Weitere Eindrücke aus der Schau Foto: Mercedes-Benz AG/Mercedes-Benz AG - Mercedes-Benz

Im Stuttgarter Mercedes-Benz-Museum wird unter dem Titel „Moving in Stereo“ die grandiose Kunstsammlung des Unternehmens gezeigt. Wer gewinnt das Rennen – die Kunst oder der Silberpfeil?

Würde man in Ruhe schauen, würden die meisten auflachen. Das soll Kunst sein? Diese billigen Glasrahmen, auf die breite Pinselstriche gemalt wurden? Viel zu sehen gibt es hier wahrlich nicht – und doch ist es ein kluger Kommentar auf den Kunstbetrieb. Was als bedeutsam gilt, liegt vor allem im Auge des Betrachters. Deshalb wurde schon manche künstlerische Schnapsidee hochgejubelt.

 

Das Publikum läuft automatisch auf die Autos zu

Aber man muss sich keine großen Hoffnungen machen: Kaum jemand wird die lustigen Pinselstriche von Karin Sander zur Kenntnis nehmen. Wer im Stuttgart Mercedes-Benz-Museum ins oberste Stockwerk gefahren ist, läuft automatisch auf die Pioniere der Automobilgeschichte zu, auf die offenen Gefährte, die noch an Pferdekutschen erinnern. Wer in ein Automuseum geht, will glänzende Lacke, breite Reifen und verchromte Auspuffe sehen – und keine Kunst.

Schon an der ersten Stellwand hängt Hochkarätiges

Deshalb gehen die vorwiegend männlichen Besucher achtlos an der Bilderwand vorbei, die den Auftakt der Kunstausstellung „Moving in Stereo“ bildet und in den Rundgang zum Mythos Auto integriert wurde. Allein hier hängen vermutlich mehrere Millionen Euro: etwa das Gemälde „Sitzende“ von Oskar Schlemmer. In einem bunten Mix hat Renate Wiehager einen Querschnitt durch die Kunst des 20. Jahrhunderts versammelt. Die Kunsthistorikerin, die ihre Karriere an der Esslinger Villa Merkel begann, betreut die Kunstsammlung des Unternehmens. Und die ist stattlich.

Viele Arbeiten haben Witz

Seit 45 Jahren werden Werke angekauft. Zunächst lag der Blick auf Künstlern aus dem Südwesten, auf Klassikern wie Adolf Hölzel, Willi Baumeister oder eben Oskar Schlemmer. Das Potpourri zum Einstieg verrät aber schon, dass die Sammlung ambitioniert gewachsen ist und nicht nur internationaler wurde, sondern man auch Arbeiten erwarb, die Witz haben, die mit ironischem Augenzwinkern ihr Publikum ködern und den Kunstbegriff fröhlich hinterfragen. So hat Georg Herold in eine Damenhandtasche Zement gefüllt. Henk Peeters hat 1962 ein Bild aus schneeweißen Federn gefertigt, während Jan Henderikse für sein kreisrundes Bild alte Weinkorken nebeneinandergeklebt hat. Da braucht es nicht viel kunsthistorische Expertise, um den subversiven Geist zu erkennen.

Sylvie Fleury war shoppen

Der Kunstparcours lockt mit Werken, die sicher auch ein breiteres Publikum ansprechen würden – etwa die schicken Einkaufstüten, mit denen Sylvie Fleury auf den Konsumwahn anspielt. Hier ein riesiges Mobile mit Scheiben, die glänzen wie Autolack, dort bunt leuchtende Neonfahrräder von Robert Rauschenberg.

Die Kunst soll vom Autohype profitieren

Und doch spricht aus dieser Sonderschau eher die Tragödie des Ausstellungsbetriebs. Die Hoffnung, dass die Kunst im Fahrwasser der Autobegeisterung mitschwimmen und profitieren könnte, verrät, wie schwer sich Kunstkuratoren tun, Publikum zu erreichen. Aber um Autofreaks zu verführen, die lieber Selfies vor noblen Limousinen machen, müsste man die Kunst zumindest so zugänglich präsentieren wie Silberpfeil und Co.

Kenner wissen: Hier stand Marcel Duchamp Pate

Stattdessen verraten auch die Texte, in denen es um „artifizielles Setting“ oder die „Konnotation von Farben“ geht, wie wenig man sich darum schert, was ein breiteres Publikum an der Kunst interessieren könnte. Zumindest über ein Werk stolpern die Autofans aber unwillkürlich, ein weißes Leuchtobjekt von Bethan Huws. Hier stand ein altmodischer Flaschentrockner Pate, ein Gestänge, das Marcel Duchamp vor mehr als hundert Jahren zur Kunst erklärte. Bethan Huws nutzt Duchamps Erfolg geschickt für sich, indem sie sich auf den großen Meister bezieht.

Keine Anreize, sich mit der Kunst wirklich auseinanderzusetzen

Im Mercedes-Benz-Museum erntet ihr Leuchtobjekt allerdings nur Unverständnis – denn es wurde auf die Ladefläche eines Dieselpritschenwagens von 1932 gestellt. Zu einer Auseinandersetzung mit dem Werk verführt man so sicher nicht. So wird der Kunst in „Moving in Stereo“ letztlich sogar ein Bärendienst erwiesen, denn auch hier ist sie wie in Wohnzimmern, Möbelhäusern oder Hotelzimmern kein Anreiz zum Nachdenken, sondern schlichte Dekoration.

Autos und Kunst im Dialog

Prominent
3000 Werke befinden sich in der Mercedes-Benz-Art-Collection, die 1977 gegründet wurde. Neben Malerei und Bildhauerei wurden auch große Skulpturen angekauft, die im öffentlichen Raum stehen – nicht nur auf dem Gelände der Mercedes-Benz-Konzernzentrale in Stuttgart, sondern auch an prominenter Stelle am Potsdamer Platz in Berlin.

Info
Die Ausstellung „Moving in Stereo“ im Mercedes-Benz-Museum läuft bis 11. Juni 2023 und ist von Dienstag bis Sonntag 9 bis 18 Uhr geöffnet.