Unter den Kunstkennern gibt es keinen Zweifel: Der 2019 verstorbene Maler Karl Hurm war selbst in der letzten Phase seines Schaffens zu großen Leistungen fähig.
Allmählich brechende Schaffenskraft und Kreativität? Von wegen. Den Gegenbeweis tritt die am Sonntag im Städtischen Kunstmuseum Hurm (in der Ölmühle) eröffnete Ausstellung „Karl Hurm – Späte Meisterwerke“. Sie zeigt in sieben thematisch strukturierten Abteilungen (Kojen) rund 90 Öl- und Materialbilder, die der Haigerlocher Ehrenbürger zwischen 2010 und seinem Todesjahr 2019 geschaffen hat.
Auch wenn noch geschwind zusätzliche Stühle herbeigeschafft wurden, so reichte der Raum, in dem sonst die Stadtkapelle Haigerloch ihre Proben absolviert, fast nicht aus, um alle zu fassen, die bei der Vernissage dabei sein wollten. Darunter viele Ehrengäste aus Politik und Gesellschaft sowie Wegbegleiter des gebürtigen Weildorfers, der am 29. Dezember vergangenen Jahres 95 Jahre alt geworden wäre. Und nicht zuletzt die Familien Kessler, Wiest und Hurm.
Bürgermeister Heiko Lebherz freute dieses Interesse an der neuen Hurm-Ausstellung außerordentlich. „Das ist ein ganz tolles Signal für unsere Stadt“, meinte er. Haigerloch dürfe stolz auf einen „großen Sohn“ sein, der mit seinen Bilderwelten Menschen weit über die Stadtgrenzen hinaus begeistere.
Pauli: Kunst baut Brücken
Bis ins hohe Alter habe Karl Hurm eine ungebrochene Neugier und ein hoher künstlerischer Anspruch angetrieben. „Möge diese Ausstellung alle inspirieren und zeigen, wie bunt die Welt eines Mannes ist, der sein Leben der Kunst gewidmet hat“, lud Lebherz nicht nur zum Rundgang durch die neue Sonderausstellung ein, sondern auch zum Betrachten der anderen rund 300 Hurm-Exponate, die ständig in der Ölmühle zu sehen sind.
„Ich kenne keine andere Party für einen 95-jährigen, die so groß gefeiert wird“, witzelte Landrat Günther-Martin Pauli in seiner gewohnt humorvollen Art. Kunst, so der Landrat, sei der beste Brückenbauer, um die Gesellschaft zusammenzuführen und man könne nicht nur auf das Werk stolz sein, das Karl Hurm hinterlassen habe, sondern auf viele Kunstschätze die es überall im Zollernalbkreis gebe.
Kreativ bis ins hohe Alter
Kunsthistoriker Michael Ralf Michael Fischer von der Universität Tübingen hatte die Ausstellung „Späte Meisterwerke“ gemeinsam mit Magdalene und Wilfried Kessler als Teil der Familie des Künstlers konzipiert. Ihm oblag es deshalb, die Ausstellung und das Spätwerk Karl Hurms zu erklären und zu deuten.
Späte Schaffensphasen eines alternden Künstlers, so der Kurator, hätten ja meist einen zwiespältigen Ruf. Sind in dieser Zeit entstandene Arbeiten nur das krampfhafte Festhalten an längst Bekanntem und Gesehenen? Oder erzeugen sie noch einmal einen fulminanten Aufbruch zu Neuem, so wie bei Otto Dix geschehen (Anm. d. Red.: Spätwerke von ihm gibt es im Kunstmuseum in Albstadt zu sehen)?
Spätere Werke hat hohen Wert im Gesamtwerk
Bei Karl Hurm ist für Fischer der Fall klar: In dessen letztem Lebensjahrzehnt sind einige Arbeiten entstanden, denen der Kunsthistoriker einen hohen Stellenwert im Gesamtwerk beimisst. Was aber unterscheidet Hurms Spätwerk von seinen früheren Schaffensphasen?
Zweifellos, so Fischer, komme es zu Verschiebungen; Karl Hurms stilistisches Repertoire werde vielfältiger und er selbst noch kreativer. Dies zeigten seine Materialbilder, wofür auch schon mal ein Vesperbrett verwendet werde. Upcyling von Müll und verbrauchten Gegenständen – das sei eigentlich ein ganz moderner Zugang zur Kunst.
Augenzwinkernder Humor
Aus der Sicht des Kurators bleibt sich der Maler andererseits aber auch treu. Seine Landschaften mit vielen augenzwinkernden Details finden sich auch in vielen ab 2010 entstandenen Motiven. Auch Hurms Vorliebe für Tiere offenbare sich immer wieder. Dazu wähle er Titel für die Bilder, die laut Fischer voller „ironischer Lakonik“ seien.
Und Fischer lud die Gäste der Vernissage ganz besonders zum Betrachten eines unfertigen Werkes („Zwei Teiche im Dorf“) und eines Pinsellappens ein, auf dem man fast ein Gesicht erkennen könne.
Zum Schluss bedankte sich Hurm-Tochter Magdalene Kessler bei allen, die zur Realisierung dieser Sonderausstellung beigetragen hatten. „Wenn sie ihnen gefällt, sagen sie es bitte weiter“, rührte sie dafür ein klein wenig die Werbetrommel. Danach konnten alle in den faszinierenden Bilderkosmos des großen Mannes aus dem kleinen Dorf eintauchen und sich bei vom Kultur- und Tourismusbüro der Stadt bereitgestellten Häppchen und Getränken angeregt über seine Kunst austauschen.