Die Lebensgeschichte des bisher im Ort unbekannten Heinrich Talmon-Gros zieht viele Besucher an. Foto: Jeanette Tröger

Das Waldensermuseum widmet sich derzeit Heinrich Talmon-Gros: einer kämpferischen Stimme aus Neuhengstett für das Recht der Arbeiterschaft.

Die Ausstellung erinnert an einen mutigen Mann, der sich in der Zeit des Nationalsozialismus den neuen Gesinnungen kritisch entgegenstellte und seinen Überzeugungen bis in den Tod treu geblieben ist.

 

Die von Martina Talmon-Gros, zweite Vorsitzende des Heimatgeschichtsvereins Bourcet, konzipierte Ausstellung ist bis September im Museumspavillon jeweils an den ersten Sonntagen im Monat zu sehen. Die nicht mit dem beschriebenen Heinrich Talmon-Gros verwandte Neuhengstetterin ist bei einer Recherche zu einem Namensvetter desselben über den in der Ausstellung gewürdigten Heinrich sozusagen „gestolpert“. An diesen in Neuhengstett geborenen Heinrich erinnern nämlich zwei sogenannte „Stolpersteine“ in Schorndorf und in Heidenheim an der Brenz.

Akribische Nachforschungen waren notwendig

In unzähligen Stunden hat sich Martina Talmon-Gros durch örtliche und auswärtige Archive gelesen, mit Archivaren gesprochen, im Netz recherchiert. Die Spur von Heinrichs Familie in Neuhengstett endet mit dem Wegzug des Vaters Gottlob Talmon-Gros nach dem Tod der Mutter Margarethe 1912 nach Neuf-Brisach ins Elsass. Der Stammbaum von Heinrich lässt sich jedoch eindeutig nachvollziehen und mit ihm auch die weitläufige Verwandtschaft im Ort.

Heinrich erlernte früh das Zigarrenmacher-Handwerk und zog 1901 mit 19 Jahren nach Schorndorf zu seinem ältesten Bruder Gottlob, heißt es in der zur Ausstellung aufgelegten Broschüre, in der die Lebensgeschichte Heinrichs, sein politisches Engagement und sein Einsatz zur Verbesserung der sozialen Lage der Arbeiter lebendig werden. Er warb bei diesen für die Wichtigkeit des Wahlrechts und wurde Schriftführer im sozialdemokratischen Arbeiterverein Schorndorf. Er wurde zum Vorsitzenden der Freien Gewerkschaften gewählt und stellte sich gegen Kinderfeste als Kaiserjubelfeiern und war als Soldat vier Jahre im Ersten Weltkrieg.

Eine mutige Stimme für das Recht der Arbeiterschaft

Er trat in die SPD ein. In den Dreißigerjahren des vorigen Jahrhunderts war er bekannt dafür, dass er seine politische Anschauung kompromisslos vertritt. Vom Deutschen Tabakarbeiterverband wird Heinrich 1929 nach Heidenheim an der Brenz versetzt und als Geschäftsführer des süddeutschen Tabakarbeiterverbandes eingesetzt.

Am 28. April 1933 wurde Talmon-Gros das erste Mal verhaftet und ins Schutzhaftlager Heuberg bei Stetten am Kalten Markt verschleppt. Durch seine Verhaftung kam seine ganze Familie in Misskredit, wie Briefe seines Sohnes Erwin belegen. Ende 1933 wurde Heinrich freigelassen, doch nach einer Denunziation durch einen vermeintlichen Vertrauten im September 1936 erneut festgenommen und im April 1937 ins KZ Dachau gebracht.

Von den zwölf Jahren Naziregime musste Heinrich über neun Jahre in politischer Haft verbringen. Die mit originalen Dokumenten, Schreiben und Briefen reich bebilderte Broschüre und die Ausstellung belegen diese Zeit eindrücklich. Aufgrund der unmenschlichen Haftbedingungen verstarb Heinrich Talmon-Gros am 20. Februar 1945 im KZ Dachau. Im Gedenken an seinen Lebens- und Leidensweg haben die Städte Schorndorf und Heidenheim Stolpersteine legen lassen, in Schorndorf ist auch eine Straße nach ihm benannt.

Dauerhaftes Erinnern an Heinrich Talmon-Gros

„Mir war nicht wichtig, für Heinrich auch in Neuhengstett einen Stolperstein zu bekommen“, sagt Martina Talmon-Gros zur Eröffnung der Ausstellung.

Die drei großformatigen Tafeln mit der zusammengefassten Vita des mutigen Kämpfers für die Rechte der Arbeiterschaft sollen jedoch im kleinen Museumshäusle aufgehängt werden, „damit Heinrich Talmon-Gros auch in Neuhengstett ein dauerhaftes Erinnern hat.“

Als einer der ersten Besucher der Ausstellung am vergangenen Sonntag ergriff Altbürgermeister Clemens Götz das Wort: „Ich bin tief beeindruckt von Heinrich Talmon-Gros. Wir können sehr stolz sein, dass jemand, der so mutig und eigenständig war, aus unserem Ort kommt.“

Götz würdigte den Einsatz von Martina Talmon-Gros, die in ihrer Freizeit ihre Nachforschungen betrieben hatte. Die Geburtsadresse von Heinrich Talmon-Gros konnte bisher nicht herausgefunden werden, die Recherchen haben lediglich ergeben, dass seine Eltern von 1904 bis 1912 im heutigen Museumshäusle in der Waldenserstraße 47 gelebt haben.