Geflüchtete fühlen sich immer weniger willkommen. Sie geben der politischen Entwicklung die Schuld daran. Ein Beispiel für gelungene Integration sind Socrates Mustafa und die Familie von Alaeddin Fanari und seiner Frau Mais Nashed.
In dem Begegnungscafé „AnsprechBaar“ im Mehrgenerationenhaus in Donaueschingen herrscht an diesem Tag Hochbetrieb: Geflüchtete und Bürger treffen sich hier, reden, tauschen sich aus, trinken gemeinsam Kaffee oder Tee. Auch Socrates Mustafa aus Syrien, der seit Jahren als ehrenamtlicher Helfer beim Arbeitskreis Asyl seinen Landsleuten und anderen Geflüchteten mit Rat und Tat zur Seite steht, ist hier – gemeinsam mit Alaeddin Fanari, dessen Frau Mais Nashed und den zwei gemeinsamen Kindern, dem 15-jährigen Karam und der elfjährigen Sham. Sie treibt aber eine Sorge um.
Aus dem zerbombten Aleppo geflohen
Vor zehn Jahren ist Alaeddin Fanari in Deutschland angekommen. Über die Balkanroute floh er Ende 2014 vom zerbombten Aleppo nach Deutschland. Zuerst war er in Karlsruhe in einer Flüchtlingseinrichtung, bevor er 2015 nach Donaueschingen kam und ein Jahr später seine Familie nachholte. „Das war ein Schritt ins Ungewisse, ein Neuanfang. Uns war es wichtig, dass unsere Kinder eine Zukunft haben – die hätten sie in Syrien nicht gehabt“, sagt Mais Nashed.
Den Bruder im Krieg verloren
Der 29-jährige Socrates Mustafa ist aus den gleichen Gründen aus Damaskus geflohen. „Ich war damals 17 Jahre alt, und wenn ich geblieben wäre, hätte ich in den Militärdienst und in den Krieg müssen“, sagt er. Sein älterer Bruder ist im Krieg gestorben. In Deutschland hat Mustafa den Haupt- und Realschulabschluss gemacht, dann die Wirtschafts-Berufsfachschule besucht und eine Ausbildung zum Informatikkaufmann abgeschlossen. Heute arbeitet er als Informatiker bei dem IT-Dienstleister Interflex und spricht akzentfreies Deutsch.
„Keine Sozialleistungen in Anspruch genommen“
Ein paar Monate nach seiner Ankunft in Donaueschingen hatte auch Alaeddin Fanari, studierter Elektroingenieur, einen Arbeitsvertrag in der Tasche und arbeitet seit nunmehr zehn Jahren beim Maschinenbauhersteller AP&S in Donaueschingen. „Ich lag Deutschland nicht auf der Tasche, habe keine Sozialleistungen in Anspruch genommen“, sagt er stolz. Auch die studierte Informatikerin Mais Nashed hat nur wenige Wochen nach ihrem Ankommen eine Anstellung als Informatikerin gefunden. Heute arbeitet sie als pädagogische Assistentin in der Erich-Kästner-Schule und bringt Kindern den Umgang mit technischen Geräten bei. Die Kinder Karam und Sham gehen auf das Fürstenberg-Gymnasium. Für beide ist Deutsch die Muttersprache.
Schnell Kontakt zu Deutschen geknüpft
Doch auch die Eltern haben fleißig Deutsch gelernt. Und was eine große Rolle spielt: „Vom ersten Tag an haben wir Kontakte zu Deutschen geknüpft“, so Fanari. Zum Beispiel zu Edith Lienhard, die sich seit 2014 ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe beim Arbeitskreis Asyl engagiert. „Ich weiß noch genau, als Du damals das erste Mal hier in der AnsprechBaar warst“, sagt sie zu Fanari. Gemeinsam habe man Spiele gespielt, Ausflüge unternommen, einander kennengelernt, und als die Verständigung besser klappte und Alaeddins und Mais’ Deutschkenntnisse immer besser wurden, „hat man sich auch gegenseitig dumme Fragen gestellt, um die Kultur des anderen zu verstehen“, erinnert sich Lienhard lachend.
Mustafa über Fanari: „Alle wollten so sein wie Du“
So kam auch Socrates Mustafa, der ungefähr zur gleichen Zeit wie Alaeddin Fanari in Donaueschingen ankam, in Kontakt mit Lienhard und anderen Bürgern, die sich in der Flüchtlingshilfe engagierten. „Du warst unser großes Vorbild im Flüchtlingsheim, alle wollten so sein wie Du“, sagt Mustafa zu Fanari und an die Familie gerichtet: „Ihr habt gezeigt, wie das Ankommen in Deutschland gelingt.“ Die Familie hat mittlerweile den über zweijährigen Einbürgerungsprozess hinter sich, alle vier haben deutsche Pässe. „Wir sind Deutsche, Donaueschingen ist unsere Heimat. Wir haben hart dafür gearbeitet und uns angestrengt, um uns hier ein Leben aufzubauen“, sagt Fanari.
Papiere liegen seit zwei Jahren beim Amt
Socrates Mustafa steckt derweil noch mitten im Einbürgerungsprozess. Seit zwei Jahren sind seine Papiere beim Amt und wandern von Schreibtisch zu Schreibtisch. „Ich hoffe, dass ich auch bald den deutschen Pass habe“, sagt er. Sie alle sind sich sicher: Wenn sie nicht nach Donaueschingen gekommen wären, wäre ihr Leben wohl anders – und schlechter – verlaufen. „Wir sind so dankbar dafür, was Deutschland uns alles gegeben hat: Sicherheit, Frieden, Freiheit, eine Zukunft für uns und unsere Kinder. Wir arbeiten, bezahlen unsere Steuern, sind hier Zuhause“, sagt Mais Nashed.
Die Situation ist anstrengend für die Familie
Doch zunehmend bekommt die Familie das Gefühl, hier nicht mehr willkommen zu sein. „Der Rechtsruck macht uns Angst. Wir fühlen uns nicht mehr so wohl hier, von der einstigen Willkommenskultur ist nicht mehr viel übrig. Dass manche Politiker ihr Wahlprogramm auf unserem Rücken austragen und immer nur auf die schlechten Integrationsbeispiele zeigen, feuert doch nur den Hass an. Was bringt das?“, fragt sich Fanari. „Momentan leben wir nur, um jeden Tag zu beweisen: Wir sind ganz normale Menschen“, sagt Nashed. Das sei anstrengend – und bringt die Familie zum Nachdenken. Auch eine Rückkehr nach Syrien schließen die Eltern nicht mehr ganz aus – auch wenn das für Sohn Karam nicht infrage kommt. Er und seine Schwester Sham haben wenige Erinnerungen an Syrien. Für sie ist Deutschland das einzige Zuhause, das sie kennen. Karam denkt darüber nach, später Medizin zu studieren: „Hier sind meine Freunde, hier gehe ich zur Schule, hier möchte ich studieren und später arbeiten.“
„Dass Syrien nun befreit ist, freut uns natürlich. Aber dass manche Parteien einen Tag nach dem Sturz Assads fordern, dass die Syrer wieder gehen sollen, ist eine Unverschämtheit“, so Fanari. Und dass manche Politiker sogar mit dem Gedanken spielen, dass Eingebürgerten unter Umständen der Pass entzogen werden soll, macht ihn fassungslos. „Wir sind hier doch in einer Demokratie, man sollte hier doch keinen Unterschied machen zwischen Eingebürgerten und ‚normalen’ Deutschen, damit ist klar eine rote Linie überschritten – und wo würde das denn enden?“
Die Lage in Syrien
Ende des Regimes
2024 kollabierte die Syrische Arabische Republik unter Staatspräsident Baschar al-Assad im Zuge von Offensiven der syrischen Opposition im Rahmen des syrischen Bürgerkriegs, der 2011 begonnen hatte. Der Fall von Damaskus markierte das Ende des Regimes der Familie Assad, die Syrien seit 1971 als totalitäre Diktatur regiert hatte. Rund 12 Millionen Syrer sind geflüchtet. Ende 2023 lebten gemäß dem Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung rund 972 000 Syrerinnen und Syrer in Deutschland.