Fairtrade-Town Nagold? Das war einmal. Foto: Werner Lissy

Das Thema Fairtrade ist aktueller denn je. Dennoch will die Stadt Nagold künftig nicht mehr Fairtrade-Town sein und verzichtet auf eine Rezertifizierung. Das sind die Gründe.

Der eine kommt, der andere geht. In diesen Tagen erst, ist der Landkreis Calw als Fairtrade-Kreis ausgezeichnet worden. Die Zertifizierung durch Fairtrade-Deutschland sei eine „Anerkennung für den Einsatz des Landkreises, faire Handelsbedingungen zu fördern und Nachhaltigkeit aktiv zu leben“, heißt es auf der Homepage des Landkreises.

 

Bei der Stadt Nagold steht dagegen die Kehrtwende an. 2018 ist die Stadt erstmals als Fairtrade-Town ausgezeichnet worden. Es folgten drei Rezertifizierungen. Eine vierte aber wird es nicht geben. Nagold kehrt der Kampagne den Rücken.

Der Verzicht auf eine Rezertifizierung hat letztlich einen einfachen Grund: Es gelang in Nagold nicht, das Feuer für die Kampagne weiter zu entfachen. Im Gegenteil: Die Zahl der Mitstreiter sank kontinuierlich. Und nun ist das offizielle Ende gekommen.

Nagolds Gemeinderat besiegelte den Ausstieg mit einem offiziellen Beschluss. Die Mehrheit war mit 16 Stimmen groß, doch sechs Räte stimmten auch dagegen, außerdem gab es eine Enthaltung.

Nagold fehlt es in Sachen Fairtrade an Akteuren

„Wir sind lieber offen und ehrlich und sagen, im Moment geht nichts“, hatte Nagolds OB unter anderem in der Sitzung angemerkt. Nagold fehlt es an Akteuren – „wir haben im Moment keinen Ansatz, wir haben nichts.“ Großmann wehrte sich dagegen, die Zertifizierung als Fairtrade-Stadt nur zum Schein vor sich her zu tragen.

Tiefe Einblicke lieferte Astrid Maier von der Wirtschaftsförderung. Vielleicht könnte man die Kriterien für eine Rezertifizierung ja noch einmal irgendwie erfüllen, jedoch: „Es ist nicht Sinn und Zweck des Siegels, das nicht auch mit Leben zu füllen.“

Rückblick auf das Jahr 2018: Nagold feierte sich als Fairtrade-Stadt. Foto: Thomas Fritsch

Maier berichtete unter anderem, wie die Stadt seit Jahren versuche, den Lenkungskreis zu erweitern – ohne Erfolg. Von ursprünglich 13 Mitgliedern sank die Zahl auf fünf. Auch Aufrufe in der Öffentlichkeit und direkte Ansprachen brachten nichts.

Engagement der Bevölkerung hat sich sehr reduziert

„Das Engagement der Bevölkerung und anderer Gruppen hat sich sehr reduziert“, bedauerte Maier. Stand jetzt könnten auch einige Kriterien zur Rezertifizierung nicht erfüllt werden.

OB Jürgen Großmann meinte generell: „Das ist keine Ausnahmesituation.“ Bei den Themen Bürgerbeteiligung, wenn es darum gehe, sich zu engagieren, erlebe man immer mehr Zurückhaltung. „Wir wissen nicht, was wir da noch machen können“, verriet der OB weiter.

Als Beispiel nannte er auch das Bürgerforum mit seinen Arbeitskreisen. Auch hier gebe es immer weniger engagierte Bürger. Summa summarum sei für ihn deshalb klar: „Da betreiben wir den Aufwand nicht mehr, und sparen uns die Kosten.“

Ohne das Siegel, kann das Thema auch breiter aufgestellt werden

Sowohl Großmann als auch Maier erörterten in der Sitzung, dass der Fairtrade-Gedanke im Rathaus weitergelebt werden soll, nur eben auf die Rezertifizierung verzichtet werde. Um Projekte weiterzuführen, brauche es das Siegel aber nicht.

Zudem erläuterte Astrid Maier, dass die Stadt offen sei, das Prozedere auch wieder anzustoßen – wenn denn jemand auf die Stadt zukomme. Ohne das Siegel könne das Thema auch breiter aufgestellt werden – „hin zu mehr Regionalität“, so Maier.

„Dass es frustrierend ist, kann ich in Teilen nachvollziehen“

Im Gemeinderat stießen die Argumente nur zum Teil auf Verständnis. Für die Sichtbarkeit sei das Siegel schon wichtig, merkte Bärbel Reichert-Fehrenbach (FDP/Grüne) zum Beispiel an. Sie konnte auch kaum glauben, dass sich wirklich keine Unterstützer in Nagold finden ließen.

„Dass es frustrierend ist, kann ich in Teilen nachvollziehen“, sagte auch Stadträtin Annegreth Fezer-Brenner (FDP/Grüne). „Aber unser Wunsch ist es schon, das nicht leichtfertig gleich aufzugeben.“

„Wir treiben nicht etwas voran, das so was von zäh läuft“

Carl Christian Hirsch (CDU) machte deutlich, dass die Fairtrade-Ziele absolut unterstützungswürdig seien. „Aber vielleicht sollten wir unsere Kraft auf veränderte Ziele ausrichten, zum Beispiel auf regionale Lebensmittel.“

Letztlich folgte die große Mehrheit dem Vorschlag der Verwaltung. Großmann: „Wir treiben nicht etwas voran, das so was von zäh läuft.“