Naturidylle im Murgtal Foto: IMAGO/Peter Schickert/IMAGO/Peter Schickert

Klösterliche Stille, Allrad-Abenteuer oder Bummel durchs Mittelalter? Im bildschönen Schwarzwälder Murgtal gibt es alles und noch mehr.

Von ihrem Ursprung beim Schliffkopf bis zu den Niederungen des Rheintales bei Rastatt hat sich die Murg über Jahrmillionen ihr Bett durch den Schwarzwald gegraben. Wie Perlen an einer Schnur reihen sich Dörfer und Städte entlang des 80 Kilometer langen Flusses. Sie erzählen Geschichte: Hier lebten Bleicher und Gerber, Fischer und Flößer, später kamen Holz- und Papierindustrie dazu.

 

Immer an der Murg lang

Im oberen Teil hüpft die Murg wild und ungezähmt über bemooste Steine und im unteren Teil rauscht sie flott flott entlang befestigter Hochwasserschutzmauern. Zu beiden Seiten säumen bewaldete Hänge, Wiesen und Seitentäler die Murg, im oberen Teil geschmückt von Felsen aus Buntsandstein, im unteren durch Granitblöcke und -abbrüche. Der Murgtäler Freizeitexpress, eine Bahnverbindung von Karlsruhe bis Freudenstadt, fährt durchs Tal, immer an der Murg lang. Mit der Konus-Gästekarte fährt man gratis. www.murgtal.org

Herrliche Ausblicke und tiefe Einblicke im Murgtal Foto: Thorsten Günthert

Über Stock und Stein

Man muss ein Kind oder ein Fan sein, um angesichts der Ausstellung im Unimog-Museum zu Gaggenau leuchtende Augen zu bekommen. Denn was die ausgestellten Fahrzeuge aus einem halben Jahrhundert zu Wagen mit Kultstatus macht, kann man nur erahnen beim Blick auf die landwirtschaftlichen Fahrzeuge, die später im Dienst von Militär, Katastrophenschutz und Rettungswesen standen und Expeditionen in unwegsamen Weltgegenden unterstützten. Wer sich als unbedarfter Besucher jedoch eine Probefahrt im Unimog gönnt, versteht die Begeisterung der Kenner. „Bitte alle anschnallen“, begrüßt Parkourfahrer Lorenz Diercke die Gäste in seinem Unimog. Dann fährt das 10 Tonnen schwere Fahrzeug mit Allradantrieb eine 100-prozentige Steigung (45 Grad) hinauf, die Mitfahrer haben erst Himmel, dann Abgrund vor Augen. Es folgen Treppen, eine bedenkliche Schräglage, Gerumpel über mannsdicke Baumstämme und Bodenwellen. Während Diercke munter erzählt, was sein Schätzchen so alles draufhat, machen die Insassen große Augen. Und schauen die Ausstellung danach voller Respekt noch mal an.

Die Fahrt im Parkour demonstriert die tolle Technik des Unimog Foto: Zweckverband im Tal der Murg

Rösten statt rosten im alten Eisenwerk

Wo einst Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden eine Eisenschmelze bauen ließ, die erst Hämmer, Nägel und Kanonenkugeln und ab 1873 landwirtschaftliche Maschinen, Metallwaren und später Herde, Fahrräder und Badeöfen produzierte, trinkt man heute Kaffee. Und was für einen! In der lange leer stehenden Industriebrache verwirklichte sich Stephan Zink den Traum von einer Kaffeerösterei. Das nötige Kleingeld lieferte die Abfindung eines großen Automobilunternehmens, den passenden Ort fand die Gattin beim Spaziergang durchs alte Gaggenauer Glasviertel. Im Café erinnern neben Ziegelwänden und Holzbalken auch Reste der einst hier ausgestellten Gaggenauer Küchen an die Historie. 2017 startete das Paar mit Café und Rösterei. Letztere rettete den Betrieb über die Coronazeit – „in Homeoffice war guter Kaffee wichtig“, so Zink.

Schlossherr oder Knecht

Lage, Lage, Lage zeichnet das Schloss Eberstein hoch über Gernsbach aus. Hier führt Sternekoch Bernd Werner ein Hotel mit noblem Sternerestaurant, uriger Schlossschänke und aussichtsreicher Platanenterrasse. Wanderer lieben den Ort ebenso wie Hochzeitsgesellschaften – beide sind willkommen.

Bestlage überm Murgtal: Schloss Eberstein Foto: Compusign.de/Joachim Gerstner

Nicht bei „denen da oben“, sondern bei jenen im Tal ist man zu Gast im WaldknechtshofKlosterreichenbach. Wo das Schloss mit Stil und Noblesse punktet, gewinnt der Hof mit Authentizität und Gemütlichkeit.

Wer weder Sterneküche noch Hausmannskost sucht, findet in Gernsbachs ältester Wirtschaft eine interessante Alternative. Im Stern & Hirsch, 1926 fusioniert aus Nachbarn, servieren Silvia und Carlo Cannistraro Klassiker wie Sauerbraten oder Schweinebäckle, Pizza und Pasta und Eigenkreationen wie Spaghetti mit Spargel, Kürbiskernen, Parmesan und Tomate. Badisch-italienisch-lecker.

Stadtspaziergang quer durch 1000 Jahre

Ein Spaziergang durch tausend Jahre dauert bei Regina Meier nur zwei Stunden und die Stadtführerin braucht dazu weder Bücher noch Museen. Gernsbach im Murgtal, ums Jahr 1000 als Marktdorf gegründet, hat Überbleibsel aus allen Epochen. Am Anfang war die Murg, die den Fischern im Salmenviertel den Lachs lieferte und den Gerbern und Bleichern das Wasser fürs Handwerk. Eine großteils erhaltene Stadtmauer markiert die alten Grenzen, ganz oben im Storchenturm finden sich die Reste der Feuerstelle, mit der sich der Türmer einst wärmte beim nächtlichen Wachdienst. Im Katzschen Garten, wo sich früher Frau Kommerzialrätin den Tee servieren ließ, darf heute jeder unterm prächtigen Magnolienbaum rasten und der gluckernden Murg lauschen. Wären da nicht noch die schmalen Gassen mit Fachwerk und Blumen, die stattliche Liebfrauenkirche, die imposante sechsstöckige Zehntscheuer oder das Alte Rathaus – man könnte einfach sitzen bleiben.

Das Alte Rathaus in Gernsbach Foto: imago stock&people/Volker Preußer

Philosophie und Wein

Wenn das Wetter nicht zum Gartenbesuch verführt, die Sinne aber nach Verweilen stehen, dann ist das Alte Rathaus in Gernsbach der richtige Ort. Hier residiert das Weingut Iselin, das schon wegen des historischen Ambientes einen Besuch lohnt. Als Erlebnis für alle Sinne gestaltet sich eine Weinprobe beim Hausherrn. Rainer Iselin empfängt im Gewölbekeller, in dem Kronleuchter, Kuckucksuhren, Gemälde von Miss Marilyn bis Sir Elton, Plüschsofas und Weinflaschen ein spannendes Ensemble bilden. Der unkonventionelle Biowinzer – „auch nach Jahrzehnten hier bin ich noch manchem sehr suspekt“ – ist ein Füllhorn voller Geschichten. Über den Wein und das Leben, die Religion und die Politik, seine eigene Geschichte und die der Menschheit. Geschichte und Geschichten, wie die vom koscheren Wein, als Experiment mit einem Rabbi gestartet, der verschwand, als es um den Absatz des Weines ging. Der Zufall wollte, dass nun der Bundespräsident seine israelischen Gäste mit koscherem Wein aus Gernsbach überrascht. Iselins Experimente und Geschichten gibt es bei der Weinprobe.

Wandern am Wasser

Zentrales Thema im Murgtal ist neben dem Wasser das Wandern. Beides verbinden einige Wanderwege wie der in Klosterreichenbach. Zum Start ein kurzer Blick ins ehemalige Benediktinerkloster, das gar kein Kloster war, sondern „nur“ eine Priorei. Auch die hatte aber alles Nötige, von Kirche nebst Wohn- und Wirtschaftsgebäuden über Arzneikräutergarten und eigene Quelle. Zu dieser Klosterquelle, die ein Kanal mit der Priorei verbindet, führt der Weg vorbei am Freibad durch ein parkartiges Gelände und ins Reichenbachtal, dessen Namensgeber in die Murg fließt.

Das Wasserreich im Reichenbachtal Foto: Baiersbronn Touristik/Max Günter

Entlang des Bächleins gedeihen Brunnenkresse und Mädesüß, Schlangenknöterich und Sumpfdotter. Die Mönche nutzen sie als Vitaminschub nach dem Winter, heute sind sie die Stars der Kräuterwanderungen. Je nach Laune zieht man den kleinen Bogen über Märtesweiher und Simonsquelle oder die große Runde zum Rußenkopf. Danach schmeckt’s im hübschen Café Erle; www.baiersbronn.de