Hatsune Dreher-Shimodas Werke hängen im Salon „jung.friseur“ in Balingen. Foto: Hatsune Dreher-Shimoda

Von Japan über Frankfurt bis nach Balingen: Hatsune Dreher-Shimoda zeigt in einer ungewöhnlichen Ausstellung, warum Frauen Mut, Tiefe und Stärke vereinen.

Angst ist der wohl größte Feind von Träumen. Dicht gefolgt von Rollenzuschreibungen und gesellschaftlichen Erwartungen. Erfahrungen, die Hatsune Dreher-Shimoda kennt. Ihren Kindheitstraum habe sie eine Weile aus den Augen verloren, sagt die Illustratorin. Aber aufgegeben hat sie ihn nicht: „Bis ich mir diesen Traum erfüllt habe, ist viel passiert.“ Ihr Weg hat sie aus der japanischen Zwei-Millionen-Metropole Nagoya über Frankfurt zu einem Demeter-Bauernhof und schließlich bis nach Tieringen geführt. An diesem Januarnachmittag sitzt sie im Konferenzraum unserer Redaktion. Sie legt die zierlichen Hände ineinander und beginnt zu erzählen.​

 

Hatsune Dreher-Shimoda ist eine strukturierte, eine chronologische Erzählerin. Sie fängt von vorn an. Erinnert sich an ihre Kindheit in Japan: „Ich habe schon damals immer am liebsten gemalt.“ Stundenlang habe sie als kleines Mädchen am Tisch gesessen, vor sich ein Blatt Papier. In der Hand Stifte. Farben, mit denen sie Geschichten visualisiert: „Menschen und ihre Geschichten faszinieren mich bis heute.“ Sie will sie verstehen, zuhören, greifbar machen, was ihre Mitmenschen umtreibt. Das, was sie ausmacht, mit Strichen und Farbe einfangen. Diesem Gedanken liegt auch Dreher-Shimodas erste Ausstellung in Balingen zugrunde. Konzipiert hat sie ihre Porträtreihe mit dem Titel „Frauen“ eigens für einen ungewöhnlichen Ausstellungsort: den Friseursalon „jung.friseur“ in der Kameralamtstraße 6.

Vier Freundinnen, vier Porträts

Wie kam es dazu, dass sie ausgerechnet in einem Friseursalon ausstellt? „Ich habe den Inhaber des Salons, Bernhard Jung, bei einem Spaziergang zufällig kennengelernt.“ Als sie ihm erzählte, dass sie freiberufliche Illustratorin ist, habe er ihr angeboten, einige ihrer Bilder auszustellen. Kuratiert haben sie die Ausstellung gemeinsam. „Ich war sehr frei. Das ist toll.“

Auf den Bildern sind ihre vier engsten Freundinnen zu sehen. Die Gesichter im Profil, dargestellt in feinen Schwarz-Weiß-Schattierungen. Sie stehen im Kontrast zu den farbprächtigen Hintergründen, exotischen Blumen am Bildrand und den goldenen Bildhälften. Entstanden sind die Porträts nicht auf Leinwänden oder Papier, sondern am iPad.

Monatelang hat die 46-Jährige daran gearbeitet. „Der Nachteil daran ist, dass viele Menschen denken, es sei nicht selbstgemalt.“ Dabei male sie jeden Strich, jeden Schatten selbst. Eben mit einem digitalen Stift, virtuellen Pinseln. Die Idee kam der Illustratorin während eines gemeinsamen Spaziergangs mit einer Freundin.

Träume, Mutter und Karriere

„Wir haben uns über Träume, über das Mama-Sein und über Karriere unterhalten.“ Die Geburt eines Kindes markiere einen Umbruch im Leben jeder Frau, sagt die dreifache Mutter. „Da ist das Leben als Mama, die das Beste für ihre Kinder will. Und dann will man gleichzeitig aber auch nicht seine anderen Träume aufgeben.“ Der Mut ihrer Freundin und ihre positive Einstellung haben Dreher-Shimoda beeindruckt. Und inspiriert. „Ich dachte in dem Moment: Frauen sind so stark, so fokussiert, so mutig auf der einen Seite. Und dann so feinsinnig, so emotional.“ Diese Facetten wollte sie in ihren Bildern einfangen. Zunächst fotografierte sie ihre Modelle, dann begann sie mit den ersten Skizzen.

Als Illustratorin porträtiert Dreher-Shimoda häufig Menschen, die sie nicht persönlich kennt: „Kunden schicken mir zum Beispiel ein Foto ihres Kindes oder Enkels, das ich dann male.“ Im Fall ihrer aktuellen Ausstellung war das etwas völlig anderes: „Ich hatte viel Respekt davor.“ Ob die Bilder ihren Freundinnen am Ende gefallen werden, ob sie sich gut getroffen fühlen, ob es ihr gelingt, deren Persönlichkeit mit Pinselstrichen einzufangen? – Fragen, die sie vor dem Beginn des Projekts umgetrieben haben. „Jede von ihnen ist so stark und so vielschichtig. Das wollte ich in den Bildern präsentieren.“ Das Ergebnis zeige, wie sie ihre Freundinnen wahrnimmt. „Ich kann nur malen, was ich durch meine Augen sehe.“

Positive Rückmeldungen

Knapp fünf Monate hat Hatsune Dreher-Shimoda an den vier großen Porträts gearbeitet. Angefangen hat sie im Sommer, seit Dezember hängen sie im Friseursalon „jung.friseur“ in der Eyachstadt. Die Rückmeldungen ihrer Freundinnen und auch die von Besuchern der Ausstellung seien bisher sehr positiv, sagt die Künstlerin mit einem Lächeln.

Derzeit arbeitet sie an einem Kinderbuch, zu dem sie ihr jüngster Sohn inspiriert hat: „Es ist eigentlich fast fertig. Ich sehe mich nach einem Verlag um.“ Im Sommer 2020 hat sie einen Kurs für Kinderbuchillustration an der Akademie für Illustration und Design in Berlin besucht. Neben ihrer Tätigkeit als Illustratorin arbeitet sie in einem Schülerhort. Ihr aktuelles Projekt verbinde im Grunde ihre beiden Arbeitsbereiche, bemerkt Dreher-Shimoda.

Ihre Ideen kommen ihr oft in Alltagssituationen. Nicht selten auch in ihrem Garten, in dem sie viele Stunden verbringt. Im Mittelpunkt ihrer Projekte stehen Menschen – mit ihrem Facettenreichtum, ihrem Mut, ihren Träumen, dem, was sie antreibt. Ja, Hatsune Dreher-Shimoda ist eine Traumfängerin, die mit Pinselstrichen einfängt, was die Porträtierten bewegt.

„Frauen“ noch bis Ende Januar zu sehen