BND-Chef Bruno Kahl. Foto: dpa/Fabian Sommer

Der Präsident des deutschen Auslandsgeheimdienstes, Bruno Kahl, räumt im Bundestag Fehleinschätzungen vor der Rückkehr der Taliban an die Macht ein.

Berlin - Nach der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan befürchtet der Bundesnachrichtendienst (BND), dass der Krisenstaat wieder zum Hort des Terrorismus werden könnte. Der Auslandsgeheimdienst beobachte genau, „was die neuen Machtverhältnisse für den internationalen Terrorismus bedeuten“, sagte BND-Chef Bruno Kahl. Gruppen wie al-Qaida und der IS profitierten von der Lage und „insbesondere vom damit wegfallenden Verfolgungsdruck durch die bisherigen afghanischen und internationalen Sicherheitskräfte“.

 

Besonders die al-Qaida nahe stehende Dschihadistenszene feiere weltweit die Rückkehr der Taliban an die Macht. „Dies könnte Afghanistan perspektivisch auch attraktiv für Dschihad-Freiwillige machen“, warnte Kahl bei einer Anhörung der Präsidenten der Nachrichtendienste des Bundes durch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags. „Daher muss genau beobachtet werden, ob es in Zukunft zu Weiterreisen aus anderen Dschihadgebieten oder sogar zu neuen Ausreisen aus Europa nach Afghanistan kommt.“ Al-Qaida sei weiterhin eng mit den Taliban verbunden und werde sich künftig freier in Afghanistan bewegen können. „Es besteht die Gefahr, dass die Terrororganisation versuchen wird, ihre Präsenz in Afghanistan zu vergrößern und das Land verstärkt als Rückzugs- und Ausbildungsort zu nutzen“, so der Chef des Bundesnachrichtendienstes.

Erstarken von al-Qaida und IS befürchtet

Das Terrornetzwerk Al-Qaida ist verantwortlich für die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Die Attacken lösten den internationalen Militäreinsatz in Afghanistan aus, da die damals erstmals herrschenden Taliban der Gruppe Zuflucht gewährten. In der Bilanz des in diesem Jahr beendeten Einsatzes betonten beteiligte Staaten, dass es gelungen sei, von Afghanistan ausgehende Anschläge zu verhindern. Nach BND-Einschätzung besteht nun aber die Gefahr, dass dort wieder Attentate im Ausland geplant werden.

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Dabei hat der Geheimdienst besonders den mit den Taliban verfeindeten afghanischen IS-Ableger „Islamischer Staat Provinz Khorasan“ (ISPK) im Blick. Die Dschihadistengruppe profitiere von der Freilassung seiner inhaftierten Kämpfer aus dem größten Gefängnis des Landes, sagte Kahl. Nun dürfte die Organisation versuchen, sich durch Anschläge in Afghanistan zu profilieren. „Besonders wachsam müssen wir beobachten, ob der ISPK sich durch Attentate in der Region als globaler dschihadistischer Akteur positioniert und daraus Ambitionen für Anschläge auch in Europa ableitet.“

Kahl: Tempo des Taliban-Vormarsches nicht erwartet

Kahl räumte Versäumnisse bei der Analyse der Lage vor Ort ein. Der BND habe nicht erwartet, „dass die Taliban so schnell ganz Afghanistan einschließlich Kabul unter ihre Kontrolle bringen“. Der Geheimdienst-Chef kündigte an: „Aus diesem Fehler müssen und wollen wir lernen.“ Der Dienst arbeite auf, wie es zu der Fehleinschätzung gekommen sei. Schon jetzt sei klar, dass der BND einen stärkeren Fokus auf die Entwicklung und Prüfung von Hypothesen legen müsse, „um daraus fundierte strategische Analysen zu erstellen“.