Negative Auswirkungen auf die Gesellschaft durch den Wegfall von Integrationskursen befürchtet Ines Haag, Leiterin der Volkshochschule Weil am Rhein. Foto: Beatrice Ehrlich

Ines Haag, VHS-Leiterin in Weil am Rhein, erklärt, was die Streichung von Sprachkursen für betroffene Gruppen, aber auch für die Volkshochschule und die Stadt für Folgen hat.

Wie das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) vor wenigen Tagen mitgeteilt hat, wird die kostenfreie Teilnahme an Integrationskursen seit Dezember ausschließlich auf Personen beschränkt, die vom Jobcenter oder der Ausländerbehörde dazu verpflichtet werden. Einem Schreiben des Volkshochschulverbands Baden-Württemberg zufolge sind bundesweit schätzungsweise rund 130 000 Menschen betroffen, in Baden-Württemberg sind es etwa 25 000.

 

Was bedeuten die Einschränkungen für die VHS Weil am Rhein, wo – wie Sie im vergangenen Herbst berichteten – parallel zehn Integrationskurse laufen?

Das ist ein schwerer Schlag für uns. Wir rechnen mit 30 Prozent weniger Teilnehmern in den Integrationskursen, es könnte sein, dass Kurse geschlossen werden müssen. Asylbewerber, EU-Bürger sowie Menschen aus der Ukraine sind künftig von den freiwilligen, kostenfreien Kursen ausgeschlossen.

Was wir erst vor einigen Tagen durch ein Rundschreiben des Volkshochschulverbands erfahren haben, hat sich schon länger angebahnt: Bereits seit Anfang November wurden unsere Anträge für die Teilnahme an Integrationskursen nicht mehr bearbeitet.

Ein Kurs konnte deshalb bereits nur verspätet beginnen, da wir mindestens 14 Teilnehmer mit einer Personenkennziffer vom BAMF brauchen. Erst jetzt konnte der Kurs mit Personen gefüllt werden, die dazu verpflichtet worden sind.

Bitte erklären Sie uns: Was ist ein Integrationskurs und wie lange dauert er?

Ein Integrationskurs umfasst 700 Unterrichtseinheiten und dauert rund ein Jahr. Er wird abgeschlossen mit einem Deutschtest für Zuwanderer, der ab dem Sprach-Niveau A2 als bestanden gilt. 600 Einheiten sind reiner Sprachkurs, 100 Stunden umfasst der sogenannte Orientierungskurs, in dem es um Werte sowie Politik und Geschichte in Deutschland geht.

Dieser Teil endet mit dem „Leben in Deutschland-Test“. War dieser erfolgreich, wird ein Integrationszertifikat ausgestellt.

Worin unterscheidet er sich von einem Deutsch-Sprachkurs?

In der Intensität. Ein Integrationskurs hat mindestens 16 Wochenstunden, vormittags oder abends. Man braucht eine Berechtigung oder Verpflichtung, um teilnehmen zu können. Die Kosten liegen bei 458 Euro für hundert Unterrichtseinheiten.

Für viele Teilnehmer war der Integrationskurs der erste Schritt in den deutschen Arbeitsmarkt (Symbolfoto). Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Diese werden bisher vom BAMF zur Hälfte übernommen. Für Empfänger von Wohngeld oder Bürgergeld ist der Kurs kostenfrei. Die Dozenten im Integrationskurs bekommen höhere Honorare als in den offenen Kursen. Sie müssen zertifiziert sein und strengere Kriterien erfüllen, was ihre Vorbildung betrifft, etwa ein absolviertes Studium.

Welche Kurse sind für Einwanderer verpflichtend?

Zu einem Integrationskurs verpflichtet werden Ausländer, die schon lang in Deutschland leben, schlecht Deutsch können, im Bürgergeld- oder Grundsicherungsbezug sind und daher keine Arbeit finden.

Wie ordnen Sie die angekündigte Änderung für Ihr Kursangebot ein? 

Es besteht in meinen Augen die Gefahr, dass in unseren Kursen nun eine Art „Motivationsumkehr“ stattfindet. Vorher hatten wir Menschen, die sich aktiv beworben und einen Antrag gestellt haben, nun überwiegen die Menschen, die diese Kurse machen, weil sie müssen. Als Volkshochschule müssen wir mit geringeren Einnahmen rechnen. Auch wenn gewisse Fixkosten und Honorare wegfallen, wiegt das den Einnahmeverlust nicht auf. Für uns heißt das, dass wir unseren offenen Bereich, also die Angebote in den Bereichen Kunst und Kultur, Gesellschaft, Sport sowie Fremdsprachen, ausweiten müssen, um nicht zu sehr von den Zahlungen des BAMF abhängig zu sein.

Gibt es auch jetzt schon Menschen, die Integrationskurse besuchen und eine Gebühr dafür bezahlen? Wenn ja, wer ist das, und was kostet das?

458 Euro werden etwa alle fünf Wochen fällig. Insbesondere ukrainische Kriegsflüchtlinge stellt es vor Probleme, diese Summe aufzubringen. Im Moment können wir Anmeldungen tatsächlich nur gegen Vorkasse entgegennehmen. Es haben bereits auch Asylbewerber vorgesprochen, die gesagt haben: „Dann bezahlen wir das.“ Das ist theoretisch möglich. Ich habe Zweifel, ob das bei vielen klappt.

Werden künftig weniger Dozenten für Integrationskurse gebraucht? 

Wir haben einen Pool von Dozenten, mit denen wir seit langem zusammenarbeiten. Wir versuchen sie mit neuen Kursformaten bei uns zu halten. Diese Dozenten sind selbstständig – wenn sie sich etwas anderes gesucht haben, werden sie nicht zurückkommen. Volkswirtschaftlich gesehen sind das letztlich „sunk costs“ – Leute wurden aufwendig geschult und zertifiziert und nun soll ihre Expertise nicht mehr genutzt werden.

Als Expertin für den Bereich Deutsch als Fremdsprache: Wie wirkt sich der Wegfall der kostenlosen Integrationskurse aus? Worin bestehen die größten Schwierigkeiten?

Das Paradoxe an dieser Entscheidung des Innenministers ist, dass etwas abgeschafft wird, was – einer erst im September vorgestellten Evaluation des BAMF zufolge – ein absolutes „Erfolgsmodell“ ist. Eingeführt wurden die Integrationskurse in den frühen 2000er-Jahren, um es besser zu machen als in den 1990er-Jahren.

Damals saßen teils gut ausgebildete Flüchtlinge aus dem Jugoslawien-Krieg in Auffanglagern und konnten nicht arbeiten, weil sie keinen Zugang zu deutschen Sprachkenntnissen hatten. Als Träger haben wir aber keine Wahl: Wir müssen Menschen vom Spracherwerb ausschließen, in manchen Regionen bis zu 50 Prozent. Das wird zu gesellschaftlichen Verwerfungen führen. Wer letztlich draufzahlt, sind die Kommunen, sie müssen mit den entstehenden Problemen fertig werden.

Aus welchen Ländern kommen die Teilnehmer der Integrationskurse in Weil vorwiegend? Und aus welchem Einzugsgebiet hier in der Region?

Die Teilnehmer kommen vorwiegend aus der Ukraine, Bosnien, Kosovo, Albanien, Syrien, Afghanistan sowie dem EU-Ausland. Integrationskurse gibt es im Landkreis außer bei uns auch in den Volkshochschulen Schopfheim und Rheinfelden, in Lörrach gibt es zwei private Anbieter. Wir sind aber die einzigen, die Abendkurse anbieten, deshalb kommen viele Teilnehmer aus Lörrach zu uns.

Kennen Sie „Erfolgsgeschichten“, etwa dass jemand nach dem Absolvieren eines solchen Kurses besonders schnell den Einstieg in einen Job gefunden hat?

Das trifft in jedem Fall zu: So laufen bei uns allein drei Abendkurse mit Zuwanderern, die tagsüber arbeiten und damit aktiv ihre Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt verbessern. Es ist doch verrückt: Einerseits wird vom Facharbeitermangel geredet, andererseits schließt die Politik Türen, die zu einer Lösung führen könnten. Zwei Beispiele für gelungene Integration möchte ich nennen: Das wäre einmal ein Syrer aus Efringen-Kirchen, der über den Integrationskurs und einen darauf aufbauenden Berufssprachkurs das Sprachniveau B2 erreicht und in der Folge bei uns im Rathaus die Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten erfolgreich durchlaufen hat. Er wird ins Bürgerbüro übernommen. Bei der zweiten Person handelt es sich um eine Ukrainerin, die sich nach Integrations- und Berufssprachkurs in ihrem erlernten Beruf als Buchhalterin beworben hat und nun bereits seit zwei Jahren bei uns in der Stadtkasse tätig ist. Diese Menschen wollen arbeiten, das ist ihre größte Motivation.