Noch hält sich Papst Leo XIV. mit prägnanten Aussagen zurück. Erste Schlüsse, in welche Richtung sein Pontifikat geht, kann man aber ziehen, kommentiert unsere Autorin Almut Siefert.
Die Reflexe des neuen Papstes stimmen schon mal. Souverän fängt Leo XIV. am Sonntag die zu Knäulen gebundenen Flaggen, die ihm aus der Menge der Jugendlichen zugeworfen werden. Unter großem Jubel und Kreischen zog Leo vor der Abschlussmesse des Weltjugendtreffens im Papamobil seine Kreise über das dafür extra neu hergerichtete Gelände am Rande Roms. Mehr als eine Million junge Gläubige aus 146 Ländern waren nach Angaben des Vatikans zu dieser besonderen Wallfahrt im Heiligen Jahr nach Rom gekommen.
Das war es dann aber auch schon mit reflexartigen Handlungen von Seiten des neuen Oberhauptes der katholischen Kirche. Seit seiner Wahl am 8. Mai steht der 69-jährige US-Amerikaner unter scharfer Beobachtung – und scheint jeden Schritt und jedes Wort besonders bedacht zu wählen. Und so fallen auch seine Ansprachen an die Jugendlichen in diesen Tagen eher bedacht aus. Eine knackige Botschaft an die jungen Gläubigen? Fehlanzeige.
Keine kleinen Fußstapfen
Vielleicht ist es aber auch zu viel verlangt, bereits nach drei Monaten zu erwarten, dass Robert Francis Prevost in der Rolle des Papstes komplett angekommen sein muss. Schließlich ist er in keine kleinen Fußstapfen getreten: Papst Franziskus war ein Unikum. Mit seiner direkten klaren Sprache erreichte er weit mehr Menschen als die gläubigen Katholiken. Spontaneität prägte das Bild von dem Argentinier, der einerseits vehement die Hand wegzog, wenn jemand versuchte, seinen Ring zu küssen, andererseits die Arme vor allem für die wenig Privilegierten auf der Welt weit öffnete. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Ja, genau mit dieser Direktheit verrannte sich Franziskus auch das eine oder andere Mal – aber er sorgte auch dafür, dass man sich mit den Worten auseinandersetzte, die aus dem Munde des Papstes kamen. Nach dem ersten starken Statement „Der Friede sei mit euch“ – dem ersten Satz, den Prevost als Papst Leo von der Loggia des Petersdoms der Welt zurief – hält dieser sich mit prägnanten Aussagen bislang bemerkenswert zurück.
Dennoch lassen die vergangenen drei Monate Schlüsse zu, wie sich das Pontifikat von Leo entwickeln könnte. Bereits jetzt herrscht wieder etwas mehr Prunk, mehr Inszenierung: Prevost trägt wieder die rote Mozetta, den kurzen Schulterumhang. Franziskus hatte auf solche prächtigen Symbole der Macht verzichtet. Prevost ließ eine alte Tradition wieder aufleben und machte in diesem Sommer Urlaub in den Gemächern der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Franziskus hielt nichts von Ferien und bleib auch in den warmen Sommermonaten im Vatikan. Prevost wird dort im Apostolischen Palast wohnen. Franziskus lebte in einem Appartement im Gästehaus Santa Marta.
Nahbar gibt sich Papst Leo schon
Doch auch wenn der Neue noch nicht greifbar ist – nahbar gibt er sich schon. So lief er die letzten Meter zu seinem Urlaubsdomizil zu Fuß, um die Menschen von Castel Gandolfo persönlich zu begrüßen. Bei einer Audienz mit dem italienischen Tennis-Superstar Jannik Sinner wurde über eine gemeinsame Partie gescherzt und, wie Prevost den Schläger in der Hand hielt, ließ erkennen: Der Papst hätte wohl tatsächlich Lust, mit dem 23-jährigen Weltranglistenersten mal auf dem Platz zu stehen.
Am Ende ist der Papst doch auch nur ein Mensch. Einer, der eine schwere Aufgabe übernommen hat – nicht nur die Kirche. Im Grunde schreit die ganze Welt aktuell danach, zusammengehalten zu werden. Mit Spannung darf man daher das erste Grundsatzschreiben aus der Feder von Leo XIV. erwarten. Seinen Urlaub soll er auch dafür genutzt haben.