Karsten Böhm reist seit dreieinhalb Jahren regelmäßig in die Ukraine. Der Freiburger Psychotherapeut bildet dort Ukrainische Kollegen in der Traumatherapie aus.
Karsten Böhm ist Psychotherapeut mit eigener Praxis in Freiburg. Seit Kriegsbeginn am 24. Februar 2022 reist er regelmäßig in die Ukraine. Dort bildet er ukrainische Psychotherapeuten in der EMDR-Traumatherapie aus. Mit unserer Redaktion hat er über seinen Antrieb, seine Arbeit vor Ort und die Erlebnisse mit den Menschen gesprochen.
Herr Böhm, Sie reisen seit dreieinhalb Jahren regelmäßig in die Ukraine. Wie blicken Sie auf die Anfangszeit zurück?
Ich habe am Anfang großspurig gesagt, dass ich bis zum Kriegsende dort hinfahre. Ich dachte zu diesem Zeitpunkt, dass der Krieg nach drei Monaten zu Ende sei. Das ganze Ausmaß war damals für mich nicht absehbar.
Sie fahren aber trotzdem weiterhin in die Ukraine?
Ich denke, dass die Hilfe vor Ort gerade in der Traumatherapie eine wichtige ist. Es gibt zwar auch Onlinekurse oder Kurse in Polen oder Tschechien, aber ich glaube, dass die Arbeit direkt vor Ort eine andere Intensität hat. Der direkte Kontakt zu den Menschen ist sehr hilfreich und auch notwendig.
Sie bilden dort Psychotherapeuten weiter?
Genau. Ich arbeite dort mit fertig ausgebildeten Psychotherapeutinnen und -therapeuten. Diese bekommen einen Aufbaukurs in der Traumatherapie und speziell der EMDR-Methode. In der Ukraine gibt es noch keine Ausbilder oder Trainer in diesem Bereich.
Die Patienten haben die Kontrolle
Was ist die EMDR-Methode?
Das ist eine anerkannte und zugelassene Therapieform in der Psychotherapie zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung oder anderer Traumafolgestörungen. Die Therapeutinnen und Therapeuten bewegen ihre Finger und indizieren damit Augenbewegungen der Patientinnen und Patienten. Diese bilaterale Stimulation, also die Augenbewegungen der Patientinnen und Patienten, ermöglicht dann eine freie Assoziation am traumatischen Erlebnismaterial. Die Patientinnen und Patienten denken an den schlimmsten Teil des Geschehenen und können ihrer Assoziation freien Lauf lassen und so das Erlebte verarbeiten.
Ist diese Therapieform vergleichbar mit Hypnose?
Nein. Sie unterscheidet sich in wesentlichen Teilen. Bei der Hypnose haben die Therapeutinnen und Therapeuten die Kontrolle über inhaltliche Verarbeitungsschritte. Bei der EMDR-Therapie ist das anders. Dort haben die Patientinnen und Patienten die Kontrolle und sind alleine für die Inhalte zuständig. Die Therapeutinnen und Therapeuten bieten hierzu einen geeigneten Rahmen an und begleiten diesen. Aber natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten.
Sprachbarriere ist von Vorteil
Was ist der Vorteil dieser Therapieform?
Zum einen, dass die Kontrolle bei den Patientinnen und Patienten liegt. Ein Trauma bedeutet immer auch einen Kontrollverlust. Deshalb ist das wichtig. Außerdem kommt diese Traumatherapie mit wenig verbaler Kommunikation aus. Das heißt, die Patientinnen und Patienten können darüber reden, müssen es aber nicht. Die Verarbeitung kann somit auch auf körperlicher Ebene stattfinden und muss nicht alles versprachlichen. Deshalb fallen Sprachbarrieren auch nicht so stark ins Gewicht.
Was bedeuten diese Einsätze in der Ukraine für Sie? Wie gehen Sie damit um?
Je länger ich dort arbeite, desto mehr verstehe ich, dass Detailwissen um Traumatisierungen und Verluste auch für die therapeutische Seite belastend sind. Unwissen um Details und grausame Traumainhalte schützen damit auch meine heile Welt ein Stück weit. Auch hier ist die Sprachbarriere ein Vorteil. Um mein Gegenüber zu therapieren, muss ich auch nicht alles wissen. Ich muss vielmehr eine Beziehung, ein Vertrauen zu meinem Gegenüber aufbauen und ich muss in Umrissen verstehen, was derjenige durchgemacht hat.
Ukrainer haben sich im Kriegsverlauf verändert
Helfen Ihnen die Eindrücke, die Sie vor Ort machen, dabei, die Ukrainer besser zu verstehen?
Ja. Die Zeit vor Ort hilft mir, die Bedürfnisse und Belastungen in der Ukraine besser zu verstehen und auch die Veränderungen in der Ukraine im Kriegsverlauf wahrzunehmen. Aber die Menschen, die dort leben, sind einer ganz anderen Gefahr ausgesetzt als ich, wenn ich dort hingehe. Ich würde mir deshalb nie anmaßen, zu sagen, ich verstehe, was sie durchmachen. Ich kann nicht nachvollziehen, wie es ist, einen Sohn zu haben, der an der Front kämpft oder einen Angehörigen im Krieg verloren zu haben. Aber diese Distanz macht auf der anderen Seite auch die Arbeit für mich leichter. Aber ich merke auch, wie sich das Verhalten der Ukrainerinnen und Ukrainer verändert.
Inwiefern?
Es ist interessant zu sehen, wie die Menschen reagieren oder eben nicht mehr reagieren. Viele von ihnen sind müde. Der Krieg gehört mittlerweile zu ihrem Alltag dazu. Es ist in gewisser Weise ein Lebensinstinkt, dass die Ukrainerinnen und Ukrainer versuchen, zu einem Alltag zurückzukehren.
Von israelischen Kollegen gelernt
Was bedeutet das für die Traumabewältigung?
Wenn wir über die Menschen in der Ukraine sprechen, dann reden wir nicht über abgeschlossene Traumata sondern über Traumata, die immer noch weiter gehen. Das macht die Behandlung komplizierter. Da musste ich erst einmal lernen, dass nicht alles, was in Deutschland therapeutisch funktioniert, auch dort angewandt werden kann und dass man die Therapie in gewissen Punkten nicht abschließen kann. Ich habe mit unserem Team daher ein Vorgehen zur Behandlung von fortlaufender Traumatisierung geschrieben: OTT (Ongoing Trauma Therapy). Dabei hat auch der intensive Austausch mit EMDR-Kolleginnen und -Kollegen aus Israel geholfen, die von ihren Erfahrungen in Israel, aber auch ihren Unterstützungen im Palästinensergebiet berichtet haben.
Sie reisen Anfang August wieder in die Ukraine. Wie blicken sie auf die bevorstehende Reise?
Ich glaube immer noch, dass diese Reisen wichtig sind. Der Ausbildungsturnus benötigt zwei Termine im Jahr. Diese will ich auch weiterhin vor Ort wahrnehmen. Es kostet mich viel Kraft und es ist anstrengend, aber ich lerne auch sehr viel dazu. Die Kolleginnen und Kollegen in der Ukraine sind mittlerweile zu Freunden geworden. Wir pflegen einen offenen Austausch und können offen über alles reden. Der schwerste Moment der ganze Reise ist immer das Ausreisen. Da habe ich stets das Gefühl, die Menschen in der Ukraine im Stich zu lassen und mich selbst in Sicherheit zu bringen.
Das ist Karsten Böhm
Werdegang
Karsten Böhm ist Psychologischer Psychotherapeut und arbeitet in eigener Praxis in Freiburg, die einen Schwerpunkt auf Trauma- und Zwangsbehandlungen hat. Er ist erster Vorsitzender von EMDRIA Deutschland e.V. und EMDR-Trainer. Seit 2004 beschäftigt er sich, neben Studien zu Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD), intensiv mit der Psychotherapieforschung von Zwangsstörungen.
EMDR
steht für Eye Movement Desensitization and Reprocessing, was auf Deutsch „Desensibilisierung und Verarbeitung durch Augenbewegung“ bedeutet.