Erst grau, dann grün: Diese Hauswand in der Stuttgarter Innenstadt ist jetzt ein Hingucker. „Bungalow Stiftstraße“ ist eines von mehreren nominierten Stuttgarter Projekten. Foto: Helix Pflanzsysteme

Die Ausstellung „Einfach Grün – Greening the City“ im Garten des Stuttgarter Stadtpalais stellt begrünte Stuttgarter Pilotbauten vor und zeigt auf, wie und warum die Stadt in die Greening-Offensive gehen könnte

Stuttgart - Wald und Wein drum herum, Parks und viele Bäume mittendrin: Stuttgart ist grün. Grün sind auch überdurchschnittlich viele Dächer in der Stadt: 8,6 Prozent beträgt der Anteil im Stadtkern, 12,3 Prozent in der Gesamtstadt. Mit 4,1 Quadratmetern begrünter Dachfläche pro Einwohner steht die Landeshauptstadt im bundesweiten Vergleich an der Spitze. Wow!

 

Also alles grün und gut? Stuttgart tut gut daran, noch viel grüner zu werden, wenn es lebenswert und ein Ort zum Wohlfühlen bleiben will. Denn das Stuttgart von morgen wird schwitzen, noch mehr als heute: Mehr als dreißig Tage mit starker Wärmebelastung, das heißt Temperaturen über 38 Grad, sind derzeit durchschnittlich in bebauten Tallagen der Stadt zu verzeichnen – diese Zahl wird sich voraussichtlich bis 2050 verdoppeln. Zugleich wird weiter gebaut, Boden versiegelt, verdichtet – das heißt für viele Fleckchen Grün: auf Nimmerwiedersehen.

Vertikale Dschungel

Was hilft? Wo Boden zubetoniert wird, können Gräser und Kräuter, Sträucher und Bäume stattdessen an Fassaden und auf Hausdächern sprießen – und als natürliche Klimaanlage der schweißgeplagten Stadt Linderung verschaffen, Stichwort: Verdunstungskühle. Diese vertikalen Dschungel können aber noch viel mehr, sie säubern die Luft, fressen Feinstaub, schlucken Verkehrslärm – von der Natur am Bau profitieren die ganze Stadt und ihre Bewohner.

Doch wie geht das genau mit der Fassaden- und Dachbegrünung? Welche Regelungen gibt es? Ist das nicht viel zu teuer und arbeitsintensiv, wo kriegt man Fördergelder her, was bringt es wirklich? Und wie machen es andere Städte in aller Welt? Fragen, welche die Ausstellung „Einfach Grün – Greening the City“ beantwortet. Die Schau war schon im Deutschen Architekturmuseum (DAM) in Frankfurt zu besichtigen (pandemiebedingt nur über einen kurzen Zeitraum für Besucherinnen und Besucher zugänglich), jetzt ist sie Teil des Sommerfestivals „Stuttgart am Meer“ im Stadtpalais und dort im Museumsgarten als Outdoor-Beitrag zu sehen. Das Kuratorenduo Hilde Strobl und Rudi Scheuermann hat die Ausstellung nicht eins zu eins vom Main übernommen, sondern ihr einen spezifischen Stuttgart-Zuschnitt verpasst – so wächst der Mehrwert für die hiesigen Besucher deutlich.

Scharlachwein und Pfeifenwinde

So werden die beiden aktuellen Stuttgarter Vorzeige-Grünprojekte präsentiert. Scharlachwein, Pfeifenwinde, Klematis, Winterjasmin und andere Kletterkünstler sollen das von asp Architekten entworfene Parkhaus mit Energiezentrale im Cannstatter Neckarpark begrünen und sich entlang eines Edelstahlnetzes, das vor die rautenförmig gerasterte Fassade gespannt ist, nach oben ranken. Durch 1365 Quadratmeter Fassadengrün kann auf eine mechanische Belüftungsanlage verzichtet werden. Die neue Calwer Passage in Stuttgarts Zentrum krönt ein Dachwald; aus 2000 an der Fassade angebrachten Pflanzgefäßen können nach den Plänen von Ingenhoven Architects 11 000 Setzlinge sprießen und den Neubau in ein grünes Kleid hüllen.

Das sind zwei aufsehenerregende Pilotneubauten. Soll die neue urbane Hausbepflanzungslust aber spürbare Effekte erzielen, muss sie auch auf den Bestand überspringen. Weitere 26 Prozent des Gesamtdachbestands in Stuttgart können noch begrünt werden. Gut zu wissen: In der Kernstadt sind inzwischen 70 Prozent der Kosten etwa einer Dach- oder Fassadenbegrünung förderfähig. Die Schau hält jede Menge aufschlussreiche Zahlen und Daten bereitet und leistet praktische Hilfestellung, wenn zum Beispiel detailliert Begrünungssysteme vorgestellt werden. Ziel ist es aber auch, ein Bewusstsein zu schaffen für das, was geht; die Ausstellungsmacher wollen schlichtweg die Lust auf urbanes Grün stärken.

Grüne Architektur aus aller Welt

Dies gelingt, indem sie zum Teil sensationelle Grünprojekte aus aller Welt vorstellen – darunter die Wohntürme Bosco verticale in Mailand und den Kö-Bogen II in Düsseldorf, ein Büro- und Geschäftshaus, das acht Kilometer Hecken umwuchern. In der hoch verdichteten Megacity Singapur wird bei Neubauten 100 Prozent Rückgewinn der bebauten Fläche gefordert. Und: Je grüner die Häuser, umso höher dürfen sie sein. Das könnte Investoren veranlassen, den grünen Architekturdaumen zu trainieren. Auch Paris zeigt sich ehrgeizig und hat sich der Charta „Objectif 100 ha“ verpflichtet: 100 000 Quadratmeter Gebäudegrün!

Viel anregendes Material für Stuttgart. Auch Gehwege können grüner werden, aber nur mit kommunaler Genehmigung. In Stuttgart darf man den Belag nicht antasten, man muss mit Kübeln hantieren und mindestens zwei Meter Gehwegbreite übrig lassen. Frankfurter hingegen, so berichtet die Architekturhistorikerin Strobl, dürften den Gehweg aufbrechen, um die Pflanzen ins Erdreich zu setzen, was die Pflegeleichtigkeit erhöht. Stuttgart muss grüner werden, warum nicht bei den Gehwegen anfangen?

Wo sind die besten Stuttgarter Grünprojekte?

Einfach Grün – Greening the City.
Outdoor-Ausstellung, Stadtpalais – Museum für Stuttgart, Konrad-Adenauer-Straße 2. Bis 12. September im öffentlich zugänglichen Museumsgarten.

Call for Projects
Wo sind die schönsten grünen Dächer, Fassaden, Balkone und Höfe in Stuttgart? Mit dem „Call for Projects“ will die Schau unbekannte Projekte sichtbar machen und so zum Nachahmen anregen. Gelungene Stuttgarter Bewerbungen sind in der Ausstellung bereits zu sehen, ihre Zahl soll sich noch vermehren, am Ende winkt ein Preis: www.einfach-gruen.jetzt.

Festival Die Ausstellung ist Teil des Sommerfestivals „Stuttgart am Meer“. Infos unter www.stadtpalais-stuttgart.de.