Sie ist Musikerin und Produzentin, er ein versierter Tontechniker: Zusammen haben sich Ema Jolly und Peter Ettwein mit ihrem Label im Rottweiler Neckartal eingerichtet. Bei der Berlinale feierte nun ein Film Premiere, in dem ihre Musik verwendet wurde.
Ema Jolly und Peter Ettwein kommen gerade von den 74. Internationalen Filmfestspielen, als wir sie im Neckartal treffen. Hier, in der Nummer 95, haben sie sich vor knapp zwei Jahren einen Traum erfüllt und ein Studio für ihr Label Emika Records eingerichtet.
In Berlin verliebt
Ettwein stammt aus Dietingen, Jolly aus England. Nach seinem Abitur ließ sich der heute 35-Jährige in Baden-Baden zum Tontechniker ausbilden und zog schließlich nach Berlin, um dort freischaffend zu arbeiten.
Dort begegnete er 2014 Ema Jolly (Künstlername Emika), die einen Tontechniker suchte. Gemeinsam tourten sie durch Mexiko, Russland und Europa und wurden zudem ein Paar.
Jolly hatte schon immer ein Faible für Musik. Als Kind hörte sie David Bowies „China Girl“ und war fasziniert vom besonderen Klang. Dem wollte sie unbedingt auf den Grund gehen. Ihr wurde klar, dass sie selbst Musik produzieren will. „Ich wollte, dass mein Tonstudio wie viele Instrumente ist, so dass ich alles selbst machen kann“, erklärt sie.
In Bristol studierte sie Creative Music Technology und war mit Mitgliedern der Bands „Portishead“ und „Massive Attack“ auf Du und Du. Danach zog sie nach Berlin, wo sie zunächst als Au-Pair, dann als Sounddesignerin arbeitete. Mit ihrem Plattenvertrag kam der Wendepunkt.
Symphonie als Herausforderung
Als Herausforderung nahm sie sich vor, eine Symphonie zu komponieren. Bis dato hatte sie vor allem elektronische Musik produziert. 2015 starteten sie und Peter Ettwein für dieses spezielle Projekt einen Crowdfunding-Aufruf. 25 000 Euro kamen dabei zusammen, mit denen sie ein Orchester und ein Tonstudio in Prag buchten. Rund 100 Personen arbeiteten an dem Projekt.
Von Regisseur entdeckt
Das Ergebnis überzeugte nicht nur Ema Jolly und Peter Ettwein, sondern auch Pierro Messina, Regisseur des Films „Another End“, der bei der Berlinale Weltpremiere feierte und ab März zunächst in den italienischen Kinos anläuft. Jollys Titel „Grief“ ist der erste Musiktitel, der im Film zu hören ist.
Ursprünglich hatte der Regisseur elektronische Stücke von Jolly für eine Clubszene gesucht, war aber dann auf das Orchester-Stück gestoßen und so begeistert, dass er die Anfangsszene des Films sogar dem Musikstück angepasst hat.
Als weitere Songs von Jolly sind „Professional Loving“, „Primary Colours“ und „What’s The Cure“ im Film zu hören. Sie und Ettwein wurden vom Regisseur sogar nach Sizilien eingeladen – und zur Premiere auf der Berlinale, eine „krasse Erfahrung“.
„Pierro hat quasi meine andere Seite gefunden. Das war ein echter Glücksmoment“, sagt die 38-jährige Sängerin. Als zweifache Mama im Musikbusiness sei es nicht leicht, deshalb habe ihr diese Bestärkung gut getan, erzählt sie.
Das eigene Musiklabel
Ihr Label Emika Records haben Ettwein und Jolly während der Pandemie gegründet und dafür schon diverse Projekte mit internationalen Musikern umgesetzt – und natürlich mit Jolly selbst. Rund 300 Musikstücke gehören zum „Katalog“ des Labels, zwei Drittel davon Songs der britischen Sängerin aus den vergangenen zwölf Jahren.
Peter Ettwein ist vor allem für das Administrative zuständig, plant Projekte, kümmert sich um das Abmischen der Musik und hält Ema Jolly den Rücken frei, so dass sie kreativ bleiben und neue Songs schreiben kann. „Früher musste ich mich um alles allein kümmern und schnell Neues komponieren. Die Konkurrenz ist schließlich riesengroß. Jetzt kann ich endlich wieder ’nur’ Musikerin sein“, sagt sie.
In Serien und Filmen verwendet
Einige Produktionen, in denen auch schon Musikstücke von Emika Records verwendet wurden, waren etwa die Serien „The Blacklist“, „How To Get Away With Murder“, „American Horror Story“, der „Tatort“ (Episode Treibjagd), das Videogame „Grand Turismo 5“ und der Trailer von „Mission Impossible 4 – Phantom Protokoll“.
Weiterführen werden Ettwein und Jolly in diesem Jahr ihr Projekt einer immersive 360-Grad-Video-Live-Show für Planetarien, die Ende 2019 Premiere gefeiert hatte und dann pandemiebedingt pausiert werden musste. Außerdem wird Jolly mit ihrer Musik touren, soweit es mit der Familie zu vereinbaren ist. Im Neckartal hat das Paar nun erst einmal seine Oase gefunden – mit viel Platz für Kreativität und spannende Projekte.