Eine aufwendig gestaltete Ausstellung die die Karriere der deutschen Rennradlegende Jan Ullrich aufzeigt wurde jetzt in Bad Dürrheim eröffnet. Indes: bei der Vernissage standen nicht so sehr die tollen Rennräder sondern vor allem der Mensch im Mittelpunkt.
Das „Erste offizielle Jan Ullrich Cycling-Museum“ wurde mit einem großen Empfang mit viel Prominenz auch aus der Radsportszene eröffnet. Temporär für die nächsten Monate sind im Weinbrenner-Saal des Haus des Gastes die deshalb die porträtierten Bürgermeister verschwunden. Dafür werden 22 der in der
Sportzeit ausgeklügelt raffiniert filigranen Rennradmaschinen von Ullrich ausgestellt - dazu hin viele seiner Trikots, Pokale und Medaillen. Um die einhundert aufwendig reproduzierten großen Bildabzüge von immer wieder spektakulären und Emotionen generierenden Fotoaufnahmen - in großer Mehrheit vom Kölner Sportfotographen Hennes Roth - zeigen Ullrich im harten Wettkampf gegen Uhr oder im Peloton. Die Ausstellung ist- wie Masken und Kleidle im Narrenschopf - in ein warmes Licht eingebettet.
Ullrich mit großer Vorfreude
Indes: Gestern standen bei der Vernissage gar nicht die Rennmaschinen und Accessoires im Mittelpunkt sondern es zählte vor allem einfach die Person Jan Ullrich – eben der Mensch.
Ullrich war eine große Vorfreude vor dem Ereignis mit einem großen Lausbubenlächeln anzumerken. Die Radsportlegende begrüßte viele der rund 150 gekommenen Gäste mit einem ehrlichen Händedruck.
2006 folgt der Doping-Strudel
Nicht wenige Kritiker hatten im Vorfeld die Ausstellung über Jan Ullrich als problematische Angelegenheit angesehen. Über ein Jahrzehnt hinweg hatte der gebürtige Rostocker von 1995 bis 2005 mit seinen sportlichen Erfolgen die Fans in Deutschland begeistert und hierzulande einen wahren Rennradboom ausgelöst. Bei den Olympischen Spielen in Sydney (2000) hatte Ulrich eine Goldmedaille geholt und war in 1997 zum Triumph bei der Tour de France gefahren. Ullrich avancierte zu einem der beliebtesten Sportler von Deutschland vergleichbar etwa mit Sportlegenden wie Max Schmeling und Franz Beckenbauer.
Im Jahr 2006 geriet dann Ullrich in den Fuentes-Dopingskandal und fiel auf Grund dessen sehr tief – vom „Hero zum Zero“. Bis fast in die Gegenwart hinein erlebte er ein unendlich tiefes Loch scheinbar ohne Möglichkeit auf ein „reinigendes Fegefeuer“ für die Rückkehr in ein „normales Leben“. Ausstellungsskeptiker sahen die Aufarbeitung des Dopingskandals als ein wichtiges Element für die Schau an, die dann nicht wirklich geleistet wurde und vielleicht nicht so exponiert hätte sein müssen.
Ullrich war bei der Rad-DM bereits vor Ort
Im ARD-Fernsehen hatte sich Ullrich ausführlich offenbart. In 2023 hatte Ullrich dann seine Dopingverwirklungen in Gänze eingeräumt. Ausgerechnet Bad Dürrheim ermöglichte nun Ullrich gewissermaßen in die Gesellschaft“ und in die „Sportfamilie“ wieder aufgenommen zu werden.
Schon im letzten Frühsommer war er bei der von Rick Sauser organisierten Rad-DM ganz überraschend als Zuschauer dabei gewesen, wobei ihm offenbar in der Wellnessmetropole eine richtiggehende Wertschätzung zu Teil wurde. Auch mit Bürgermeister Jonathan Berggötz stimmte damals gleich die Chemie. Schon im Oktober trafen sich Berggötz und Ullrich und dessen Manager Mike Baldinger in Freiburg um die Idee einer Ausstellung anzudiskutieren, die dann ab Januar sukzessive konkretisiert wurde. Zunächst hatte auch Merdingen am Kaiserstuhl, dem jetzigen Wiederwohnsitz von Ullrich gleichfalls Chancen auf eine Ausstellung gehabt.
Bad Dürrheim als Radsport-Mekka
Rathauschef Berggötz erinnerte daran, dass Ullrich bereits in 2001 die Deutsche Radsportmeisterschaft gewonnen hatte, die schon damals in Bad Dürrheim ausgefahren worden war. „Wir sind hier ein Radsport-Mekka“, meinte Berggötz und es sei daher eigentlich auch völlig logisch, dass das Ullrich-Radsportmuseum hier entstanden ist. Er freute sich, dass Ullrich nach langer schwerer Zeit wieder hochgekommen ist und nannte ein Winston Churchill-Zitat: „Es ist wichtig einmal mehr aufzustehen als hin zu fallen.“ Der Bürgermeister erkannte an, dass Ullrich seine Fehler eingestanden habe, was ihm nun ermöglicht wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Kubä-Chef Markus Spettel nannte Details in der Verwirklichung der Ausstellung, die er zusammen mit Eventmanagerin Lena Klatt und einem Team federführend bewerkstelligte. Manager Mike Baldinger war für die Verwirklichung in Bad Dürrheim vor Ort und soll nun am besten auch hier seinen festen Wohnsitz nehmen. Zum Glück waren viele der ausgestellten Rennräder der Marken Diamant, Pinarello und Bianchi in der Schweiz eingelagert gewesen, denn „auf der Alternative Mallorca“ wäre wahrscheinlich das eine oder andere Rad bei Einbrüchen verschwunden.
Emotionaler Rundgang durch die Ausstellung
Viele Weggefährten von Ullrich, manche überraschend, waren gekommen, etwa von ihm zum Radsport inspirierte Spitzenfahrer wie Simon Geschke, Danielo Hondo und Tony Martin. Seine DDR-Jugendtrainer Peter Sager und Peter Becker waren wie seine Brüder gleichfalls dabei. Und ganz überraschend auch Fußballstar Günter Netzer. Dieser schätzt Ullrich wirklich sehr und hat offenbar in schwierigen Zeiten Ullrich ganz wichtige Unterstützung gegeben.
Auf einem auch emotionalen Rundgang durch die Ausstellung plauderte Ullrich interessante eher unbekannte Geschichten aus dem Nähkästchen. Etwa wie sich Rivale Marco Pantani bei einer Tour de France-Etappe ihm gegenüber ritterlich verhielt oder ein Angebot durch seine Lieblingsmarke Bianchi für seinen Rennstall zu spät kam und Wort gehalten werden musste.