Das Linden-Museum wagt ein besonderes Experiment. Die neue Sonderschau „Stuttgart – Afghanistan“ wurde von einer bunten, vielstimmigen Truppe entwickelt. Was taugt das?
Am Geld sollte es in diesem Fall nicht scheitern. An sich kostet der Eintritt in die neue Ausstellung im Linden-Museum zwölf Euro. Wem das zu viel ist, hat bei einem solidarischen Preismodell die Wahl und kann auch zehn oder nur einen einzigen Euro bezahlen. Aber auch wenn man aus Solidarität großzügige zwanzig Euro berappen sollte, bekommt man in der neuen Sonderausstellung für sein Geld sehr, sehr viel geboten – sogar mehr, als man bei einem einzigen Besuch aufnehmen kann. Das Thema: „Stuttgart – Afghanistan“.
Der Titel ist wichtig, denn es ist keineswegs eine Ausstellung über Afghanistan, wie die Direktorin Inés de Casto betont, weshalb man nach dem Rundgang auch kaum mehr weiß über Land und Leute, Kultur und Religion als vorher. Stattdessen hat das Linden-Museum ein besonderes Experiment gewagt. Da die Welt zu kompliziert und komplex ist, als dass man Sachverhalten aus nur einer Perspektive gerecht werden könnte, wird inzwischen gerade von Völkerkundemuseen gefordert, nicht nur eine Expertenmeinung zu vermitteln, sondern deutlich zu machen: Es gibt viele Blicke auf Objekte und historische Ereignisse.
Die Ausstellung wurde von einer bunt gemischten Gruppe zusammengestellt
Der Direktorin und der Orient-Referentin Annette Krämer geht es also zuvörderst um eine durchaus politische Botschaft, die in diesen aufgeheizten Zeiten wichtig ist: Vielstimmigkeit statt Deutungshoheit und miteinander statt übereinander sprechen. So wurde die Ausstellung von einem großen, bunt gemischten Team bestritten, von Deutschen und Afghanen, Laien und Fachleuten, Künstlern, Studierenden und eben allen, die Lust hatten, ihre Sicht auf Objekte, historische Ereignisse oder Landschaften beizusteuern.
Es sind die Geschichten und Beiträge der Arbeitsgruppe, die man in der umfassenden Ausstellung nun lesen kann. Einer erinnert sich, wie es sich anfühlte, unter einem „Laternendach“ zu liegen. Ein Seminar an der Stuttgart Kunstakademie hat sich mit der „Lesbarkeit jenseits der physischen Erscheinung“ von Objekten befasst. Ein Restaurator, der einst in Herat die „haft rang-Technik“ für Fliesen erlernte, will nun die Hintergründe eines Mosaiks ergründen.
Die Beziehungen zwischen Deutschland und Afghanistan waren über Jahrzehnte erstaunlich eng. Heute mag man vor allem an den Niedergang des Landes seit der Machtübernahme durch die Taliban denken. Lange Zeit aber herrschte reger Austausch. Anfang des 20. Jahrhunderts zogen deutsche Fachkräfte ins Land, in den 1920er Jahren wurde dann die Deutsch-Orientalische Handelsgesellschaft gegründet und die deutsche Schule in Kabul eröffnet. Später wurde das Land ein beliebtes Reiseziel für Europäer – auch für Hippies auf der Suche nach Spiritualität (und Drogen).
Die Schwaben brachten kistenweise Objekte mit
Schon die württembergischen Herzöge liebten Kostbarkeiten aus Lapislazuli, das in Afghanistan abgebaut wurde. Das Linden-Museum besitzt Tausende Objekte aus Afghanistan – vorislamische und islamische Kunstwerke, aber auch Alltagsgegenstände, Teppiche und Trommeln, Gewänder und Gefäße oder den Hammer eines Schmieds aus Panam, einem Dörfchen in der Provinz Badakhshan. Den kaufte 1962 eine Stuttgarter Delegation, die bei ihrer Badakhshan-Expedition monatelang durchs Land reiste.
Die Schwaben schafften kiloweise Filderkraut nach Afghanistan – und kehrten mit zahllosen Objekten und Geschichten zurück. Ihre Expedition ist Ausgangspunkt der Sonderausstellung, die mit zahllosen Aspekten aufwartet: Religionen und Riten, Archäologie, Politik, kunstwissenschaftlicher Analyse und eben auch privaten Erinnerungen. So werden auch einige Briefe von deutschen Kindern gezeigt, die in Kabul aufwuchsen und sich nach der Heimat sehnten.
Das Ergebnis ist ein kunterbunter Kosmos zu Männertänzen, zerstörten Buddha-Statuen und nie gebauten Zementwerken, zu „anthropomorpher Keramik“, Safawiden und „graeco-buddhistischem Synkretismus“, Russen und Reiterspielen. Und natürlich gibt es auch Neue Medien und können die Besucher selbst aktiv werden: „Erschaffe dein digitales Exponat“.
Die Perspektive des Publikums wurde vergessen
Die Ausstellung, heißt es am Ende, gebe keine „simplen Antworten für eine herausfordernde Welt“, sondern stehe für eine „Haltung“ – nämlich für ein friedliches Miteinander, wie es das Team praktiziert hat. Das ist ehrenwert, als Ausstellungskonzept taugt der Ansatz allerdings nur bedingt. Denn im vielstimmigen Gewirr wurde eine Perspektive vergessen: die des Publikums.
Das kann sich treiben lassen und findet zweifellos hier und dort Anregendes. Wer aber ernsthaft versucht, sich den zahllosen Themen und Aspekten zu nähern, wird hoffnungslos überfordert sein. Denn Vielstimmigkeit allein macht eine Ausstellung noch nicht zugänglich, dazu benötigt man auch ein sinnvolles didaktisches Konzept. Aber es gebe ja den solidarischen Eintrittspreis, meint die Direktorin und hofft, dass die interessierten Besucher bei nur einem Euro häufiger kommen werden.
Von Stuttgart nach Afghanistan
Stuttgart-Expedition
Es war die größte Forschungsreise, die das Linden-Museum je unternahm: 1962 brach eine Gruppe Stuttgarter auf zur Badakhshan-Expedition. Bei der mehrmonatigen Reise erwarb man zahlreiche Objekte, die sich heute in der Sammlung des Museums befinden, Metallarbeiten, Keramiken oder auch Textilien. Bei der Tour entstanden aber auch Tausende von Fotografien.
Ausstellung
bis 28. Juli, Dienstag, Donnerstag bis Samstag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr, Sonn- und Feiertag 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt folgt dem Motto „Pay what you can“ und kostet 1, 10, 12 oder 20 Euro.
Vortrag
Auch afghanische Familien sind auf der Welt zerstreut. Katja Mielke vom International Centre for Conflict Studies in Bonn spricht am 28. Februar um 18.30 Uhr über „Afghanistan transnational: Zwischen Flucht, Exil und Weltbürgertum“, ideologische Auseinandersetzungen und kapitalistische Expansion.