Zum Gedenken an die Morde von Hanau befasst sich der Württembergische Kunstverein in Stuttgart in der Ausstellung „Wir sind Hanau“ mit Strukturen rechter Gewalt.
Was ist ein Einzelfall? Ein singuläres Ereignis. Etwas, das sich sehr wahrscheinlich nicht wiederholen wird. So jedenfalls umschreibt die beliebteste Online-Enzyklopädie den Begriff. Eine Ausstellung der „Querungen“-Reihe im Württembergischen Kunstverein (WKV) in Stuttgart enthüllt nun die Diskrepanz zwischen Definition und Verwendung eines Worts, das seine Neutralität verloren hat. Wenn es um rassistische Gewalt geht, ist die Rede vom „bedauerlichen Einzelfall“ das wohl gängigste Beschwichtigungsmittel in den Verlautbarungen von Behörden wie Politikern.
Und immer ist es ein „Einzelfall“
Die Infotafeln im WKV-Glastrakt zählen sie in chronologischer Folge auf: Morde und Mordversuche, deren Motive jeweils in der Herkunft oder der Hautfarbe der Opfer lagen. Angefangen mit dem fast vergessenen Angriff auf ein Hamburger Flüchtlingsheim im Jahr 1980 zieht sich eine hässliche Furche rechtsextremer Delikte durch die jüngere deutsche Geschichte. Seien es die fremdenfeindlichen Ausschreitungen von Rostock, der Brandanschlag von Mölln oder das geplante Attentat auf eine Synagoge in Halle. Jedem dieser Verbrechen ist im WKV eine Texttafel gewidmet. Und über jeder steht in bitterer Ironie „Einzelfall“.
Kunst und Gedichte zum Thema
Anlass der Präsentation ist der dritte Jahrestag des Amoklaufs von Hanau im Februar 2020. Damals ermordete ein 43-Jähriger in der hessischen Provinzstadt neun Menschen mit Migrationshintergrund, bevor er seine Mutter und sich selbst erschoss. Organisiert wird die Ausstellung von der Stuttgarter Migrantifa. Das bundesweite Netzwerk von Migranten und People of Colour wurde in Reaktion auf die Hanauer Taten gegründet. Zu sehen sind im WKV auch künstlerische Arbeiten und Gedichte zum Thema, die Mitorganisatorin Mersedeh Ghazaei will das Projekt aber nicht primär als Kunst verstanden wissen. Die Hauptanliegen, so die Anglistik-Studentin, seien das Gedenken und der Versuch, neue Publikumskreise anzusprechen. „Im Kunstkontext erreichen wir auch Menschen, die sich sonst weniger für migrationspolitische Fragen interessieren.“ Eindringlich beweist die Dokumentation, dass Rechtsextremismus zu einem strukturellen Problem geworden ist. Jeder kann Opfer faschistischer Hetze werden, was bereits der Titel „Wir sind Hanau“ nahelegt.
Verhaltenstipps für Betroffene
„Nach den Anschlägen habe ich mich wochenlang kaum vor die Tür getraut“, sagt der Migrantifa-Aktivist Kaan, der seinen Nachnamen nicht in der Zeitung lesen möchte. Die politische Arbeit, das Recherchieren und Aufklären hätten ihm geholfen, das Trauma zu überwinden. Nicht zuletzt nennt die Schau Anlaufstellen für Ratsuchende und gibt Verhaltenstipps für Betroffene.
Die Migrantifa rät Opfern und Zeugen stets zur handfesten Dokumentation, am besten durch Handyfotos oder Gedächtnisprotokolle. Denn das Vertrauen in die Behörden ist tief erschüttert. Spätestens die Terrorserie des sogenannten NSU hat bewiesen, wie schleppend die juristische Aufarbeitung rechter Gewalt verläuft. Auch beim Blutbad von Hanau bleiben für Mersedeh Ghazaei noch Fragen offen. „Zum Beispiel möchte ich wissen, warum der Vater des Mörders wieder frei herumläuft und Angehörige der Opfer belästigen darf!“
Wir sind Hanau: Württembergischer Kunstverein, Stuttgart, Schlossplatz 2. Bis 9. April. Geöffnet Dienstag bis Sonntag 11 bis 18, Mittwoch bis 20 Uhr.