Die Metall- und Elektroindustrie wird bei den Vergütungen für Auszubildende abgehängt. Das Handwerk setzt darauf, dass das Geld nicht ausschlaggebend für die jungen Menschen auf Lehrstellensuche ist.
Auch wenn das neue Ausbildungsjahr begonnen hat, ist das Ringen um den Nachwuchs noch in vollem Gange. So geht etwa die Handwerkskammer der Region davon aus, dass jeder vierte Ausbildungsplatz unbesetzt bleibt – insbesondere in den Baugewerken. Daher werden auch jetzt noch große Anstrengungen unternommen, um die Bilanz aufzuhübschen. Intensiv wird um Spätentschlossene geworben.
Der Maschinenbauverband VDMA gibt an, dass nur etwa die Hälfte der Unternehmen alle Ausbildungsplätze besetzen konnten. Insgesamt blieben schon 2023 laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 35 Prozent aller Plätze offen – so viele wie nie. 2024 dürften es noch mehr werden, was den Fachkräftemangel nährt.
Der Öffentliche Dienst legt spürbar zu
Dabei lässt sich mit einer Ausbildung mitunter mehr Geld verdienen als es die jungen Menschen denken, weil sie veraltete Klischees im Kopf haben. Das WSI-Tarifarchiv der Hans-Böckler-Stiftung hat 20 Tarifbranchen untersucht und bemerkenswerte Verschiebungen bei den Vergütungen festgestellt. So stehen nun im ersten Ausbildungsjahr die Pflegekräfte mit 1341 Euro an der Spitze, die unter Tarifverträge des Öffentlichen Dienstes fallen und dort gesonderte berufsspezifische Regelungen haben. In den weiteren Jahren ergeben sich in der Rangliste noch leichte Verschiebungen – generell ist die Bandbreite aber enorm.
Metall- und Elektroindustrie nicht Top
Der Öffentliche Dienst oder auch das private Bankgewerbe haben in der jüngeren Vergangenheit einiges draufgelegt, um im Wettbewerb um die künftigen Fachkräfte zu bestehen. Ins Hintertreffen geraten ist ausgerechnet die Metall- und Elektroindustrie. In vielen Handwerksbranchen hätten die Arbeitgeber mit der IG Metall bereits deutliche Erhöhungen der Ausbildungsvergütungen ausgehandelt, um attraktiver zu werden, stellt die Gewerkschaft fest. Auch in anderen Tarifbranchen seien die Vergütungen zuletzt überdurchschnittlich gestiegen – nicht jedoch in der Metall- und Elektroindustrie.
Wer diese Leitindustrie auch bei den Entgelten in der Spitzengruppe wähnte, liegt falsch. Tatsächlich sind Metall und Elektro nach der WSI-Rangliste nur noch im Mittelfeld angesiedelt. Daher fordert die IG Metall in der jüngst gestarteten Tarifrunde ein Plus von 170 Euro im Monat für die Azubis, um den Stellenwert der Berufe wieder zu heben. Weil auch sie Handlungsbedarf sehen, haben die Metallarbeitgeber nach Informationen unserer Zeitung an der Stelle schon ein Entgegenkommen signalisiert.
Darauf, dass es den jungen Menschen nicht nur ums Geld geht, setzt man im Handwerk: Er erlebe die Bewerber nicht so, dass die Vergütungen ausschlaggebend seien, sagt Dirk Voß, Chef einer Stuttgarter Bäckerei und Konditorei mit 60 Mitarbeitern. Die jungen Leute wollten vor allem wertgeschätzt werden, ergänzt seine Frau Iris.
Auch Peter Friedrich, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, sieht im Geld nicht das zentrale Argument für die Bewerber. Was er allerdings häufiger aus den Betrieben hört, ist die Klage über letztlich doch scheiternde Vertragsabschlüsse, weil die Betroffenen mit ihrer Vergütung die hohen Lebenshaltungskosten in der Region Stuttgart nicht tragen können. Und nach der Ausbildung kämen dann tatsächlich die Industrieunternehmen, um mit lukrativeren Einkommensbedingungen die frisch ausgebildeten Kräfte abzuwerben.
Niedriges Niveau im Friseurhandwerk
Das Bäckerhandwerk zahlt derzeit bundesweit im ersten Ausbildungsjahr 860 Euro, im zweiten 945 Euro und im dritten 1085 Euro. Von Januar an gibt es 930 bis 1155 Euro.
Im Elektrohandwerk Baden-Württemberg reicht die Spanne von 1050 bis 1300 Euro im ersten bis vierten Ausbildungsjahr – im Karosserie- und Fahrzeugbauerhandwerk von 1019 bis 1319 Euro. Angehende Fleischer im Land kommen in drei Jahren auf 920 bis 1225 Euro. Traditionell niedrig werden die Azubis im Friseurhandwerk bezahlt, wo sich die Vergütungen seit dem 1. September auf 680 bis 850 Euro belaufen. Gerade dort ist die Zahl der Ausbildungsverträge nach einem Zwischenhoch wieder geschrumpft.