Was macht die häufige Nutzung von Handy und Tablet mit den Gehirnen von Kindern und wie sieht ein vernünftiger Umgang damit aus? Neurobiologe Martin Korte gibt Antworten.
Kinder wachsen mit Smartphones und Tablets auf, doch viele Eltern machen sich auch Sorgen, wenn der Nachwuchs ständig auf Bildschirme starrt. Wie schädlich die frühe Nutzung von Smartphones für Kinder wirklich ist, erklärt der Hirnforscher Martin Korte.
Herr Korte, was halten Sie davon, wenn Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter bereits Smartphones und Tablets der Eltern weit über die empfohlene Maximaldauer von 30 Minuten pro Tag nutzen?
Da gehen bei mir alle Alarmglocken an. Kinder sollen spielen, mit anderen Kindern in Kontakt sein und sich bewegen – alles Dinge, die sie nicht tun, wenn sie auf Smartphones starren. Bewegungsreize sind aber für das Gehirn auch Wachstumsreize. Das Gehirn verbindet sich besser in einem sich bewegenden Kinderhirn. Bei Zwei – oder Dreijährigen, die schon eine halbe Stunde oder mehr pro Tag auf ein Smartphone schauen, sieht man, dass die sensorische Verarbeitung der Reize schlechter wird. Außerdem haben sie Probleme mit ihrer emotionalen Regulation. Man muss den Eltern deutlich sagen: Ihr gebt euren Kindern Smartphones, um sie ruhig zu stellen? Ihr gebt ihnen doch auch keine Drogen, aber letztlich ist es vergleichbar.
Gibt es noch weitere Auswirkungen der Handynutzung, die man bei jungen Kindern festgestellt hat?
Ja, die Verbindung der Sprachareale kann geschädigt werden. Die Sprachareale bestehen aus dem Wernicke-Areal für Wortbedeutung und Semantik und dem Broca-Areal für die Grammatik und die Motorik der Sprache. Zwischen diesen beiden großen Gehirngebieten – eines befindet sich im Stirnlappen und eines im Schläfenlappen – läuft eine riesige Datenautobahn. Diese ist bei Kindern, die bereits vor dem neunten Lebensjahr viel Zeit vor dem Smartphone verbringen, stark eingeschränkt. Dazu gibt es Publikationen. Die Autoren dieser Studie haben auch das Sprachvermögen der Kinder getestet und festgestellt, dass sie deutlich weniger Wörter im aktiven Wortschatz benutzen und auch weniger verstehen. Auch die PISA-Tests deuten darauf hin: Die Jugendlichen können schlechter lesen und formulieren.
Und das kann man auf die Nutzung von Smartphones zurückführen?
So etwas Komplexes wie Sprache kann man nie monokausal auf eine Ursache zurückführen. Aber der Verdacht hinsichtlich dieser neurologischen Daten ist vorhanden. Man glaubt, dass die Ursache negative strukturelle Veränderungen im Gehirn sind und da spielt es tatsächlich eine Rolle, wie früh Kinder Smartphones schon nutzen.
Für Kleinkinder sollten Smartphones und Tablets also tabu sein. Was löst die Nutzung in den Gehirnen von älteren Kindern ab neun Jahren aus?
Bei älteren Kindern sieht man Veränderungen in den Gehirngebieten, die mit sozialer Verarbeitung zu tun haben. Da spielt der anteriore cinguläre Cortex eine Rolle – das ist ein Gehirngebiet, das in der Mitte zwischen den beiden großen Hemisphären auf der Innenseite liegt. Dort wird sozialer Schmerz verarbeitet. Man sieht dort eine starke Aktivierung – stärker als es bei Erwachsenen der Fall ist. Es gibt eine Reihe von Gehirnarealen, die bei der Nutzung eines Smartphones stärker reagieren – bis hin zu den Arealen , die für das Belohnungssystem des Gehirns zuständig sind und die auch stark bei Suchtverhalten aktiviert werden.
Durch was wird das ausgelöst?
Die meisten Jugendlichen konsumieren über ihre Smartphones Social Media. Positive Rückmeldungen wie Likes, Follower oder überhaupt Aufmerksamkeit aktivieren das Belohnungssystem im Gehirn besonders stark.
Was macht Social Media so anziehend?
Wir Menschen zielen sehr stark auf soziale Anerkennung ab – insbesondere Pubertierende. Der evolutive Grund ist wahrscheinlich, dass der Blick aus der Familie raus in die Welt geht. Unsere Vorfahren sollten ihre Höhlen und Familien verlassen. Und dafür ist es wichtig zu sehen, was andere machen, wie sie sich verhalten, wie man sich mit ihnen vergleichen kann. Das hatten wir natürlich immer schon. Doch heute kann man sich den ganzen Tag über Instagram, Snapchat und andere soziale Netzwerke vergleichen.
Warum fällt es einigen mehr und anderen weniger schwer, das Handy zur Seite zu legen?
Je krisenbehafteter das Leben ist, desto anfälliger ist man. Wenn der Stirnlappen mit anderen Problemen abgelenkt ist, fällt es schwerer, einem Impuls zu widerstehen. Ansonsten ist es schlichtweg Training. Wenn Kinder über die Familie, die Schule und den Freundeskreis gelernt haben, dass es in bestimmten Situationen nicht angesagt ist, das Smartphone zu benutzen, können sie es als Jugendliche eher mal weglegen.
Eltern sind also als Vorbilder für Mediennutzung wichtig?
Wenn wir über Handys bei Kindern und Jugendlichen reden, dann müssen wir auch darüber reden, wie es die Eltern nutzen. Wenn ich an Spielplätzen vorbeikomme, sehe ich keine Eltern mit ihren Kindern spielen. Sie schauen nur noch auf ihre Smartphones. Es wäre fair, wenn die Regeln, die für die Jugendlichen gelten, auch für die Erwachsenen gelten und man kontrolliert sich innerhalb der Familie gegenseitig. Dann kann man vereinbaren, dass die Smartphones beispielsweise während der Essenszeiten nichts am Tisch zu suchen haben. Denn auch wenn Jugendliche es weit von sich weisen, haben Eltern als Vorbild einen riesigen Einfluss.
Es gibt auch kreative Arten das Smartphone zu nutzen, manche lernen darüber beispielsweise oder erstellen und schneiden Videos. Man sollte es also nicht verteufeln oder?
Man kann es kreativ nutzen und auch miteinander zu chatten ist eine soziale Interaktion. Dennoch sollte das alles im zeitlichen Rahmen bleiben. Außerdem besteht die Hauptnutzung der Smartphones von Jugendlichen nun mal aus dem Schauen von Videos auf TikTok und Youtube.
Welche Bildschirmzeit wäre denn für einen Jugendlichen ab zwölf Jahren okay?
Es kommt immer darauf an, was die Jugendlichen sonst noch machen. Sind sie viel unterwegs und machen Sport, ist es auch mal okay eine Weile vor dem Bildschirm zu entspannen. Wichtig ist immer, dass die Handynutzung keine Monokultur wird.
Sollte der Zugriff auf Social Media für Kinder und Jugendliche gesetzlich eingeschränkt werden?
Das kann man machen. Ich würde es besser finden, wenn man die Firmen dazu zwingt, ihre Produkte so einzustellen, dass sie Kinder und Jugendliche nicht gefährden.
Zur Person
Forschungsschwerpunkte
Martin Korte, geboren 1964, ist Professor für Neurobiologie an der TU Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die zellulären Grundlagen von Lernen und Erinnern ebenso wie die Vorgänge des Vergessens.