Die Azubis Yvonne Bauer (links oben) und Daniel Schacht leiten Kinder an Foto: Ines Rudel

Immer mehr Branchen tun sich schwer, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen. Sie müssen besonders kämpfen, um gute Leute zu bekommen. Das gilt ganz besonders für das Gastgewerbe, das einen enormen Bedarf hat, gute Zukunftschancen – und einen bescheidenen Ruf.

Stuttgart - Jede vierte Firma in der Region kann laut einer Studie der Industrie- und Handelskammer (IHK) nicht alle Ausbildungsplätze besetzen. Einige Branchen müssen besonders kämpfen.

Im Hotel-Restaurant Lamm hat sich eine bunte Truppe versammelt. 14 Kinder schlüpfen in weiße Kittel und decken einen Tisch ein. In dem Betrieb in Ostfildern-Scharnhausen ist der Kinderkochclub am Werk. Die drei Auszubildenden Franziska Breining, Yvonne Bauer und Daniel Schacht mischen kräftig mit.

Daneben steht die Chefin und lächelt. Ihre Azubis machen Heike Gehrung-Kauderer viel Freude. Zumal die angehende Hotelfachfrau mit Zusatzqualifikation Breining schwärmt: „Der Beruf ist sehr interessant. Man sieht immer neue Leute. Und man kann später auch im Ausland arbeiten.“ Die Abiturientin ist mit ihrer Berufswahl zufrieden.

Doch von ihrer Sorte dürften es mehr sein. „Wir haben derzeit neun Auszubildende. Einige werden jetzt fertig. Von den vier offenen Stellen sind erst zwei besetzt“, sagt Heike Gehrung-Kauderer. Bewerbungen gebe es zwar, aber viele seien halbherzig. Dabei schaue man sich jeden an, egal woher er komme oder welche Schulbildung er habe. Einmal, erinnert sich die Chefin, habe ein junger Mann gesagt, die Gastronomie sei seit 17 Jahren sein Wunschberuf. Damals war er 17. Das jedoch ist die Ausnahme.

Das Gastgewerbe gehört zu den Branchen, die sich besonders schwer tun mit dem Nachwuchs. Gleich drei Ausbildungsberufe aus diesem Bereich finden sich unter den zehn mit den meisten offenen Lehrstellen in der Region. Doch auch Einzelhandelskaufleute, Fachinformatiker oder Bankkaufleute gehören dazu. „Banken und Versicherungen haben Personal abgebaut und leiden jetzt unter einem gewissen Imageverlust“, sagt IHK-Sprecherin Anke Seifert. Auch Leute für die Bürokommunikation würden branchenübergreifend gesucht. „Die vielen jungen Leute, die studieren gehen, fehlen einfach“, weiß Seifert.

Auch dem Gastgewerbe. Im Jahr 2007 hat die Branche in Baden-Württemberg noch 10 200 Auszubildende gezählt. Inzwischen sind es gut 6800. Daniel Ohl vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband weiß, warum das so ist: „Wir hatten hohe Zuwächse, als andere Branchen sich mit der Ausbildung zurückgehalten haben.“ Damals hätten auch viele Jugendliche eine Lehre angefangen, die das Gastgewerbe nicht unbedingt als ersten Wunschberuf gesehen hätten.

Inzwischen hat sich dieses Phänomen verflüchtigt. „Wenn Jugendliche heute einen guten Schulabschluss haben, können sie sich die Lehrstelle aussuchen“, sagt Ohl. Die Konkurrenz ist groß – und manche Berufe weisen keine Arbeitszeiten am Abend und am Wochenende auf. Besonders in kleinen Betrieben, die den Großteil der Branche ausmachen, muss man als Azubi flexibel sein. „Das kann auf Jugendliche abschreckend wirken und ist auch nicht zu ändern“, sagt Ohl. Das werde derzeit durch die Vorteile – sichere Arbeitsplätze oder eine anständige Vergütung – nicht wettgemacht. Deshalb setze man auf Qualität in der Ausbildung.

Wo es ohnehin schwierig ist, verstärken sich auch manche generellen Probleme. Zum Beispiel das Gefälle zwischen Stadt und ländlichen Regionen. „Betriebe auf dem Land tun sich generell schwerer, Mitarbeiter zu finden, das gilt auch für Azubis“, weiß Ohl. Und erzählt eine kleine Geschichte. Die vom Gastronom, der deshalb keine Lehrlinge bekommt, weil es in seinem Ort keine schnelle Internetverbindung gibt.

Unter dem Hang zur Technik leidet so manches andere. „Wir machen mit unseren Azubis erst einmal einen Knigge-Kurs“, sagt Heike Gehrung-Kauderer in Scharnhausen. Gemeinsames Essen und Trinken finde heute in vielen Familien nicht mehr statt. Ein Drittel der Kinder und Jugendlichen, die sie kennenlerne, seien nicht mehr in der Lage, mit Messer und Gabel zu essen. „Die Jugendlichen sind heute nicht schlechter als früher, sondern anders“, sagt sie.

Das Lamm tut einiges, um Auszubildende zu gewinnen. Vertreter des Betriebes gehen direkt in die Schulen, eine der Auszubildenden als Ausbildungsbotschafterin der IHK. Darüber hinaus gibt es zahlreiche Kooperationen, etwa mit dem Landkreis. Der Betrieb wirbt für die Chancen, die die Branche bietet. Die Basis der Ausbildung sei so breit, dass es danach ungezählte Möglichkeiten gebe, sagt Heike Gehrung-Kauderer: „Selbst Ärzte inserieren inzwischen in unseren Fachmagazinen, weil unsere Leute für die Arbeit am Empfang und im Umgang mit Menschen so gut geschult sind.“

Der Kinderkochclub ist mittlerweile in die Küche umgezogen und versucht sich am Kartoffelgratin. Azubi Daniel Schacht leitet die bunte Truppe fachgerecht an. Vielleicht tritt ja eines der Kinder in seine Fußstapfen. Ein Teilnehmer eines früheren Kurses ist inzwischen ebenfalls Azubi im Lamm. Ein Wunschberuf. Nach solchen Beispielen sehnt sich die ganze Branche.

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