Baugenossenschaften gelten in Basel als wichtiges Instrument für die Entwicklung von bezahlbarem Wohnraum. Eine Ausstellung zeigt, wo die Idee herkommt und wie sie heute gelebt wird.
Wohnungsnot kennt keine Grenzen. Beiderseits des Rheins wachsen in der prosperierenden Region die Ansprüche, während es vielen Menschen immer schwerer fällt, überhaupt bezahlbaren Wohnraum zu finden. In Basel stellt sich das Problem verschärft, weil dem zwischen Deutschland und Frankreich eingeklemmten Stadtkanton schlicht die Flächenreserven fehlen. Seit eine Wohnbauinitiative die Volksabstimmung erfolgreich bewältigte, gibt es zudem klare Vorgaben an die Politik. Der Anteil preisgünstiger Wohnungen muss bis 2050 auf 25 Prozent steigen. Eine zentrale Rolle spielen dabei Genossenschaften, die wirtschaftliche Aspekte mit Eigeninitiative verbinden können. Die Geschichte und die Potenziale der genossenschaftlichen Bewegungen im Raum Basel zeigt derzeit eine Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum (SAM).
Alle Lebensbereiche
Der genossenschaftliche Wohnungsbau, der in Deutschland bereits im 19. Jahrhundert seine Ursprünge im Arbeiter- und Handwerkermilieu hatte, kam zwar etwas zeitversetzt in Basel an, dafür aber gleich mit einem besonders exemplarischen Ansatz, der alle Lebensbereiche umfasste.
Im Freidorf Muttenz, in den 1920er-Jahren vom späteren Bauhaus-Direktor Hannes Meyer geplant, bildeten die Bewohner eine Gemeinschaft, die weit über den Aspekt Wohnen hinausging. Nachbarschaftliche Fürsorge, Kinderbetreuung, eigene Geschäfte – alle Lebensbereiche waren genossenschaftlich organisiert.
Projekte verändern sich
So idealtypisch waren andere Basler Arbeitersiedlungen nicht organisiert. In der Nachkriegszeit lösten sich die ehemaligen Milieubindungen ohnehin weitgehend auf, Genossenschaften agierten nun als reine Wohnbauunternehmen. Mit dieser Institutionalisierung veränderten sich auch die Projekte.
Erste Basler Hochhäuser
Als in den 1950er-Jahren im Quartier Entenweid genossenschaftliche Wohnungen erstmals kostengünstig übereinandergestapelt wurden, gab es für diese ersten Basler Hochhäuser auch Kritik aus den eigenen Reihen. Für Hans Bernoulli, der die Arbeitersiedlung Vogelsang zwischen Basel und Riehen noch ganz als Gartenstadt mit Flächen zur Selbstversorgung konzipiert hatte, standen Hochhäuser ganz grundsätzlich im Widerspruch zu genossenschaftlichen Konzepten: „Ein Turm ist kein Heim.“
Typische Abwärtsspirale
Entfernt sich ein Projekt zu sehr vom genossenschaftlichen Wesenskern, dann läuft es Gefahr, von der üblichen Problematik des sozialen Wohnungsbaus eingeholt zu werden. Für diese These steht das Beispiel Rhypark. Auf dem ehemaligen Schlachthofgelände entstand in den 1980er-Jahren eine Wohnanlage, die trotz bester Lage am Rhein in eine typische Abwärtsspirale geriet.
Genossenschaftliche (Teil-)Eigentümer zogen sich frühzeitig zurück, doch die Versicherung Helvetia konnte als alleinige Eigentümerin ihre Rendite-Ziele nicht verwirklichen und verkaufte ihrerseits das Objekt – wieder an Genossenschaften. Diese sollen nur für die überfällige Sanierung sorgen. Immerhin: Bei den Mietern sorgt das für Zuversicht, wie die Transparente zeigen, die derzeit an vielen Balkonen im Wind flattern.
Anders als beim Rhypark stehen aktuelle Basler Großprojekte auf stabileren Fundamenten. Neue Gesetze verpflichten den Kanton dazu, zur Vermeidung von Spekulation eigenen Grund nur noch im Baurecht (entspricht dem deutschen Erbbaurecht) und nur noch für Genossenschaften zur Verfügung zu stellen. Mit diesem neuen Schub haben genossenschaftliche Modelle etwa in der Erlenmatt beim Badischen Bahnhof oder im Volta-Quartier in der Nähe des Novartis-Campus auf ehemaligen Gewerbeflächen vielfältige Quartiere entstehen lassen.
Gesellschaftliche Utopie
Und wo bleibt dabei die gesellschaftliche Utopie? Namentlich die kleineren Genossenschaften erhoffen sich derzeit von einem Wettbewerb neue Impulse für ihre Weiterentwicklung. Auch die SAM-Ausstellung selbst dient als Forum, auf dem sich im ständigen Wechsel große und kleine Gruppierungen präsentieren können. Das Interesse des Publikums sei da, sagen zum Beispiel Silvia Livio und Florian Trau von der Baugemeinschaft Wildental, die in Kaiseraugst ein Projekt vorantreibt.
Auch andere Genossenschaften hätten bei ihren Auftritten in der Ausstellung diese Erfahrung gemacht. Die kleine Genossenschaft, in Deutschland würde man von einer Baugruppe sprechen, sucht noch Leute, die den kommunikativen und organisatorischen Aufwand des gemeinschaftlichen Bauens für einen ideellen Mehrwert gerne in Kauf nehmen. Silvia Livio: „Uns geht es wirklich um das Zusammenleben.“
Die Ausstellung im Schweizerischen Architekturmuseum mit dem Titel „Wohnen fürs Wohnen“ ist noch bis zum 19. April zu sehen.