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Aufzugführer im Stuttgarter Fernsehturm „Der Ausblick beflügelt die Leute“

Von
Aufzugführer Rolf Kirrmann auf dem Stuttgarter Fernsehturm. Foto: Decksmann

Rolf Kirrmann, 63, war acht Jahre lang einer von sechs Aufzugführern im Stuttgarter Fernsehturm – bis der Betrieb im vergangenen Jahr wegen Brandschutzbedenken von heute auf morgen eingestellt wurde. Wir sprachen mit Kirrmann über das ewige Auf und Ab an einer Touristenattraktion.

Stuttgart - Herr Kirrmann, die unangenehme Frage zuerst: Sind Sie schon mal stecken geblieben?
Auch, aber nicht oft. Die Aufzüge im Fernsehturm sind erstklassig gewartet. Aber es konnte immer mal passieren, dass es Probleme mit dem Strom gab. Dann startete man den Aufzug neu. Oder man informierte einen Techniker. Wenn der nicht helfen konnte, kam jemand vom Kundendienst, das dauerte nicht länger als eine halbe Stunde.
Eine halbe Stunde auf engstem Raum? Das muss nicht jeder mögen.
Wenn man merkt, dass es sich in die Länge zieht, kann man mit dem anderen Aufzug auf dieselbe Höhe fahren, und die Leute können umsteigen. Das klappte immer, bis auf einmal, das war frühmorgens. Ich sollte zwei Putzfrauen hochfahren. Plötzlich waren beide Aufzüge blockiert. Der Mann vom Kundendienst hat ganz schön geflucht. Er musste hochlaufen.
Was macht man, wenn der Aufzug stockt? Ein fröhliches Lied anstimmen? Oder einen Aufzugwitz erzählen?
Weder noch. Es kommt immer drauf an, wie viele Leute drin sind. Ist der Aufzug voll besetzt, ist es das Wichtigste, die Menschen zu beruhigen. Die Leute wissen, dass wir in einer Röhre eingesperrt sind. Da kommt es zwangsläufig zu Angstzuständen. Also muss man ihnen erklären, dass nichts passieren kann und Hilfe kommt.
Ein stecken gebliebener Aufzug ist ein beliebtes Motiv in Thrillern.
Die Vorstellung fesselt die Menschen. Aber bei uns kann das nicht passieren. Und wenn es doch mal kurz stockt, ist ja der Aufzugführer da. Vieles wird automatisiert, bei Aufzügen wie denen vom Fernsehturm geht es ohne Aufzugführer nicht.
Wie oft pro Schicht fuhren sie rauf und runter?
Das hing vom Wochentag und vom Wetter ab, aber 100 bis 150 Fahrten waren es ­allemal.
Macht bei 300 Metern für eine Rauf-und-Runterfahrt 30 000 bis 45 000 Höhenmeter am Tag. Das schafft mancher Flugkapitän nicht. Haben Sie einen stabilen Kreislauf?
Eigentlich schon. Das Problem ist eher der Druck auf den Ohren, aber der vergeht nach ein paar Fahrten. Beim Aufzugfahren spüre ich nichts mehr, aber wenn ich runter in die Stadt fahre oder in den Bergen wandere, kann es schon sein, dass ich einen Druck auf die Ohren bekomme.
Hatten Sie jemals Albträume, die mit dem Aufzug zusammenhingen?
Nein, das hat mich selbst gewundert, dass das nie der Fall war. Ich habe auch nie ­geträumt, dass der Turm Richtung Stuttgart fällt oder – noch schlimmer – aufs Gazistadion der Kickers.
Wie war das, als Sie vor einem Jahr ­erfuhren, dass der Fernsehturm wegen Brandschutzproblemen geschlossen wird.
Das war wie ein Schlag mit einem Hammer. Es war der Mittwoch vor Gründonnerstag. Im ersten Moment dachten wir, der macht nach ein paar Tagen wieder auf. Dass es so lange dauert, hätte keiner gedacht.
Wie stehen Sie gefühlsmäßig zum Stuttgarter Fernsehturm?
Er war für mich eigentlich immer da. Ich komme aus Plattenhardt und kann den Turm von der ganzen Wohnung aus sehen. Selbst nachts sehe ich seinen Lichtschweif. Aber ich hänge natürlich noch mehr an ihm, seit ich hier arbeite.
Wie wird man Aufzugführer?
In meinem Fall war das so, dass ich 36 Jahre als Betriebsschlosser bei einem Strickmaschinenhersteller gearbeitet habe. Als ich 53 war, machte die Firma zu. Das ist ein blödes Alter, um arbeitslos zu werden. Ich hatte ein Jahr nach Arbeit gesucht, als der SWR eine Stelle als Aufzugführer ausschrieb. Beim Vorstellungsgespräch erschrak ich, da lag schon ein ganzer Turm an Bewerbungen. Dass ich den Job bekommen habe, mag ­daran liegen, dass wir bei meiner alten ­Firma 36 Aufzüge hatten – Lasten- und Personenaufzüge. Um die haben wir Schlosser uns gekümmert.
Wer war Ihr prominentester Fahrgast?
Oje, da gab es viele. Die Sänger Peter Kraus, Udo Jürgens und Helene Fischer, das Moderatorenpaar Felix und Paola – alle waren sie schon da. Sämtliche VfB-Spieler. Etliche Fußballer aus der Nationalelf. Mit Helene Fischer hat man sich umarmt und ­Erinnerungsfotos gemacht.
Und wie schaut es mit Politikern aus? War die Kanzlerin mal oben ?
Frau Merkel war tatsächlich mal da. Aber nicht in meiner Schicht.
Fühlt man sich als Aufzugführer für die mit­fahrende­n­ Menschen verantwortlich wie ein Chauffeur?
Autofahren ist natürlich etwas anderes. Ich drücke im Grunde nur Knöpfe. Aber selbstverständlich ist man bemüht, die Leute gut rauf- und wieder gut runterzubringen – ohne selbst groß aufzufallen.
 
- Sprachen Sie mit den Fahrgästen?
Wenn es die Leute wünschten, jederzeit. Traf eine gut gelaunte Wandertruppe ein, dann sagte man schon mal: „Ja, wo kommt ihr denn heut’ schon her?“ Als wir wieder unten ankamen, sagte mein Chef: „Da ist aber wieder eine Stimmung im Schacht!“
Das ist nicht unbedingt die Stimmung, die in Aufzügen von Hotels oder Büros herrscht.
In Bürogebäuden traut sich keiner zu reden. Die Blicke weichen sich aus. Im Fernsehturm war es ganz anders. Die Leute kamen hierher, um etwas zu erleben. Sie brachten Gäste aus der ganzen Welt mit, denen sie zeigen wollten, wie schön Stuttgart ist.
Gab es einen Unterschied zwischen Rauf- und Runterfahrt?
Wie gesagt, die meisten Leute kamen gut gelaunt hier an. Aber wenn sie runterfuhren, waren sie noch begeisterter. Also muss da oben etwas mit ihnen passiert sein. Vermutlich hat sie der Ausblick beflügelt.
Gab es Trinkgeld?
Ja, gelegentlich. Das kam dann in unsere Kaffeekasse.
Blieb auch mal was liegen?
Schon, aber das fiel gleich auf. Ich war der Erste, der die Kabine verließ. Wenn die Leute ausgestiegen waren, schaute ich rein. War etwas runtergefallen, trug ich es den Leuten hinterher.
Stimmt es, dass auch Psychologen mit Patienten zu Ihren Fahrgästen zählten?
Ja, da waren schon einige hier. Die Patienten waren meist Leute, die in engen Räumen Schweißausbrüche bekamen oder Höhenangst hatten und die in die USA reisen wollten. Es kamen Leute, die sagten, dass sie sich in einem vollen Aufzug nicht wohlfühlen. Dann schaute man, dass man sie in einer kleinen Gruppe mitnahm. Sie mussten ja nur 36 ­Sekunden aushalten – so lang dauert die Fahrt. Manche hat die Radiomusik im Hintergrund beruhigt. Wenn das nicht half, verwies ich auf den Sternenhimmel an der Decke. Die Lichter wechselten die Farbe. Die Leute staunten – und schon waren wir oben.
Ihre Uniform mag sie auch beruhigt haben.
Kann schon sein. So eine Kleidung strahlt Ruhe und Sicherheit aus.
Sie sind derzeit freigestellt.
Ja, bis der Fernsehturm wieder in Betrieb genommen wird, bin ich vermutlich pensioniert. Aber wenn die Kollegen mal Unterstützung brauchen, helfe ich jederzeit. Wir hatten hier immer gute Chefs, und die Arbeit war angenehm.
Wie fühlen Sie sich in einem Kaufhauslift?
Die sind natürlich auch sicher, aber kein Vergleich zu denen im Fernsehturm. Allein schon, wenn ich daran denke, wie langsam in Kaufhäusern die Türen schließen. Wir sind mit fünf Metern pro Sekunde unterwegs, das sind rund 20 Kilometer die Stunde.
Sie erwähnten vorhin, dass Sie gern in die Berge fahren und wandern. Sie wollen nicht nur von Berufs wegen hoch hinaus.
Das kann schon sein. Falls ich eine Art ­Höhengen besitze, dann habe ich das von meinem Vater geerbt. Der war Kranführer bei der Firma Epple.
 

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