eingereisten afrikanischen Flüchtlingen über Ausschreitungen zwischen Polizisten und Demo-Teilnehmern in Berlin bis hin zu den Corona-Impfungen reichte.
Dass es in der Gruppe längst nicht mehr vorrangig um die Organisation von Autokorsos in der Region und darum geht, Kritikern der Corona-Verordnungen eine Plattform zu bieten, wird beim Blick in die Unterhaltung deutlich. In hoher Schlagzahl werden Nachrichten veröffentlicht, wie etwa eine weitergeleitete von einer Quelle namens "Der Volkslehrer-Kanal": "Antifa-Terrornetzwerk in Deutschland – Die Hintergründe. Von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt überziehen Antifa-Aktivisten Deutschland derzeit mit einer Serie von hinterhältigen Überfällen und brutalen Brandanschlägen. Welche Rolle dabei die Behörden, Fördermillionen und etablierten Medien spielen…"
Von Frontmusik und rechten Krawallmedien
In einer anderen Veröffentlichung ist die Rede von einem "neuen Projekt", erklärt durch Professor Sucharit Bhakdi – aufgefallen als Befeuerer der Querdenker-Szene, dessen Behauptungen Journalisten und Wissenschaftler bei Faktenchecks regelmäßig als "falsch" entlarvt haben wollen. Bei besagtem "neuen Projekt" sollen sich Impfwillige vor der Impfung und eine Woche danach Blut abnehmen lassen – "so soll nachgewiesen werden, wie hoch die Anzahl an Geimpften ist, bei denen nach der Impfung die Blutgerinnung erhöht ist. Erste Proben weisen auf 100% hin!", heißt es nun – mit einem saloppen "Servus Deutschland" verabschiedet sich der Schreiber ins Nirwana des Internets.
Und auch im nächsten Post wird mit kruder Kritik an offiziellen Stellen nicht gespart - "Gehirnwäsche: So werden Schüler in Bayern auf Linie gebracht!" – es geht um ein angebliches "offizielles Bildungs-Dokument", einen Film, in dem gezeigt werde, was Influencer sind "und warum die Rechten so gefährlich sind". Angeprangert wird, wer als prominentes Beispiel hierbei diene: Martin Sellner etwa – er gilt als Chef der rechtsradikalen Identitären Bewegung in Österreich, aber auch Ken Jebsen, der vor allem durch seine Aussagen, wonach Bill Gates die Corona-Maßnahmen in Deutschland steuere, für Schlagzeilen gesorgt hatte, und dem die Verbreitung von Antisemitismus, Querfront-Denken und Verschwörungstheorien nachgesagt werden.
Werbung für "erstes Alternatives und Unabhängiges Fernsehen"
Schonungslos Werbung gemacht wird mit einer von "Frontmusik" weitergeleiteten Werbung für "AUF1", einen Fernsehsender, der sich als "erstes Alternatives und Unabhängiges Fernsehen" begreift und "schonungslos kritisch" berichten will. Zusehern sollen neue Blickwinkel und Positionen angeboten werden, "die sie in den Mainstream-Medien garantiert nicht sehen können".
Gestaltet werden soll das Programm unter anderem von Elsa Mittmannsgruber, Chefredakteurin der österreichischen Zeitung Wochenblick, die wiederum in Österreich schon als "rechtes Krawallmedium" bezeichnet wurde, dem auch gerade in Zusammenhang mit Covid-19 Desinformation, Unwahrheiten und Verschwörungstheorien nachgesagt worden sind. Mittmannsgruber soll bei Auf1 das Format "AUFrecht" gestalten. Zu ihrer weiteren politischen Einordnung wird nicht Stellung genommen – als Autor für den Wochenblick schreibt jedoch beispielsweise mit Johannes Schüller ein Mann, der als "Vertreter der neurechten Szene" bekannt ist und als Mitbegründer der rechtsextremen Identitären Bewegung in Deutschland gilt.
"Ganz Deutschland hasst die Antifa."
Ebenfalls häufig gelesen in der regionalen Gruppe Autokorso Schwarzwald: Tommy Frenck Kanal – hier geht es um einen Neonazi und ehemaligen NPD-Politiker, der in der Autokorso-Gruppe des Schwarzwald-Baar-Kreises offenbar Anhänger vermutet: "Wer noch nicht hat, kann gerne auch meinem Instagram Kanal folgen."
Passend dazu eine andere weitergeleitete Nachricht mit Werbung für ein T-Shirt: "Neu im Shop unser Motiv: Ganz Deutschland hasst die Antifa." Immer wieder war bereits in älteren Nachrichten der Telegram-Gruppe eine ganz ähnliche Haltung offenbart worden: Damals ging es darum, "Zecken" aus der Gruppe zu verbannen oder fernzuhalten, die sich offenbar gezielt in die Gruppe geschlichen hatten, weil sie dort das rechte Gegenlager vermuteten.
"Das sind Mutmaßungen, solange wir keine Belege haben"
Mit wem also machen sich arglose Bürger, die Corona-Beschränkungen nicht klanglos hinnehmen möchten und kritisch hinterfragen, in so einer Gruppe möglicherweise gemein? Ist die Corona-Debatte zum Schlachtfeld für Rechts und Links in der Region geworden?
Beim Polizeipräsidium in Konstanz will man so weit nicht gehen in der Einschätzung der Lage. Zwar hatte man bei der Polizei vor allem im Zuge der geplanten und schließlich verbotenen Großdemonstration gegen die Corona-Auflagen an Muttertag selbst schon ein Auge auf die Gruppe, allerdings herrschten damals noch andere Voraussetzungen. Wenn etwa trotz eines Verbots zu einer Demonstration aufgefordert werde, sei das strafbar und könne die Polizei aktiv werden, erklärt Polizeisprecher Dieter Popp im Gespräch mit unserer Redaktion. Nun aber sei ein solcher Grund nicht gegeben. Ob die Querdenker-Szene oder Kreise der Corona-Kritiker von Neonazis und Co. unterwandert worden sei, dazu macht Popp keine Aussagen. "Das sind Mutmaßungen, solange wir keine Belege haben", eine Gruppe "so über einen Kamm scheren, das geht nicht".
"Kampf dem roten Terror"
Doch auch ohne Detailbetrachtung der Polizei wird bei vielen Posts deutlich, woher der Wind weht: "Kampf dem roten Terror" sagte am Mittwoch beispielsweise die rechtsextremistische Kleinpartei "Der III. Weg" in der Autokorso-Gruppe an – parallel dazu sollen Flugblätter "mit Informationen über die linksextremistischen Strukturen in Baden-Württemberg in Villingen-Schwenningen" verteilt worden sein, um "die Stadt nicht dem linksextremistischen Mob" zu überlassen, "der bereits seit Jahren unter dem Schutz der lokalen Politik die Bürger der Stadt, deren Meinungen und Ansichten nicht deckungsgleich mit der kruden Weltsicht der Linken sind, terrorisiert".