Feuerwehr, Rettung, THW, DLRG – ohne sie läuft nichts im Bevölkerungsschutz. Das Land hat jetzt 18 besonders engagierte Menschen geehrt. Darunter ist einer, dessen Einsatz jede Vorstellung sprengt.
So ganz recht ist ihm der Trubel nicht. Das merkt man Ernst Feil an. Im Rampenlicht zu stehen zählt normalerweise nicht zu seinen Aufgaben. Und der Auftritt, den er vor ein paar Tagen zu bewältigen hatte, überstieg in dieser Hinsicht alles bisher Dagewesene. „Ich war dermaßen nervös. Das hat mich fast mehr aus der Fassung gebracht als eine Reanimation. So aufgewühlt bin ich sonst höchstens, wenn uns jemand beim Einsatz behindert“, erzählt der 55-Jährige. Denn an jenem Abend wurde er im Stuttgarter Wilhelma-Theater mit dem Bevölkerungsschutz-Ehrenzeichen des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet, überreicht von Innenminister Thomas Strobl im festlichen Rahmen. Eine harte Prüfung für jemanden, der sonst nicht groß redet, sondern anpackt.
Einige Tage später sitzt Feil im schmucken neuen Gebäude der Freiwilligen Feuerwehr Wildberg im Landkreis Calw. Dort ist er zu Hause, ein paar Kilometer weiter in Rotfelden. Zwischen Einsatzfahrzeugen und kleiner historischer Ausstellung fühlt er sich zwar sichtlich wohler als auf der Bühne des Wilhelma-Theaters, aber so ganz geheuer ist ihm das öffentliche Interesse noch immer nicht. „Eigentlich machen das hier einige Leute so wie ich, das ist ganz normal“, sagt er bescheiden. Gemeint ist damit Feils ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz, für das er am 14. Februar dieses Jahres in Stuttgart gemeinsam mit 17 weiteren Haupt- und Ehrenamtlichen aus dem gesamten Land ausgezeichnet worden ist.
Wenn der Mann aus dem Nordschwarzwald so erzählt, kommt man allerdings schnell zum Schluss, dass es vielleicht doch nicht völlig normal ist, was er da tut. Denn Ernst Feil engagiert sich sowohl bei der freiwilligen Feuerwehr als auch beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Und das nicht nur ein bisschen. Einen Großteil seiner Freizeit opfert er für die gute Sache. Dabei erledigt er Dinge wie Babys auf die Welt bringen, Schwerverletzte versorgen, Flutopfern helfen oder Flüchtlinge versorgen. Ganz nebenbei. Seine Frau und die beiden erwachsenen Kinder akzeptieren das. „Die kennen es nicht anders“, sagt er und schmunzelt.
Infiziert hat er sich mit dem Helfervirus schon vor 40 Jahren. Mit 15, bei der Jugendfeuerwehr in Wildberg, zu der er nur gegangen ist, weil eine Freundin sich allein nicht getraut hat. „Sie ist dann mit 18 abgesprungen, ich bin hängen geblieben. Mich hat die Technik interessiert und die Kameradschaft überzeugt“, erzählt Feil. In der Feuerwehr macht er im Laufe der Zeit fast jeden Job bis hin zum Gruppenführer, Mitausbilder und Kleiderwart. Doch das ist ihm noch nicht genug.
180 Einsätze im Jahr
Über Kontakte zwischen Feuerwehr und DRK erfährt Feil vom „Helfer vor Ort“-Konzept. Es sieht vor, dass entsprechend geschulte Ehrenamtliche als Ersthelfer eingreifen, wenn Not am Mann ist. Wenn Notarzt oder Rettungswagen zu weit weg sind, rücken sie aus, um zu überbrücken. Feil nimmt Urlaub, um sich zu qualifizieren, steigt beim Ortsverein Nagold/Wildberg ein. Seit Oktober 2015 fährt er Einsätze, wird bis zu 180-mal im Jahr alarmiert. Die ersten Jahre ist er dabei im Privatauto unterwegs, inzwischen wird ein Einsatzfahrzeug gestellt.
Weil er medizinisch noch mehr wissen will, absolviert Feil 2019 sogar die Ausbildung zum Rettungssanitäter. „Da geht ziemlich viel Zeit drauf, wenn man das ehrenamtlich macht“, sagt er lapidar – und meint damit einen Lehrgang, der mehr als 500 Stunden sowie wochenlange Praktika in Kliniken und Rettungswachen umfasst.
Freudentränen wegen eines Wischmobs
Im Einsatz erleben die Helfer vor Ort alles. Am Wochenende zuvor musste Feil nachts um 1 Uhr raus, weil eine junge Frau wegen Alkoholvergiftung umgekippt ist. „Da war ich grade in der ersten Tiefschlafphase“, sagt er und lacht. Böse ist er deshalb nicht: „Es geht um Patientinnen und Patienten, die meiner Hilfe bedürfen. Da wird niemand verurteilt.“ Er hilft bei Fieberkrämpfen bei Kindern, bei Schlaganfällen, bei Herzinfarkten. Und er hat auch schöne Erlebnisse. „Mein Kollege und ich haben inzwischen schon drei Kinder auf die Welt gebracht“, sagt Feil. „Das Grinsen bekommt man danach tagelang nicht mehr aus dem Gesicht.“
Wichtig für seine Motivation sei die Dankbarkeit der Menschen, sagt Feil. Und erzählt eine kleine Geschichte aus dem Ahrtal. Dort war er während der Flutkatastrophe wochenlang im Einsatz, hat mit dem Lkw Material geliefert. Einmal hatte er auch Wischmopps an Bord. „Das hat eine ältere Frau mitbekommen und gefragt, ob sie einen bekommen könne. Als ich ihn ihr gab, war sie so glücklich darüber, dass ihr die Tränen gekommen sind.“ Überhaupt haben ihn die Menschen im Katastrophengebiet schwer beeindruckt: „Die waren total verzweifelt, haben aber die Arschbacken zusammengekniffen und Tag und Nacht gearbeitet.“
Die persönliche Firewall
Viel hat der Ehrenamtliche gesehen bei den Einsätzen. Er hat Flüchtlinge aus der Ukraine versorgt und die ersten Covid-Teststationen im Landkreis betreut – damals an vier, fünf Abenden pro Woche. Er hat auch Negatives erlebt. Nein, keine Angriffe auf die Helfer wie anderswo. Aber er hat schlimme Verkehrsunfälle gesehen. Er hat erfolglose Reanimationen erlebt oder Suizide – Situationen, mit denen umzugehen man erst lernen muss: „Man muss dagegen anarbeiten, darf das nicht an sich ranlassen und muss eine Art Firewall aufbauen. Ich sage mir: Ich komme, um zu helfen. Nur das zählt.“
Mitspielen muss bei einem solchen Engagement auch der Arbeitgeber. Das ist in diesem Fall die Stadt Wildberg. Dort arbeitet Feil, gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann, in der Finanzverwaltung. „Ich darf meinen Arbeitsplatz zu jeder Zeit für Einsätze verlassen. Die Stadt lässt mich meine Macke voll und ganz ausleben. Es gab noch nie Probleme. Ganz im Gegenteil“, sagt der 55-Jährige. Denn Stadt und Bürgermeister unterstützen das Engagement nicht nur aktiv, sondern haben Feil auch für die Auszeichnung des Landes vorgeschlagen. Heimlich, ohne ihn vorher einzuweihen. „Als ich das Schreiben vom Innenministerium bekommen habe, musste ich es mehrmals lesen, bis mir klar war, was die wollen“, schildert er seine Überraschung.
Großes Lob vom Innenminister
Und so sitzt er also vor einigen Tagen im Stuttgarter Wilhelma-Theater. Gemeinsam mit den anderen, die sich als Arzt, bei Rettungsorganisationen, Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft oder beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe engagieren. „Wir wollen deutlich machen, dass unsere Einsatzkräfte Wertschätzung, Respekt und Anerkennung verdienen. Und genau das tun wir heute mit dem Bevölkerungsschutz-Ehrenzeichen“, sagt der Innenminister da. Es seien die Helferinnen und Helfer des Bevölkerungsschutzes, „die in schwierigen und herausfordernden Lagen rasch und ohne ein Zögern mit anpacken“. Sie zeigten, dass „unsere Gesellschaft im Kern und in der ganz großen Breite nur von Werten wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und Respekt getragen werden kann“.
Auszeichnungen hat Feil schon einige bekommen. „Aber noch nie eine so allumfassende, das ist schon etwas Besonderes“, freut er sich. Und betont, dass er sie symbolisch entgegennehme für alle, die sich irgendwo einbringen. „Ich kenne einige Leute, die zuletzt auch bei allen Einsätzen dabei waren, so wie ich“, sagt er. Insofern: Für ihn eigentlich ganz normal. Kein Grund, aufgeregt zu sein. Es sei denn, man wird dafür geehrt.