Die anpassungsfähigen Tiere breiten sich im Kreis immer weiter aus und sind bereits bis in die Hochlagen vorgedrungen. Sichtungen in der Region machen nun deutlich: Die Bevölkerung muss sich gegen den Eindringling wappnen.
„Ja, wir haben tatsächlich Waschbären hier in Gutach, und zwar auf beiden Talseiten“, bestätigt die Stellvertretende Kreisjägermeisterin Corinna Köninger auf Nachfrage unserer Redaktion. „Die beobachteten Tiere haben auch nichts miteinander zu tun, man kann deshalb bereits von einer Population sprechen“, so Köninger. Maximilian Lang, Wildtierbeauftragter des Ortenaukreises, bestätigt im Großen und Ganzen die Beobachtungen Köningers.
Im ganzen Ortenaukreis gebe es in der Fläche zumindest einzelne Waschbären. Bis in die Hochlagen der Hornisgrinde seien die Tiere gesichtet worden. Vor allem Wildkameras zeigen laut Lang immer häufiger Bilder der etwa katzengroßen Tiere. Hauptsächlich seien das aber bislang Einzeltiere gewesen – Familien mit Jungieren seien dagegen bisher kaum gesehen worden. Köninger zeigt sich im Gespräch sehr besorgt.
Warum aber ist eine Ausbreitung der niedlichen Tiere so gefährlich? Köninger erklärt: „Zuerst einmal ist er eine unglaubliche Krankheitsschleuder.“ Ähnlich wie der Fuchs sei der Waschbär oftmals von Würmern befallen, die auch für den Menschen sehr gefährlich werden können. Ebenfalls sehr häufig sind Viruserkrankungen wie Staupe oder Tollwut. Vor allem aber sind die hiesigen Ökosysteme nicht auf den Waschbären vorbereitet. Deswegen wird der Waschbär von der EU mittlerweile als invasive Art gelistet: „Feinde haben sie eher keine“, weiß Köninger.
Gefährlich werde der Waschbär vor allem für heimische, insbesondere bedrohte Arten. „Der Waschbär holt sich alles, was er in die Pfoten bekommen kann“, sagt der Wildtierbeauftragte Lang. Generell fühle sich der Waschbär überall wohl, aber er habe schon bevorzugte Lebensräume, so der Wildexperte.
Umwelt ist nicht auf den Waschbären vorbereitet
Das Tier orientiere sich zum Beispiel vorzugsweise entlang von Gewässern. Weil die dortigen Schutzgebiete oft eine Konzentration von ansonsten kaum anzutreffenden Lebewesen wie beispielsweise der Rohrdommel aufweisen, sei eine Ausbreitung eines Eindringlings dort besonders gravierend. Für bodenbrütende Vögel gebe es kaum eine Möglichkeit, sich den Klauen des Kleinbärs zu erwehren.
Anders als in großflächigen Naturgebieten gebe es bei uns für solche Tiere kaum Ausweichmöglichkeiten. „Für viele Tiere sind das in unseren Kulturlandschaften sowieso schon die letzten Rückzugsorte. Dann kommt noch eine invasive Art wie der Waschbär on top und dann war’s das für die eine ganze Tierart.“ Auch für Frösche, Kröten und Salamander stellt der Waschbär eine akute Gefahr dar. Im Schwarzwald muss sich künftig vor allem das Auerhuhn vor dem Eindringling in Acht nehmen.
Der Waschbar ist aber nicht nur in der Natur präsent. Gerade in besiedelten Gebieten findet er eine Vielzahl an Plätzen zum Verstecken, große Scheu vor Menschen zeige er sowieso nicht, berichtet Lang.
Vor kurzem habe er ein Foto von einem Waschbär in Zell am Harmersbach zu Gesicht bekommen: Das Tier tat sich am Futternapf eines Hundes gütlich. „Die Tiere dringen auch in die Häuser ein, gehen auf die Dachböden oder in Scheunen.“
Die Verstecke, die Waschbären in menschlichen Behausungen vorfinden, eignen sich ideal, um Jungtiere aufzuziehen und den Winter zu überstehen. Dabei richtet der Waschbär allerdings mitunter große Schäden an. In manchen deutschen Städten lässt sich das sehr gut beobachten: Kassel gilt als „Waschbärenhauptstadt Europas“. Dort seien längst über 100 Tiere pro Hektar ansässig, berichtet Lang.
Selbst Fallen helfen gegen den Kleinbären nicht wirklich
Im Moment hat der Waschbär Schonzeit. Die endet in Baden-Württemberg laut Wildtierportal am 1. Juli. Danach können die Jäger dem Eindringling mit Fallen zu Leibe rücken. Weil die Tiere intelligent sind, gestaltet sich das aber schwierig. „Bisher ist uns noch kein Tier in die Falle gegangen“, muss Köninger zugeben.
Lang rechnet damit, dass sich der Waschbär mittelfristig fest im ganzen Kinzigtal etabliert: „In fünf bis zehn Jahren werden wir eine sehr große Population in der Region haben.“ Mit den erlaubten jagdlichen Mitteln könne kaum eine nachhaltige Bestandsreduzierung erreicht werden. Auch mit dem Aufstellen von Lebendfallen werde die Ausbreitung allerhöchstens etwas verzögert. „Wir müssen uns an den Waschbären in unseren Breitengraden gewöhnen“, meint der Wildtierbeauftragte.
Invasive Arten
Tiere gelten laut dem deutschen Tierschutzbund dann als invasive Arten, wenn sie sich in einem neuen Umfeld ausbreiten und sich das wiederum auf heimische Arten auswirkt – zum Beispiel, indem sie um Nahrung und Lebensräume konkurrieren. Somit wird ihnen nachgesagt, die heimischen Ökosysteme zu gefährden. Immerhin: Bei uns in Deutschland ist bislang keine gebietsfremde Art bekannt, die wirklich zum Aussterben oder zur drastischen Reduzierung einer einheimischen Art geführt hätte, wie die Umweltschutzorganisation WWF mitteilt.