Ulrich Mühe war ein erfolgreicher Schauspieler. Seine Söhne sind beide Künstler geworden und arbeiten sich in ihrem spannenden Werk am Übervater ab.
Nussdorf - Vielleicht kennen nicht alle seinen Namen, aber vermutlich gibt es kaum jemanden, der ihn nicht in einem Film gesehen hat. Ulrich Mühe spielte den Stasispitzel in „Das Leben der Anderen“ oder den Gerichtsmediziner in der TV-Serie „Der letzte Zeuge“. Er war einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Man kannte ihn – aber wie gut kannten ihn seine Kinder? Für Konrad Mühe, seinen Sohn aus erster Ehe, bleiben Fragen offen, was für ein Mensch der Vater war, als der 2007 mit nur 54 Jahren starb. Deshalb begann er zu recherchieren und suchte in all den Kino- und Fernsehfilmen nach dem Vater, im „Tatort“, in „Schtonk!“ und „Peer Gynt“. Es müssen sehr viele Stunden gewesen sein, in denen Konrad Mühe das Filmmaterial befragte.
Wie viel Wahrheit steckt in Filmrollen?
Im Kunstwerk in Eberdingen-Nussdorf, dem Museum des Unternehmers Peter Klein, kann man nun den Kurzfilm „Fragen an meinen Vater“ (2011) sehen und werden die collagierten Filmausschnitte plötzlich sehr persönlich. „Ja, ich bin der Vater“, sagt Ulrich Mühe da, aber auch „Ich bin ein Künstler“ oder „Bitte verzeih mir!“ Viele Kinder versuchen das Wesen der Eltern nach deren Tod zu ergründen. Aber es rührt an, wie hier in den zahllosen Filmrollen nach Antworten des abwesenden Vaters gesucht wurde.
Es ist eine besondere Familiengeschichte, die die Brüder Konrad und Andreas Mühe im Kunstwerk erzählen. Beide sind Künstler geworden und kreisen in ihrer gemeinsamen Ausstellung „Vertauschte Köpfe“ um ihre Familie, die eben doch anders als andere ist, auch wenn Andreas Mühe behauptet: „Unter jedem Dach ein Hach“. Tod, Liebe, Leidenschaften würden doch jede Geschichte prägen, „das macht uns alle gleich“.
Der Opa kam aus Kornwestheim
Andreas Mühe ist der ältere der Brüder – und spricht gern für seinen kleinen Bruder mit. Er hat als Zeitungsfotograf begonnen und ist heute ein erfolgreicher Künstler, auch das Frankfurter Städel wird im Februar eine Ausstellung mit seinen Fotoarbeiten eröffnen, die immer wieder um die deutsche Geschichte kreisen. Auch seine eigene Biografie ist von deutsch-deutscher Geschichte geprägt: Der Großvater Oskar Hahn wurde in Kornwestheim geboren. Weil er Landwirt werden wollte, zogen die Eltern mit ihm 1937 in die Uckermark. 1945 wurden sie dort, wo sie ein neues Leben begonnen hatten, von den Russen ermordet.
Schwaben war für die Menschen in der DDR weit weg
Andreas und Konrad Mühe wurden in Karl-Marx-Stadt geboren, wo Ulrich Mühe am Städtischen Theater spielte. „Schwaben ist für die DDR sehr weit weg gewesen“, erzählt Andreas Mühe, „aber wir haben ein bisschen schwäbisches Blut.“ Ein Teil seiner Arbeit besteht darin, die Menschen zu rekonstruieren, die er verloren hat. Ausgehend von alten Fotografien werden die Körper der Personen nachgeformt – und wiederum fotografiert. Auf einem riesigen Tableau kann man so die Großfamilie Mühe kennenlernen, Tanten, Onkels, Cousinen und Cousins, auch die Halbschwester Anna Maria Mühe ist dabei, sie ist heute ebenfalls eine erfolgreiche Schauspielerin. In der Mitte steht lebensecht der Vater Ulrich – für die Betrachter ist nicht zu erkennen, wer bei dieser Familienaufstellung unterm Weihnachtsbaum lebend, wer Puppe ist.
Es ist interessant, wie in den künstlerischen Arbeiten allgemeine und persönliche Themen zusammenfließen. Konrad Mühe hat mit Kieselsteinen die Grundrisse der Wohnungen nachgezeichnet, in der er mit Mutter und Bruder lebte. Andreas hat das „Urhaus“ der Familie Mühe in Grimma bei Leipzig fotografiert, nachdem Einbrecher es verwüsteten. In Nussdorf hängen aber auch Fotos befremdlich wirkender Männerfiguren im luftleeren Raum: Er hat sie nachgebaut nach Fotos von Nazi-Größen, die vor Hitler auf dem Obersalzberg katzbuckelten.
An Helden und Vätern abgearbeitet
So geht es auch um Männerbilder, Heldenfiguren – und „schöne Vaterkomplexe“, wie Andreas Mühe ergänzt. Die gibt es nicht nur in Familien, in denen der Vater im Rampenlicht stand. „Egal, ob der Vater täglich da ist oder nicht, gibt es eine Reibung zwischen Kindern und Vätern“, meint Andreas Mühe, „und zwischen Vater und Sohn ist die größte Reibung.“
Ob es seine Fotoserie von Weihnachtsbäumen ist oder der Kronleuchter, den Konrad Mühe in einer Installation eingesetzt hat – jeder könne in die Arbeiten die eigene Geschichte hineininterpretieren, sind die Brüder überzeugt. Durch die erste gemeinsame Ausstellung sind sie enger zusammengerückt. Als sie in Kornwestheim nach den Spuren des Opas suchten, hätten sie festgestellt, „wir sind uns näher als gedacht.“
Kunterbunte Künstlerfamilie
Brüder
Andreas Mühe wurde 1979, sein Bruder Konrad 1982 geboren. Nicht nur der Vater Ulrich Mühe war im Theater tätig. Ihre Mutter Annegret Hahn hat als Regisseurin und Theaterintendantin gearbeitet. Die Schauspielerin Anna Maria Mühe ist ihre Halbschwester, die Tochter von Ulrich Mühe und seiner zweiten Ehefrau, der Schauspielerin Jenny Gröllmann.
Ausstellung
„Vertauschte Köpfe“ ist bis 1. Mai im Kunstwerk – Sammlung Klein in Eberdingen-Nussdorf zu sehen (Mittwoch bis Freitag und Sonntag 11 bis 17 Uhr).