Eine alte Form der Bewirtschaftung soll dafür sorgen, dass sich Fledermäuse im Gechinger Gemeindewald wohl fühlen.
Wieder einmal Fledermäuse, wieder einmal die Hermann-Hesse-Bahn (HHB). Diese beiden Themen haben die Köpfe hinter der HHB in den vergangenen Jahren immer wieder gefordert. Denn damit die Bahn rollen darf, muss für die Fledermäuse einiges getan werden. Und das sind nicht nur Ausweichquartiere bei den Bestandstunneln oder das Zwei-Kammer-System im Tunnel selbst.
Auch in der näheren Umgebung werden Maßnahmen umgesetzt. In Ostelsheim wird ein Teil des Waldes stillgelegt. In Gechingen gibt es einen im Landkreis Calw bisher einmaligen Versuch. Im Masenwald in Richtung Deckenpfronn wird auf 8,4 Hektar eine Waldweide angelegt. Was es damit auf sich hat, erklärte Constanze Heck mit Revierförster Jürgen Martinek bei einem Vor-Ort-Termin. Rund 20 Interessierte kamen. Heck betreut das Projekt beim Landratsamt.
Was ist eine Waldweide?
„Die Waldweide ist eine historisch bedeutsame Waldnutzungsform“, so Heck. Früher hätten die Menschen ihr Vieh oft in den Wald getrieben. Die Tier hätten dort Nahrung gefunden. Das habe zur Folge gehabt, dass der Wald viel lichter als heute gewesen sei. Die Entwicklung habe sich damals so zugespitzt, dass diese Praxis schließlich unter Strafe gestellt wurde – denn der Wald war in Gefahr.
Allerdings, so Heck, habe der hellere Wald auch seine Vorteile gehabt. Denn die Weidetiere hätten durch ihren Verbiss für mehr Licht gesorgt. Dadurch habe es mehr Insekten gegeben. Und die seien auch von den Ausscheidungen der Weidetiere angezogen worden. Diese Insekten wiederum seien das Nahrungsangebot für andere Tiere – so zum Beispiel für Fledermäuse. Hier schließt sich der Kreis.
Denn die sollen durch die Gechinger Waldweide einen geeigneten Lebensraum finden. Die Insekten zögen auch den Specht an, so Martinek. Der bearbeite die Bäume. Und in diesen Spalten und Höhlen lebten die Fledermäuse gerne.
Warum in Gechingen?
„Es ist sinnvoll, eine Waldweide dort zu machen, wo es sie früher schon gab“, erklärte Heck. Das rauszufinden ist gar nicht so einfach, weil diese Nutzung lange verboten war. Gewann-Namen gäben einen Hinweis, so Martinek. Und Heck ergänzte, dass eine Waldweide groß genug sein und von den Baumarten her passen müsse. Vor allem Buchen und Eichen seien geeignet. Der Masenwald sei zudem forstwirtschaftlich nicht der ertragreichste Wald in Gechingen. Der Boden sei trocken. Darum biete sich dieses Gebiet für einen lichteren Wald durch Beweidung an.
Der Gechinger Bürgermeister Jens Häußler sah in dem Projekt ein Wagnis. Allerdings besitze die Gemeinde mehr als 500 Hektar Wald. Da seien knapp neun Hektar nicht viel. „Bei der Waldfläche kann man das machen“, fand Häußler.
Wie wird das Projekt umgesetzt?
Eine erste Maßnahme ist im Masenwald schon zu sehen. Rund um die künftige Waldweide wurde ein kleiner Streifen gerodet. Dort wird ein Zaun gebaut, so Martinek. Dahinter leben dann künftig fünf Rinder und ein paar Ziegen, erklärte Heck. Bei den Rindern eigneten sich robuste Rassen. Denn die Tiere seien ja die ganze Zeit draußen. Gefüttert würden sie nicht, nur mit Wasser versorgt. „Das Tierwohl steht im Vordergrund“, so Heck. Sollte das Nahrungsangebot als nicht reichen, oder sei die Witterung zu extrem, kämen die Tiere natürlich in einen Stall.
Deshalb wolle man auch mit einem örtlichen Landwirt kooperieren, meint sie. Der solle sich um die Tiere kümmern und werde dafür entschädigt. Eine tägliche Kontrolle von Tieren und Weide sei nötig. Denn man müsse das Projekt flexibel steuern können. „Es ist ein kleines Abenteuer“, sagte Martinek. So etwas hätten sie noch nicht gemacht. In Herrenberg gebe es seit fünf Jahren ein ähnlichen Projekt. Das laufe ganz gut.
Aktuell liefen die Verhandlungen mit den Landwirten, erzählte Heck. Ende des Jahres solle die Beweidung starten. Eigentlich, so Martinek, würde man sich etwas mehr Zeit lassen. Denn ein paar Bäume müssten noch weichen. Aber weil die HHB bald fahren solle, muss das Projekt jetzt umgesetzt werden. Die Spaziergänger können also in ein paar Monaten und über die nächsten Jahre sehen, wie sich ihr Wald durch die Beweidung verändert – und ob es dort dadurch wirklich mehr Fledermäuse gibt.