Fährt das Regierungspräsidium eine Salamitaktik in Sachen Artenschutz beim Projekt Hermann-Hesse-Bahn (HHB)? Das befürchtet Gemeinderat Simon Klass (BU), weil die höhere Naturschutzbehörde im Regierungspräsidium Karlsruhe (RP) vom Zweckverband HHB weitere populationsstützende Maßnahmen in Sachen Fledermäuse fordert.
In den Bestandstunneln der Strecke haben sich 14 verschiedene Fledermaus-Arten angesiedelt. Die Wiederinbetriebnahme der Bahnstrecke bedeutet einen Eingriff in die Natur – auch in diese Populationen – und muss deshalb vom Zweckverband HHB durch Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen kompensiert werden. Dafür wurde bereits ein Ausweichquartier im Bereich des Tunnels Hirsau gebaut. Weiter soll in beiden Tunneln für die dort lebenden Fledermäuse eine Trennwandkonstruktion gebaut werden, um die Bahnkammer von einer zukünftigen Fledermauskammer räumlich abzutrennen.
Zweckverband steht unter Druck
Das reicht speziell für die Art Braunes Langohr noch nicht aus Sicht des RP. Wegen weiterer Auflagen der höheren Naturschutzbehörde „müssen wir etwas nachhaken und weitere 5,8 Hektar Ihres Gemeindewalds in Beschlag nehmen,“ so der Geschäftsführer des Zweckverbands, Thomas Huck, in der jüngsten Gemeinderatssitzung, „wir bitten Sie um die Flächen, denn sonst bringen wir die Hesse-Bahn nicht zum Laufen. Wenn die Auflagen nicht erfüllt werden, gibt’s keine Planfeststellung, dann können wir nicht bauen und die Bahn fährt nicht“, machte der Geschäftsführer den Druck deutlich, unter dem der Zweckverband steht.
Vertragslaufzeit von 25 Jahren
Um die RP-Auflagen zu erfüllen, sind Huck und Kollegin Susan Knowles, die ebenfalls in der Sitzung anwesend war, derzeit in rund 20 Gemeinden im Landkreis Calw, im Enzkreis und im Kreis Böblingen unterwegs, um Maßnahmen auf etwa 160 Hektar Flächen unter Dach und Fach zu bekommen. In Gechingen sollen im Bereich der Häberle-Planie in Nähe der Waldweide auf etwa 5,8 Hektar 15 bis maximal 20 Habitatbäume je Hektar ausgewiesen und ein Dauerwald mit hohem Altersschnitt entwickelt werden. Das soll helfen, dem Braunen Langohr die Quartierverfügbarkeit wie auch das Nahrungsangebot langfristig zu sichern. Der Zweckverband und die Gemeinde schließen hierzu einen Gestattungsvertrag mit 25 Jahren Laufzeit ab.
Mit Revierleiter Jürgen Martinek und der Abteilungsleiterin Forstbetrieb am Landratsamt, Inge Hormel, ist die Maßnahme abgestimmt, betonte Bürgermeister Jens Häußler. Die Fachleute halten die Fläche für geeignet, auch sei Forstwirtschaft weiter möglich, wenn auch etwas eingeschränkt. Nicht verachten will der Schultes die monetäre Komponente des Vertrags, „mit der normalen Forstwirtschaft könnte man den Betrag aus der Fläche nicht rausholen“. Für die Bereitstellung der Fläche erhält die Gemeinde laut Vertrag eine einmalige Entschädigung von knapp 94 600 Euro und jährlich über 25 Jahre 3524 Euro.
Keine weiteren Ausgleichsmaßnahmen mehr in Gechingen
Nach den Waldrefugien, dem Alt- und Totholzkonzept und der Waldweide „ist das jetzt in den letzten Jahren das vierte Mal, dass wir Flächen stilllegen“, monierte Simon Klass. „Ich befürchte, dass in den nächsten zwei Jahren noch mal was kommt und das RP eine Salamitaktik fährt.“ Der Wald diene nicht nur dem Artenschutz und der Erholung, „wir wollen ihn auch wirtschaftlich nutzen.“ Susan Knowles betonte, dass bezüglich Waldflächen und auch sonst für Gechingen nichts mehr komme, so die Auskunft der Naturschutzbehörde. Über die 25 Jahre findet ein ständiges Monitoring statt, berichtete Huck, „wenn’s funktioniert, brauchen wir danach auch keinen Vertrag mehr“. Die Option einer Verlängerung ist in dem Vertrag enthalten.
Zwei Enthaltungen
Martin Pfuhler (GFW) schloss sich der Sichtweise von Klass an und auch Klaus Böttinger (GFW) findet es für seine Gemeinde relativ viel, was schon an Flächen für Natur- und Artenschutz stillgelegt wurde, mehr sollte es nicht mehr werden. Die Waldweide sei ja auch dem Projekt Hesse-Bahn zugute gekommen, so der Rat.
Wenn das Gebiet nicht ganz von der wirtschaftlichen Nutzung ausgenommen sei, wer das dann mache, die Gemeinde oder der Zweckverband, fragte Böttinger weiter. „Wir haben die Habitatbäume und das, was der Förster drum rum machen muss und kommen auch für die Kosten auf, Sie dürfen die Bäume rausnehmen, die Sie verkaufen wollen“, merkten Huck und Knowles an.
Bei den Enthaltungen von Klass und Böttinger stimmte der Gemeinderat dem Vertragsabschluss zu.