Warum Absolventen der German-Jordanian University in Amman ein Jahr an der Hochschule Aalen verbringen.
Es ist ein sonniger Spätsommertag in Madaba, einer jordanischen Kleinstadt 30 Kilometer südlich von der Hauptstadt Amman entfernt. Hier erstreckt sich der imposante Campus der German-Jordanian-University (GJU) mit einem guten Dutzend mehrstöckiger Gebäude aus hellem Sandstein, die sich um ein riesiges Wasserrad gruppieren – ein Wahrzeichen für technische Innovation. 20 Jahre alt ist die Bildungseinrichtung, die anfangs in der Hauptstadt angesiedelt war. Seit 2012 befindet sich der Hauptcampus mit den neuerrichteten Gebäuden in Madaba.
Momentan sind Ferien, der Campus wirkt verlassen. Nur wenige Studierende, die Sommerkurse besuchen, sitzen in den Hörsälen. „Wenn Anfang Oktober das Semester beginnt, ist der Parkplatz hier voll“, sagt Jacqueline Rogler. Die zierliche blonde Frau aus dem Thüringer Vogtland arbeitet seit 13 Jahren an der Universität und leitet das German Language Center, eine der wichtigsten Institutionen der Uni. 80 Lehrkräfte unterrichten mehr als 3000 Studierende in Deutsch. Jeder Bachelorstudent muss die Sprache lernen, eine Stunde jeden Tag schreibt der Lehrplan vor.
Die Studenten kommen überwiegend aus wohlhabenden Familien
Die Studierenden der GJU kommen überwiegend aus wohlhabenden Familien. Im Schnitt 30 000 Euro kostet die Familien das fünfjährige Studium inklusive eines verpflichtenden Deutschlandjahrs. Das ist sehr viel in einem Land wie Jordanien, in dem ein Lehrer im Schnitt weniger als 1000 Euro pro Monat verdient.
Doch Geld allein reicht nicht für eine Aufnahme: Nur die besten Bewerber erhalten einen Studienplatz. Was zur Folge hat, dass GJU-Absolventen trotz der großen Arbeitslosigkeit in Jordanien – sie liegt bei über 25 Prozent – auf dem Arbeitsmarkt rasch unterkommen. „Im IT-Bereich haben mehr als 90 Prozent unserer Absolventen einen guten Job“, sagt Professor Dhiah el Diehn Abou-Tair. Begehrt sind die Absolventen nicht nur in Jordanien, sondern auch in den reichen Golfstaaten – und in Deutschland.
Mohammad Hasan ist einer dieser Absolventen. Er hat Maschinenbau an der GJU studiert, seit anderthalb Jahren arbeitet er in München als Projektingenieur bei der Deutschen Bahn. „Wir sanieren das Schienennetz“, erklärt der 25-Jährige in akzentfreiem Deutsch. Seine Sprachkenntnisse hat er an der GJU und während seines Studienjahres in Deutschland erworben. Hasan studierte ein Semester an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe und absolvierte anschließend ein sechsmonatiges Praktikum bei Mercedes-Benz in Sindelfingen. „Dort habe ich sehr viel gelernt. Ich hatte meine festen Aufgaben, musste Konferenzen vor- und nachbereiten und durfte auch gelegentlich moderieren.“ Er gefiel ihm so gut in Sindelfingen, dass er seine Bachelorarbeit bei Mercedes-Benz schrieb.
Und er beschloss zu bleiben. „Deutschland bietet trotz aller Krisen bessere Möglichkeiten als viele andere Länder“, sagt Hasan. Auch aus Jordanien hatte er einige Jobangebote. „Doch die Arbeitsbedingungen in Deutschland sind wesentlich besser.“ Das Einkommen ist deutlich höher als in Jordanien, es gibt mehr bezahlten Urlaub und andere Vergünstigungen. Nicht nur die besseren Konditionen lockten den jungen Ingenieur. Ihm gefällt in Deutschland vor allem „die tolle Natur“. An den Wochenenden geht er mit Freunden wandern oder zum Schwimmen an einen der vielen bayrischen Seen.
Im Jahr 2005 wurde die German-Jordanian University durch eine königliche Verordnung nach dem Vorbild deutscher Fachhochschulen – den heutigen Hochschulen für Applied Science – gegründet. Sie ist eine von zehn staatlichen Universitäten in Jordanien (außerdem gibt es neun private) und die Einzige, die nach dem Curriculum deutscher Hochschulen unterrichtet. Praxisbezug wollten die Initiatoren ins jordanische Universitätswesen bringen, das sonst sehr theorielastig ist. Deshalb sind mehrere Praktika für alle Studierenden der GJU Pflicht: ein mehrwöchiges in einem Unternehmen in Jordanien und ein Praxissemester in einem Betrieb in Deutschland.
Das Studienangebot in Amman reicht von Architektur bis Sozialarbeit
Knapp 5000 junge Leute sind aktuell an der GJU in etwa 30 Studiengängen an acht Fakultäten eingeschrieben. Das Studienangebot reicht von Architektur über diverse technische Studiengänge bis zu Sozialarbeit. Die GJU bildet Elektro- und Maschinenbauingenieure aus, Fachleute für erneuerbare Energien und hat seit kurzem auch einen Studiengang für Pflegekräfte im Programm. Die Zahl der Absolventen steigt kontinuierlich. Besonders beliebt ist der IT-Bereich. „Wir haben dreieinhalb Mal so viele Studenten wie noch vor zwei Jahren“, berichtet Professor Dhiah el Diehn Abou-Tair. Doch die große Nachfrage stellt die Universität vor große Herausforderungen: All diese Studierenden müssen in den kommenden Jahren an einer Partner-Uni in Deutschland untergebracht werden.
Ortswechsel: Ein kühler Oktobermorgen in Aalen. An der hiesigen Hochschule treffen sich Vertreter der Fakultäten Elektronik und Informatik der deutschen Partneruniversitäten der GJU mit ihren Kollegen aus Jordanien. 120 Partnerunis hat die GJU in ganz Deutschland: von Aalen über Trier bis Zwickau. Das Projektbüro ist an der Hochschule Magdeburg-Stendal angedockt.
Beim Netzwerktreffen in Aalen geht es um die große Frage: Wie erweitern wir unsere Studienplatzkapazität für die Studenten von der GJU. „Für die kommenden zwei Jahre dürfte das kein Problem sein“, beruhigt Stephan Ludwig, Professor für Nachrichtentechnik an der Hochschule Aalen die jordanischen Kollegen. „Denn wegen der Umstellung auf G9 gibt es weniger deutsche Studienanfänger. Das schafft Kapazität.“ Für die Zeit danach sollen die Verträge mit den jeweiligen Partnerhochschulen angepasst werden: Statt ein bis zwei Studierende pro Semester soll es künftig möglich sein, vier oder fünf Jordanier aufzunehmen. So der Beschluss des Gremiums.
17 junge Jordanier und Jordanierinnen verschiedener Fachrichtungen sind im Wintersemester 2025/2026 an der Hochschule Aalen eingeschrieben. Sie zählen damit zur größten Gruppe unter den gut 100 internationalen Studenten in Aalen. Mohammad Kharabsheh ist bereits seit März da, hat sein Studiensemester hinter sich und absolviert aktuell ein Praktikum bei einer IT-Firma. „Ich habe alle Prüfungen bestanden“, sagt er stolz. Für die neuen Kommilitonen aus Jordanien hat er den Rat: „Wenn ihr etwas nicht versteht, fragt immer nach.“
Der Kulturschock in der schwäbischen „Kleinstadt“
Vier neue Studierende aus Jordanien starten im Fachbereich Informatik. Seit 1. September sind sie in Deutschland. „Das war am Anfang schon ein Kulturschock“, erzählt etwa Amer Al-Jabri. „Wir kamen an einem Sonntag nachts am Flughafen im Stuttgart an.“ Die Verständigung sei schwierig gewesen. Trotzdem schafften es die jungen Leute, sich ein Ticket am Bahnhof zu kaufen und mit dem Zug nach Aalen zu fahren. Der nächste Kulturschock: aus der Fünf-Millionen-Stadt Amman ins beschauliche schwäbische „Kleinstädtchen“.
Humda Qamar und ihre Kollegen versuchen, die Jordanier auf ihren Deutschlandaufenthalt vorzubereiten. Die junge Frau stammt aus Gerlingen, hat in Tübingen Ethnologie studiert und ist seit zwei Jahren an der GJU zuständig für die akademischen Netzwerke. Das Deutschlandjahr sei für die Austauschstudenten eine gewaltige Herausforderung, an der sie aber wachsen würden, sagt Qamar. Die jungen Jordanier seien es gewohnt, dass ihre Eltern vieles für sie regeln und ihnen die Steine aus dem Weg räumen.
In Deutschland aber müssen sie nun ganz allein zurechtkommen. In Vorbereitungsseminaren erhalten die Studenten vorab Informationen zum Leben und Alltag in der Fremde. Es geht um Fragen wie: Wie finde ich ein Zimmer? Wie funktioniert die Mülltrennung? Aber auch um ihre Vorstellungen und die Realität. „Wir erklären den Studierenden auch, dass in Deutschland nicht alles perfekt ist und sie sich beispielsweise auf Zugverspätungen einstellen müssen“, sagt Humda Qamar.
Professor Abou-Tair sieht das Jahr in der Fremde für seine Studenten als eine große Chance. „Sie kommen fast alle reifer und erwachsener zurück“, hat er beobachtet. Und es seien genau diese Eigenschaften, die Firmen in Jordanien und in den Golfstaaten an den Absolventen schätzten.
Finanziert wird die GJU hauptsächlich durch die Studiengebühren. Einige Studierende, deren Eltern im öffentlichen Dienst oder beim Militär arbeiten, erhalten auch ein Stipendium der Regierung. Teuer für alle ist jedoch das obligatorische Deutschlandjahr. 12 000 Euro müssen die Familien auf einem Sperrkonto deponieren, damit überhaupt ein Studentenvisum erteilt wird. Von diesem Geld bestreiten die jungen Leute dann ihren Lebensunterhalt während des Auslandsjahrs. Beim Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD) können Studierende auch einen Antrag auf ein Stipendium stellen. Dieses wird ausschließlich nach Leistungskriterien vergeben. Zusätzlich unterstützt der DAAD diverse Projekte an der GJU mit 1,4 Millionen Euro pro Jahr.
Was hat Deutschland von dieser Zusammenarbeit?
Warum dieses Engagement? Was hat Deutschland und was haben die deutschen Partnerhochschulen von dieser Kooperation? Für Professor Stephan Ludwig von der Hochschule Aalen eine überraschende Frage. Das sei ja eine Selbstverständlichkeit im akademischen Arbeiten. „Da gehört der Austausch auf internationaler Ebene immer dazu“, sagt er und ergänzt: „Auch wir schicken Studierende ins Ausland. Aktuell schreibt ein Student von mir seine Masterarbeit in London.“ Außerdem seien die jordanischen Absolventen ein Gewinn für den vom Fachkräftemangel geprägten deutschen Arbeitsmarkt. Die Rückmeldungen der deutschen Firmen über die jordanischen Praktikanten seien überwiegend positiv. Viele Firmen offerieren ihnen anschließend sogar ein Jobangebot.
Der Austausch zwischen Jordanien und Deutschland geht aber auch in umgekehrter Richtung. Deutsche Studierende der Partnerhochschulen haben die Möglichkeit, ein Studiensemester an der GJU zu absolvieren. Die Reutlingerin Sophia (ihren Nachnamen soll nicht in der Zeitung genannt werden) war vor drei Jahren mit einem Erasmus-Stipendium ein Semester in Jordanien. Im Rahmen ihres Masterstudiums Internationale Soziale Arbeit gewann sie an der GJU Einblicke in die Arbeit mit syrischen Flüchtlingen in Jordanien.
Sie habe sehr vom Austausch profitiert, resümiert die mittlerweile 30-Jährige, die ihr Studium beendet hat. „Und alle Module, die ich an der GJU macht, wurden an meiner Uni in Deutschland angerechnet.“ Außerdem besuchte sie an der GJU einen Arabischkurs. Diese Sprachkenntnisse kann sie nun bei ihrer Arbeit in der Gesundheitsberatung der Malteser in Stuttgart anwenden.
Der Absolvent Mohammad Hasan, der in München bei der Deutschen Bahn arbeitet, blickt optimistisch in seine eigene und in die Zukunft seiner Wahlheimat. „Deutschland wird Lösungen für seine Probleme finden.“ Er will daran mitwirken. Vielleicht braucht es mehr solche Blicke von außen, um in Deutschland nicht nur überall Probleme, sondern auch die Potenziale zu sehen.