Das Haus von Fenix ist nicht für ein großes Orchester ausgelegt, doch am Ende findet jeder seinen Platz. Foto: Dorn

Schwabo-Mitarbeiterin Fiona Dorn aus Kirnbach ist seit August in Bolivien. Dort arbeitet sie in Cochabamba bei einer Organisation, die Menschen hilft, die in armen Verhältnissen leben. Geholfen wird Kindern zum Beispiel mit einem Orchesterprojekt.

Die „Fundación Estrellas En La Calle“ stellt Kindern in vulnerablen Situationen mit dem Projekt Fenix nicht nur eine Tagesbetreuung zur Verfügung, sondern auch einen geschützten Raum für die freie Persönlichkeitsentfaltung. In diesem Sinne ergänzt das Orchesterprojekt Wayra (deutsch: Wind) seit dem Jahr 2019 die Fundación und bietet den Kindern unter dem Motto „Der Wind, der Leben verändert” die einzigartige Möglichkeit ein Streichinstrument zu erlernen – und das kostenlos.

 

Das sechsköpfige Team von Wayra agiert in zwei Stadtteilen, Pucara und Cerro Verde. Zu letzterem gehört das Fenixprojekt. Von den 50 Kindern des Projekts nehmen 15 die Möglichkeit der Musikstunden wahr – die die Teilnahme ist erst ab zehn Jahren möglich, daher sind es nicht mehr Kinder. Zusätzlich zu den drei regulären Tagen, in denen das Projekt geöffnet ist, kommen sie auch dienstags und samstags morgens zu Fenix, um Violine, Viola oder Cello sowie die nötige Musiktheorie zu lernen. Durch die Musik haben die Kinder und Jugendlichen eine Möglichkeit, sich auszudrücken und mögliche Traumata zu verarbeiten.

Aurelia, 13 Jahre, nimmt schon seit drei Jahren Geigenunterricht und übt jeden Tag. „Durch das Orchester haben sich meine Noten im Musikunterricht verbessert, außerdem inspiriert mich die Musik in meinen Zeichnungen. Dank der Musik habe ich nun den Traum und das Ziel, eines Tages eine große Violinistin zu werden.”

„Fenix“ hat einen Bildungsauftrag

„Fenix“ ist nicht nur eine Tagesbetreuung. Es ist auch ein Ort des Lernens. Die Kinder lernen in diversen Einheiten über ihre Rechte, über Umweltschutz und über Werte, sie erhalten sexuelle Aufklärung sowie Workshops zu mehr Selbstbewusstsein. Den gleichen Bildungsauftrag hat auch Wayra. An manchen Samstagen wird die Orchesterprobe verkürzt und dafür vom Coyera-Team – dem Straßenprojekt der Fundación – ein kurzer Workshop gegeben. So werden nicht nur die Kinder im Projekt, sondern auch die 40 anderen, die nur für die Musikstunden kommen, erreicht.

Zweimal im Jahr vereinen sich die Gruppen aus beiden Stadtteilen in einem großen Konzert. Orchesterleitung Pedro Bustamante stellte ein circa 90-minütiges Programm zusammen, in dem die 56 jungen Musiker ihr Können zum Besten gaben. Ein Quintett der „Pucara-Gruppe“ eröffnete den Abend mit einem Allegro des japanischen Komponisten Suzuki, im Anschluss folgte ein kleines Kammerorchester des Cerro Verde mit dem bekannten Menuett in g-Moll von Johann Sebastian Bach. Zusammen präsentierten die fortgeschritteneren Musiker drei weitere Stücke, brillierten mit schnellen Läufen und zeigten ein professionelles Zusammenspiel mit gutem Gehör.

Josue Urioste, ein Musikstudent der örtlichen Universität, unterstützte dabei am Klavier. Unter dem Dirigat von Raquel Condori kamen alle 20 Musiker aus dem Pucara-Orchester zusammen und zauberten mit dem Kanon Bruder Jakob, im Spanischen La Lechuza, ein wiedererkennendes Lächeln auf die Lippen der Zuhörer. Mit dem Stück Los Primeros Dedos (deutsch: die ersten Finger) konnten auch die Jüngsten am großen Orchester teilnehmen. Danach gab die Gruppe die Bühne frei für die Musizierenden des Cerro Verde.

Mit Beethovens „Ode an die Freude“ hüllten sie das Theater in eine besonders feierliche Atmosphäre. Bei Willy Geislers The Orchestra konnte jedes Register einmal mit der Melodie ins Rampenlicht treten. In der von Bustamante arrangierten Version des berühmten Titanic-Themas übernahmen die Celli die Führung, Raul Encinas, von Fenix, beendete das romantische Stück mit einem wunderschönen Solo, das vom Publikum mit reichlich Applaus belohnt wurde.

Publikum belohnt Solo mit reichlich Applaus

Neben dem feurigen Thema aus dem vierten Satz Dvoráks Neuen Welt Sinfonie und Perfect von Ed Sheeran standen auch bolivianische Klassiker wie Llorando Se Fue der andinen Quechua Band Los Kjarkas sowie ein traditioneller Tinkus-Tanz auf dem Programm.

Zum großen Finale kamen beide Gruppen als ganzes Orchester zusammen und zeigten mit einer Adaption von Beethovens Türkischen Marsch noch einmal ihr Können. Mit dem flotten und rhythmischen Tanz „Saltarin” performten sie einen echten “Rausschmeißer” und ernteten reichlich Applaus. Als Zugabe folgte das sehr gesangliche und gefühlvolle „Colors of the Wind“ aus Disneys Pocahontas, was dem Konzert ein emotionales Ende verlieh. Projektleiter Pedro Bustamante bedankte sich im Anschluss bei den Lehrerinnen der Violin-, Viola- und Celloklassen, in seine Dankesrede schloss er nicht nur die sieben studentischen Aushilfen, sondern auch mich, da ich das Orchester an der Querflöte begleitet hatte, mit ein.

Das Projekt

Das Orchester startete sein Pilotprojekt im Jahr 2019. Nach einer pandemiebedingten Pause konnte es 2021 wieder an Fahrt aufnehmen und bietet seitdem die kostenlose musikalische Ausbildung an. Die finanziellen Mittel stellt die Fundación, sie stammen ausschließlich von ausländischen Geldgebern.