Der Ausstand der Lokführergewerkschaft GDL beeinträchtigt die deutsche Wirtschaft massiv. Hunderte Güterzüge sorgen für Staus auf der Schiene – darunter leiden manche Branchen ganz besonders.
Stuttgart - Die dritte und bisher längste Streikwelle bei der Deutschen Bahn ist beendet – doch der Chef der Lokführergewerkschaft GDL, Claus Weselsky, sieht keine Basis für neue Tarifverhandlungen. „Nach dem Streik ist vor dem Streik“, betonte er am Montag am Berliner Hauptbahnhof. Er müsse sich nicht einigen auf 3,2 Prozent Lohnerhöhung, „wenn die Bahn uns dauerhaft beschränkt auf Lokführer, Zugbegleiter, Bordgastronomen“.
Offen ist, welche Schäden der Streik im Güterverkehr angerichtet hat. Sichtbar wurde, dass die Rangierbahnhöfe volllaufen: Von 2500 Güterzügen am Sonntag standen mehr als 400 still. Stellenweise entstanden Rückstaus, die zügig aufgelöst werden müssen.
Bis zu 100 Millionen Euro Verlust pro Tag?
Laut einer Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) drohen der Wirtschaft insgesamt Verluste von bis zu 100 Millionen Euro am Tag. Dabei beruft sich das IW auf „Erfahrungswerte“ aus früheren Konflikten. Zudem würden seit dem GDL-Streik 2015 mehr Güter auf der Schiene transportiert. Zugleich sei der Marktanteil der DB Cargo gesunken: 2019 habe er bei rund 44 Prozent gelegen.
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Die 100 Millionen Euro lassen sich aktuell in keiner Weise verifizieren. Während der Bundesverband der Industrie (BDI) noch keine Bilanz für die dritte Streikwelle ziehen will, betont der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA), dass „der volkswirtschaftliche Schaden groß ist, auch wenn er noch gar nicht exakt bezifferbar ist“, wie ein Sprecher sagt. „Die vergangenen Tage haben die Achillesferse des Systems Schiene aufgezeigt. Diese Machtdemonstration einer Kleinstgewerkschaft hat vielen Unternehmen, nicht nur denjenigen, die auf die Bahn angewiesen sind, die Schweißperlen auf die Stirn und die Logistikkosten in die Höhe getrieben.“ Viele seien gezwungen, kurzfristig umzudisponieren und wo immer möglich umzusatteln – meist auf den LKW, wo die Laderaumkapazitäten ohnehin knapp sind. In einigen Fällen, wie etwa bei Chemie-Gefahrguttransporten sei das nicht möglich. „Sie sind am meisten gelackmeiert“, sagt der BGA-Sprecher. Beinahe noch schlimmer sei, dass das Vertrauen in Qualität und Zuverlässigkeit der Schiene leide. „Damit wurde auch der propagierten Verkehrswende ein Bärendienst erwiesen“, rügt der Großhandelsverband.
Chemieindustrie: Streik kommt zur Unzeit
Auch der Verband der Chemischen Industrie (VCI) gibt noch keine genaue Einschätzung zu Streikfolgen ab. Klar ist, dass die Probleme in den Lieferketten verstärkt würden – daher komme der Streik „zur Unzeit“. Ein Fünftel der Chemieunternehmen habe ihre Produktion bereits wegen Engpässen bei Vorprodukten drosseln müssen. Nun verzögere der Ausstand die Auslieferung an die Kunden. 2019 wurden 204 Millionen Tonnen Chemikalien transportiert – zwölf Prozent auf der Schiene. Für einige Chemikalien ist dies Pflicht.
Vom Maschinenbauverband VDMA hieß es einschränkend, dass angesichts der angespannten Lieferketten zunächst schwer festzustellen sei, ob eine bestimmte Lieferung ausbleibt, weil die Teile noch im Hafen feststecken oder weil die Bahn bestreikt wird.
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Hauptsächlich Lokführer an dritter Streikwelle beteiligt
Zurückhaltung
Nach Angaben der Deutschen Bahn haben sich abgesehen von den Lokführern relativ wenige Beschäftigte aus anderen Berufsgruppen an der dritten Streikwelle beteiligt. In den Bereichen Netz, Instandhaltung und Bahnhöfe seien „keine nennenswerten Arbeitsniederlegungen zu verzeichnen“, hieß es
Teilnehmer
Seit dem 1. September um 2 Uhr haben demnach 7461 von rund 19 700 DB-Lokführern die Arbeit niedergelegt. Von den gut 48 000 Mitarbeitern der DB Netz waren seit Streikbeginn insgesamt 62 Stellwerker (Fahrdienstleiter und Weichenwärter) im Ausstand. In der Instandhaltung haben 40 von gut 24 700 Beschäftigten gestreikt. In Personenbahnhöfen befanden sich demnach 22 von rund 7200 Mitarbeitern im Ausstand. (ms)