Wie habe ich die Corona-Zeit erlebt?“: Unsere Berichterstatterin hat dabei erlebt, wie in Ettenheim Sprechen und Zuhören die eigene Sichtweise auf das Thema verändern.
Einen Abend des Zusammenkommens, des Sprechens und Zuhörens hatten die Veranstalter , das Bündnis für Demokratie und der Verein „Mehr Demokratie“, im Rahmen der Woche der Demokratie angekündigt. Das Thema: „Wie habe ich die Coronazeit erlebt, und wie geht es mir heute damit?“ Das Format „Sprechen und Zuhören“ sprach mich an, das Thema weniger. Eigentlich, so dachte ich, habe ich mit Corona doch schon abgeschlossen, es ist doch so lange her: die gute alte oder vielmehr die schlechte alte Zeit. Doch, dass 40 Leute zu diesem Abend gekommen sind, zeigt wohl etwas anderes. Aufgearbeitet wurde die Coronazeit nie, erklären Moderator Roman Huber, geschäftsführender Vorstand des Vereins „Mehr Demokratie“, sowie Moderatorin Yasmina Steck. Auch im neuen Koalitionsvertrags ist lediglich festgehalten, dass die politischen und rechtlichen Maßnahmen von einer Enquete-Kommission aufgearbeitet werden sollen. Die gesellschaftlichen Auswirkungen und die Bürger hingegen bleiben außen vor, weiter unerwähnt. Diese Folgen für die Gesellschaft aufzuarbeiten, dazu soll dieser Abend dienen. Dennoch bleibe ich skeptisch. Zu eindringlich ist mir in Erinnerung, wie wir uns alle damals an den Kragen gegangen sind, dass sich manche Beziehungen von dieser Zeit nie mehr erholt haben. Müssen wir das heute Abend unbedingt wiederholen, denke ich unbehaglich. Und wie soll sich dadurch etwas ändern?
Die Einteilung: Angedacht ist zunächst eine Diskussion in Vierergruppen. Um diese einzuteilen, sollen sich alle Teilnehmer zunächst an unterschiedlichen Orten im Raum aufstellen, je nachdem, ob sie die Maßnahmen damals befürwortet haben oder dagegen waren. Die Teilnehmer bilden ein weit gestreutes Spektrum. Anschließend sollen sich alle nochmals neu positionieren, ob sie die Maßnahmen heute immer noch so befürworten oder ablehnen würden. Da rücken wir alle nun doch um einiges näher zusammen – für mich schon einmal die erste Erkenntnis des Abends. Anhand unserer Positionen werden vier Gruppen eingeteilt – von Befürwortern bis Gegnern. Anschließend sollen sich neue Vierergruppen zusammenfinden – mit einem Mitglied aus jeder der genannten Gruppen.
Der Ablauf: Nicht die Positionen, sondern ein zufälliges Kriterium – die Länge der Haare – bestimmt die Reihenfolge der Sprecher. Jeder hat vier Minuten Zeit seine persönlichen Erfahrungen mit der Coronazeit zu schildern. So anonym wie möglich: ohne Namen oder Beruf. Die anderen dürfen den aktuellen Sprecher nicht unterbrechen oder den Bericht kommentieren, allenfalls die Hand ans Herz legen, falls derjenige zu sehr ins Allgemeine abschweifen würde. Roman Huber gibt mit einem Klingeln zu verstehen, wenn die Zeit um ist. Dann folgt dann eine kurze Besinnungspause und der nächste ist dran, bis die erste Runde zu Ende ist. Zur Verblüffung der Teilnehmer sollen sie nach dem Ablauf der ersten Fragerunde ihre Erfahrungen zu derselben Frage nochmals erläutern und dann in einer dritten Runde erneut. Es folgt eine kurze Pause und danach der Austausch im großen Kreis – nicht über die Inhalte, sondern darüber, wie man sich gefühlt hat.
Atmosphäre ist respektvoll
Die Atmosphäre: Sehr diszipliniert. In meiner Gruppe halten sich alle an die Regeln und auch auf die anderen Gruppen scheint das zuzutreffen. Auch sonst kommt es nach meiner Wahrnehmung zu keinen lauten Zwischenrufen oder hitzigen Diskussionen. Nach dem Klingeln hört man einen Moment der gewünschten Stille, bevor es weitergeht. Das läuft nicht überall so, erläutert Roman Huber unserer Redaktion. Gerade, wenn die Stimmung aufgeheizt sei, gehe es in der ersten Runde oft „wie im Wirtshaus zu“. Allerdings spätestens in der dritten Runde beruhige sich immer die Atmosphäre. „Es schraubt sich Stück für Stück runter“, erklärt er.
Das eigene Empfinden: Vorsichtig schildere ich in der ersten Runde meine Erfahrungen aus der Coronazeit, ein wenig in Hab-Acht-Stellung rechne ich damit, von den anderen Mitgliedern vielleicht auseinandergenommen zu werden, dass sich die Fronten bilden, die einem so eindringlich in Erinnerung geblieben sind. Doch das ist nicht so. Jeder schildert erst einmal neutral seine Erfahrungen. In der zweiten Runde nimmt man in einigen Punkten auf das zuvor Gesagte Bezug. Nicht als Angriff, sondern, weil man sich erinnert: Stimmt, das habe ich ja auch gefühlt und so betrachtet, würde ich es im Nachhinein vielleicht anders sehen. Zum Vorschein kommen Angst, Unsicherheit, das Gefühl, eingeengt und in seinen Freiheiten beschnitten worden zu sein, Existenzängste, das Gefühl, ausgegrenzt zu sein, weil man die falsche Meinung hatte, nicht mehr dazuzugehören, kein Teil der Gesellschaft mehr zu sein. Die Schilderungen machen betroffen. Mir wird zum vielleicht zum ersten Mal klar, warum die Narben, die sich während der Coronazeit gebildet haben, bei manchen immer noch so tief sind. Nein, denke ich, wenn ich das erlebt hätte, könnte ich das auch nicht einfach so vergessen. Am Ende haben wir alle ein Gefühl der tiefen Verbundenheit miteinander. Und es bleibt die Erkenntnis: Was damals passiert ist, ist noch lange nicht vergessen und muss dringend aufgearbeitet werden. Und: Wir müssen mehr darüber reden!
Dankbarkeit ist zum Schluss das vorherrschende Gefühl
Die Rückmeldung der anderen: In der großen Runde schildert jeder, der will, seine Gefühle. „Ich habe gedacht, das Gespräch heute wird mich triggern – aber das war nicht so“, sagt ein Mann, eine Frau stimmt zu. Was die meisten fühlen, ist Dankbarkeit gegenüber ihren Gruppenmitgliedern für die neue Sichtweise. Egal, ob Gegner der Maßnahmen oder Befürworter: „Wir haben wohl alle das Gleiche gefühlt, nur zu unterschiedlichen Situationen“, fasst es eine Frau zusammen. Die Coronazeit habe ihn verletzt, aber nach dem, was er jetzt gehört habe, könne er anfangen, zu reflektieren, zu heilen, schildert ein Mann. Eine Frau erklärt, wie sie sich durch die unterschiedlichen Meinungen ihres Freundeskreises selbst zerrissen gefühlt habe, jetzt sei da erstmals etwas zusammengebracht worden, ihre Zerrissenheit etwas gelindert worden. Man habe sich scharf gegeneinander abgegrenzt, aber jetzt sei es Zeit, das wieder zu ändern, wieder näher zusammen zu rücken, meint jemand. Aber es bleiben auch Zweifel: „Ich bin dankbar, aber ich habe auch Angst: Ist es für eine Aufarbeitung nicht schon zu spät?“, fragte eine Frau. Das wird wohl nur die Zeit zeigen. Roman Huber jedenfalls will weiter solche Veranstaltungen organisieren. 70 bis 80 Mal pro Jahr bietet er das Format „Sprechen und Zuhören“ an verschiedenen Orten und zu verschiedenen Themen an, weil man nur so alle Meinungen an einen Tisch bekomme. Es bleibt zumindest bei mir die Erkenntnis, dass das wohl sehr notwendig ist. Denn selten habe ich in den letzten Jahren ein solches Gefühl der Gemeinschaft und des Zusammenhalts – und der Hoffnung – empfunden wie an jenem Abend.
Zum Verein
Der Verein „Mehr Demokratie“ hat es sich zum Ziel gesetzt, geeignete Instrumente, Formate und Modelle zur Stärkung der Demokratie zu entwickeln und umzusetzen. Dabei will der Verein auf die Qualität des Austauschs, der Debatte und der Entscheidungsfindung achten, um die demokratische Kultur zu verbessern. „Zugleich wenden wir uns gegen den Abbau demokratischer Rechte, benennen Schwachpunkte im politischen System und verstehen uns als demokratisches Gewissen“, heißt es auf der Homepage. Dabei will der Verein auch Raum für Menschen schaffen, sich offen zu begegnen. Denn nur wenn diese sich geachtet fühlten, könnten sie auch mit Spannungen und Meinungsverschiedenheiten umgehen und ihre Kreativität entfalten.