Wie lebten unsere Ururahnen am Bodensee oder an den Hegauvulkanen oder in Oberschwaben? Das kann man nicht nur lesen oder sehen, sondern sogar selbst ausprobieren in authentischen Freilichtmuseen, bei einem Baustellenexperiment und mit einer neuen App.
Staubige Exponate in Glasvitrinen sind von gestern. Am Bodensee heißt Geschichte erleben Hand anlegen im Eiszeit-Kochkurs, auf der mittelalterlichen Klosterbaustelle und in Pfahlbauten aus der Steinzeit. Oder eine Festungsruine virtuell zum Leben erwecken.
15 000 vor Christus: Beim Eiszeit-Koch
„Vorne bei der heutigen Stadt Engen haben die Rentierjäger das Wild ins Tal getrieben, und hier am Petersfels, wo es sich verengt, haben sie es erlegt“, erzählt Rudolf Walter. Lauscht man dem in Fell gewandeten Mann mit der Speerschleuder in der Hand und dem Tierschädel unterm Arm, ersteht die Szenerie der späten Eiszeit wie von selbst. Nur das Geknalle der Neuzeit-Jäger stört das Idyll im Eiszeitpark Engen kurz. Bis in die nahe Wohnhöhle, welche eine Nomadensippe vor etwa 15 000 Jahren zum Überwintern nutzte, dringt der Lärm der Moderne aber nicht vor. Hier im Bauch der Alb hört man nur Wasser tropfen und Insekten summen. Zurück am Licht hat Experimentalarchäologe Rudolf Walter draußen schon alles für ein Eiszeit-Festmal vorbereitet: Im Erdbackofen schmort der in Kräuter gewickelte Pferdebraten zwischen heißen Steinen, verschlossen mit der Grasnabe. Schaschlikspieße mit Beeren, Pilzen und Rentierstückchen garen über dem offenen Feuer in bester Gesellschaft einer Bachforelle am Stock. Und das kühle Quellwasser toppt jeden Sommerdrink. Da könnte man glatt auswandern – in die Eiszeit am Petersfels.
2500 vor Christus: Steinzeit am See
100 ist ein stolzes Alter für ein Museum. Gemessen am Alter seiner Protagonisten ist das Pfahlbaumuseum Unteruhldingen aber ein Jungspund: Die auf Basis von archäologischen Funden rekonstruierten Wohn- und Kulthäuser, Werkstätten und Vorratsspeicher stammen aus den Jahren 4000 bis 850 vor Christi. Auf Pfählen erbaut, scheinen sie über dem Bodensee zu schweben, und auch seine Besucher schweben davon, fort in ferne Zeiten und Welten. Dämmerlicht erfüllt die Hütten aus Holz und Lehm mit ihren tief gezogenen Schilfdächern. Allerlei Hausrat und Werkzeug verraten, wie die Menschen hier in der Steinzeit lebten und arbeiteten.
Mit welch einfachen Mitteln sie überaus scharfe Messer herstellten, führt Matthias Baumhauer vor. Man schlage ein schmales Stück vom Feuerstein ab und befestige es mit einem Kleber aus Birkenteer in einem Holzgriff, der zuvor in geduldiger Handarbeit am Sandstein zurechtgeschliffen und mit einem schnurgetriebenen Steinbohrer ausgehöhlt wurde. Dass man das alles so genau weiß, verdankt das Freilichtmuseum seinen besonderen Fundstellen. Konserviert im kühlen Wasser des Bodensees überdauerten ganze Dörfer, Einbäume, Schmuck und sogar Brot unter Sauerstoffabschluss Jahrtausende. „Deshalb graben Unterwasserarchäologen wenig aus, sondern vermessen und fotografieren ihre Funde nur“, sagt Baumhauer. Wie sie das tun, zeigt ein virtueller Tauchgang im Archaeorama – zum Davonschweben.
900 vor Christus: Auf der Mittelalter-Baustelle
Den zehnten Geburtstag feiert dieses Jahr der Campus Galli bei Meßkirch, Freilichtmuseum und Baustelle zugleich. Sein Ziel, mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts eine Klosterstadt zu errichten, liegt aber noch in ferner Zukunft. Im Campus freilich ist Zeit relativ angesichts der fast biblischen Aufgabe, die sich ein Häuflein Enthusiasten gestellt hat. Finanziert aus Eintrittsgeldern, Spenden und Projektfördermitteln werkeln hier 50 fest angestellte Mitarbeiter, die Hälfte davon Handwerker, der Rest Verwaltung und Service. Unterstützt werden sie von Freiwilligen, die wochenweise ihren Job als Kaufmann oder IT-Expertin gegen den eines mittelalterlichen Schreiners oder Bildhauers tauschen und mit einfachen Stein- und Metallwerkzeugen geduldig schnitzen, meißeln und mauern, flechten oder feuern wie ihre Urururahnen. Der Plan, nach dem die 53 Gebäude des Klosters samt Schule, Krankenhaus, Stall, Scheune und Mühle gebaut werden sollen, schlummerte auf Schafspergament 1200 Jahre versteckt in der Klosterbibliothek von Sankt Gallen. Wer kommt, darf zuschauen, fragen und ausprobieren und sich dazu am Marktplatz mit Met oder Honigkuchen stärken.
16. bis 19. Jahrhundert nach Christus: Ruine reloaded
Jeder, der schon einmal über die A 81 Richtung Bodensee oder Alpen gefahren ist, kennt sie. Die Ruine Hohentwiel thront unübersehbar auf dem gleichnamigen Hegau-Vulkan bei Singen und schaut gleichmütig herab auf die mal mehr, mal weniger langen Blechschlangen. Doch wer war schon mal oben? Wer weiß, dass in dieser Festung, die zu den größten Deutschlands zählt und bis auf das 10. Jahrhundert zurückgeht, einst die Herzöge von Schwaben herrschten? Dass erst Napoleons Truppen die württembergische Landesfestung im 19. Jahrhundert eroberten und zerstörten? Das alles sieht und lernt, wer den steinigen, steilen Weg in Angriff nimmt und hinauf schnauft bis zu den stattlichen Resten der alten Gemäuer. Atemberaubend ist nicht nur der Aufstieg, sondern auch der Ausblick. Und zumindest interessant ist die neue App „Monumente 3D“ der Staatlichen Schlösser und Gärten, mit der man das Original der Festung virtuell auferstehen lassen kann. Auf Handy oder Tablet erscheinen Mühlen, Weinkeller, Wachstube und Schloss – wenn denn gerade kein Baum den Empfang stört oder sich wieder eine Seite aufgehängt hat. „Noch mal laden“, empfiehlt Frithjof Schwarz, Projektleiter für die virtuelle Rekonstruktion der Monumente, und macht sich eine Notiz. Ruine reloaded – gut Ding will Weile haben.
Info
In Engen und Singen hält direkt der Zug, Meßkirch erreicht man mit Zug und Bus via Sigmaringen, nach Unteruhldingen fährt der Zug bis Friedrichshafen, weiter geht es mit dem Bus, www.bahn.de.
Mit Blick auf Schloss und Donau: Karlshotel in Sigmaringen DZ/F ab 123 Euro, www.karlshotel.de.Zentral in Konstanz: Graf Zeppelin, DZ/F ab 88 Euro, www.hotel-graf-zeppelin.de.Im ehemaligen Dominikanerkloster in Konstanz: Steigenberger Inselhotel, DZ/F ab 176 Euro, www.steigenberger.com.Aussichtsreich hoch über Singen: das Hotel Hohentwiel, DZ/F ab 100 Euro, www.hotel-hohentwiel.com.
Eiszeitpark Engen: Eiszeitkochkurs, Höhlenführungen über die Stadt Engen, www.engen.de. Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, www.pfahlbauten.de. Campus Galli Meßkirch, www.campus-galli.de.Festungsruine Hohentwiel, www.festungsruine-hohentwiel.de
Region westlicher Bodensee, www.bodenseewest.eu.Tourismus Baden-Württemberg, www.tourismus-bw.de.