Liegen unter diesem Acker in Mahlberg Geschosse aus dem Zweiten Weltkrieg? Dieser Frage ging Tim Porsch im Auftrag der Stadt auf den Grund. Foto: Piskadlo

Luftbilder lassen vermuten, dass in Mahlberg vor rund 80 Jahren Bomben abgeworfen wurden. Diese sollen nun gefunden werden. Unsere Redaktion war bei der Suche dabei.

In matschigen Gummistiefeln und orangener Warnjacke stapft Tim Porsch auf einem Acker in Mahlberg herum. In seinen Händen hält ein metallenes Gestell auf zwei Rädern, das er im Schritttempo vor sich herschiebt. Aus der Ferne könnte man meinen, er pflügt damit die Erde um. Dass mehr dahinter steckt, wird klar, wenn man sein Einsatzfahrzeug am Straßenrand sieht: „Kampfmittelräumung“ steht darauf geschrieben.

 

Porsch, Mitarbeiter der Firma Terrasond, ist im Auftrag der Stadtverwaltung unterwegs. Seine Aufgabe: Das Neubaugebiet „Hinter den Gärten Nord“ nach gefährlichen Überresten aus dem Zweiten Weltkrieg untersuchen. „Das ist ein sogenanntes Flächensondiergerät. Es ist mit vier Metalldetektoren und GPS ausgestattet“, erklärt der 29-Jährige die Technik hinter seiner rollenden Vorrichtung. Je nach Bodenbeschaffenheit könne er damit Metall in bis zu fünf Metern Tiefe ausfindig machen. Zum Zeitpunkt des Besuchs unserer Redaktion ist Porsch schon seit rund zwei Stunden auf dem 5000-Quadratmeter-Gelände. „Schwer zu sagen“, antwortet er auf die Frage, ob er bereits verdächtige Stellen ausmachen konnte, und zeigt auf einen kleinen Bildschirm auf seinem Suchgerät. Auffällige Punkte werden dort farblich markiert. Ob es sich dabei um Sprengstoff oder nur um Metallschrott handelt, kann sein Gerät nicht sagen. „Dort könnten Bomben, aber auch nur größere Eisenrohre sein“, erklärt er.

Dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass im Mahlberger Acker explosive Gefahren lauern, zeigt eine Luftbilduntersuchung. „Diese wird nötig, sobald ein neues Baugebiet festgelegt wird“, erklärt Hauptamtsleiter Enver Altay, der ebenfalls bei der Sondierung vor Ort ist. „Im Optimalfall kommt nichts dabei heraus.“ Dann sei eine anschließende Flächenuntersuchung durch Experten wie Porsch nicht nötig. „In diesem Fall wurden jedoch verdächtige Stellen vermerkt“, so der Hauptamtsleiter. Sichtbar werden diese, indem Luftbildaufnahmen aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs mit aktuellen Bildern verglichen werden. „Wenn ein Flugzeug damals Sprengkörper abwarf, wurde es von einem anderen Flugzeug verfolgt, das das Ausmaß des Schadens dokumentierte“, erklärt Porsch, wie die historischen Aufnahmen entstanden sind. Detonierte Bomben hinterließen demnach große Krater, mögliche Blindgänger sehe man dagegen anhand kleiner schwarzer Punkte. „Nach dem Krieg wurden Sprengkörper, bei denen die Zündung ausblieb, oftmals auch einfach in Bombentrichter geworfen und mit Erde zugeschüttet“, erklärt Porsch, weshalb auch Krater ein Indiz für gefährliche Altlasten sein könnten.

Porsch läuft also jene Flächen mit seinem Sondiergerät ab, auf die es vor mehr als 80 Jahren offenbar Bomben regnete. Muss er dabei Gefahr in Kauf nehmen? „In erster Linie nicht“, sagt der studierte Archäologe. „Mögliche Bomben liegen in diesem Fall nicht an der Oberfläche. An Orten, wo Bodenkämpfe – etwa Graben- oder Panzerschlachten – stattgefunden haben, könnte das anders aussehen.“

Einige Bomben können bis zu einer Tonne auf die Waage bringen

Sobald der Experte das Gelände mit seiner Vorrichtung abgelaufen hat, werden die Daten ausgewertet. Dann geht es an die Ausgrabung. Porsch arbeitet seit anderthalb Jahren bei Terrasond und hat die Sprengstoff-Bergung bereits mehrfach begleitet. „Ich saß einige Male im Bagger“, erinnert er sich. Dabei werde die Erde langsam heruntergekratzt, die letzten Schritte mache man mit einem Spaten. „Einige Kollegen sind stolz, wenn sie Kampfmittel finden und beseitigen. Ich bin dagegen ganz froh, wenn harmloser Metallschrott rauskommt“, sagt er lachend. Verständlich: Denn je nach Art könne der Sprengkörper zwischen zehn Kilogramm und eine Tonne schwer sein. Sogar chemische Waffen habe er aus Zufall gefunden. „Diese befinden sich eigentlich in Keramikflaschen und können von unseren Detektoren nicht entdeckt werden. Zum Glück wurde hierbei nichts durch die Bagger beschädigt“, so der 29-Jährige.

Sollte bei einer Ausgrabung tatsächlich eine Bombe ans Tageslicht kommen, wird in der Regel der Kampfmittelbeseitigungsdienst gerufen. Dieser nimmt den Sprengkörper mit oder entschärft ihn vor Ort. Auch eine kontrollierte Sprengung sei eine Option, das sei aber eher der Ausnahmefall. „Je nach Bombentyp würden hier im Umkreis sofort alle Fensterscheiben durch die Wucht zerbersten“, macht Porsch deutlich, welch enorme Kraft hinter den Bomben stecken kann.

Die Aufträge werden ihm nicht ausgehen

Ob er auch in Mahlberg im Bagger sitzen wird, ist noch unklar. Nach Auswertung der Daten muss die Stadt die Ausgrabungsarbeiten ausschreiben und Angebote von Unternehmen einholen. Klar ist indes: Die Aufträge werden dem Experten nicht ausgehen. „Auch in Jahrzehnten wird man noch Bomben finden“, ist sich Porsch sicher. Das mache seine Arbeit sicherer und gefährlicher zugleich. Demnach würden sich einerseits die Zünder im Boden immer weiter zersetzen, bis sie möglicherweise ihre Wirkung verlieren. „Andererseits werden sie auch empfindlicher und können gegebenenfalls auch schneller auslösen.“ So oder so: Vorsicht sei immer geboten.

Info – Funde in der Region

Immer wieder werden im Ortenaukreis Sprengkörper aus Zeiten des Zweiten Weltkriegs entdeckt. So wurde 2011 im Lahrer Gebiet Hosenmatten II eine 500-Kilo-Bombe gefunden. Doppelt so schwer war dagegen ein Geschoss, das 2015 im Lahrer Baugebiet Hagendorn bei Bauarbeiten zum Vorschein kam. Es wurde noch vor Ort entschärft. Wesentlich kleiner, aber nicht minder gefährlich, waren zehn Sprenggranaten, die 2015 bei der Ettenheimer Grundschule gefunden wurden. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst machte die explosiven Funde unschädlich und transportierte sie ab. Für Schlagzeilen sorgte im vergangenen Jahr ein Polizeieinsatz in Nonnenweier. Dort wurden zwei Sprengkörper in der Nähe der Kirche festgestellt und auf einem freien Gelände in der Hauptstraße kontrolliert gesprengt.