Dietmar Strobel arbeitet seit rund 15 Jahren im Ortsarchiv von Sulz-Mühlheim. Wenn es um dessen Geschichte und Geschichten geht, weiß er bestens Bescheid.
Dietmar Strobel hat einen gefährlichen und unbequemen Weg ins Archiv: Auf der schmalen Leiter steigt er hoch ins Dachgeschoss des Mühlheimer Rathauses und mit Akten im Arm wieder herunter. Passiert ist bisher zum Glück nichts.
Das Archiv ist nicht gerade gut untergebracht. „Fotografieren Sie das nicht“, sagt er mit Blick auf den Müll im „Vorzimmer“. Hier befand sich auch einmal das Gefängnis. Die Tür mit dem Schloss ist noch vorhanden. Der Archivraum selbst ist eng, immerhin ausgestattet mit feuerfesten Regalen, in denen die Bücher in schweinsledernen Einbänden untergebracht sind. „Das sind unsere Schätze. Das Papier ist handgemacht und hält länger“, sagt Strobel.
Was wird im Archiv aufbewahrt? Das älteste Protokollbuch stammt aus dem Jahr 1592. Außer Akten werden noch einige andere Besonderheiten aufbewahrt: „Nicht auf dem Boden spucken“ steht auf dem Schild, das früher in der Kirche und im Rathaus aufgehängt war.
Zum Abschluss der Mühlbachkorrektion fand 1956 ein Fest statt. Alle Reden sind auf Tonband aufgenommen worden. Die Bänder sind im Archiv gelandet, Strobel hat aber seine Zweifel, ob sie hier sachgerecht aufbewahrt werden können. 6000 Dias werden von Walter Dannecker archiviert. Einige davon konnten für das Jubiläumsbuch 1250 Jahre Mühlheim verwendet werden.
Wie ist die Arbeit als Archivar? Strobels Arbeitsplatz ist im Sitzungssaal. „Einen eigenen Raum habe ich nicht“, bedauert er. Seit rund 15 Jahren kümmert er sich ums Archiv, kann sich die Arbeit aber frei einteilen. Das Aktensortieren und stichwortartig im Computer erfassen ist für ihn eine Beschäftigung hauptsächlich im Winter und bei schlechtem Wetter. Doch wenn er mal an den alten, ausgemusterten Protokollen sitzt, lassen sie ihn so lange nicht los, bis ihn seine Frau anruft, wann er denn heimkomme.
Was kann man über Mühlheim am Bach erfahren? Die Ortsgeschichte kann aber auch faszinieren. Dietmar Strobel hat so manche Kuriositäten, Lebensgeschichten und Schicksale Mühlheimer Bürger – schöne wie traurige – ausgegraben.
Viele handeln von Auswanderern im 19. Jahrhundert. In Amerika wurde so mancher Mühlheimer wohlhabend. Strobel hat herausgefunden, dass es besonders viele aus dem Ort nach Miamisburg in Ohio gezogen hat. Dort finden sich Namen wie Schlotterbeck, Wegenast, Guhl oder Plocher wieder. Von Johannes Schlotterbeck gibt es einen ausführlichen Bericht, wie er auf dem Schiff nach Amerika gefahren ist. „Da fühlt man sich wie in einem Film“, sagt Strobel, der den Bericht gelesen hat.
Über Jakob Guhl hat er herausgefunden, dass dieser als Fahnenflüchtiger nach Miamisburg geflüchtet war.
Ein Deserteur war auch Wilhelm Cappus. Der Enkel des Dorflehrers, nach dem eine Straße in Mühlheim benannt ist, hatte sich unerlaubt vom Militär verabschiedet und wurde deshalb steckbrieflich gesucht, aber nicht erwischt. Er flüchtete nach Genf. Von dort meldete er sich beim Mühlheimer Schultheißen, weil er heiraten wollte und seine Geburtsurkunde benötigte. Er bekam sie aber nicht.
Wilhelm Cappus war ein kritischer Journalist. Auch weil er eine „scharfe Feder“ führte, hatte er sich bei der Obrigkeit im deutschen Kaiserreich nicht beliebt gemacht. Über ihn kam im Radio dann ein Bericht, dass er in Argentinien maßgeblich am Aufbau deutscher Schulen beteiligt war. In dem südamerikanischen Land war er, hoch angesehen, mit über 80 in den 1950er-Jahren gestorben.
Im Dorf herrschten, wie man aus heutiger Sicht sagen würde, raue Sitten. Dass aber ein Mühlheimer Bürger, gerade Vater geworden, die Nachgeburt des Kindes im Mühlbach anstatt in der „Miste“ vor dem Haus entsorgte, das ging dem Schultheißen doch etwas zu weit. Der frischgebackene Vater musste sich im Rathaus eine Strafe abholen.
Wo kann man mehr über Mühlheim am Bach erfahren? Für Strobel genügen ein paar Stichworte, um weiter zu recherchieren und eine ganze Geschichte daraus zu machen. Das macht ihm denn auch viel Spaß. Mühelos kann er in den Akten die alte deutsche Schreibschrift lesen.
So könnte er noch lange weiter erzählen, verweist aber schließlich auf das Buch „Mühlheim am Bach - Geschichte und Geschichten“, das er zusammen mit Manfred Stocker, Elke Strobel, Ulrike Rupp und Mike Tafel zur 1250-Jahr-Feier der Ortschaft herausgebracht hat.