Eine Besonderheit in der Reihe „Weltklassik am Klavier“ in Binzen war der Auftritt des Klavierduos Four Te mit Geistermelodien, Märchenbildern und Walzermagie.
Sie hörten mit Johann Sebastian Bach auf, weil Bach Anfang und Ende ist, aber angefangen haben sie ihr intelligentes und interessantes Klavierrecital zu vier Händen mit Franz Schubert. Die Rede ist von Four Te, einem Klavierduo aus Weimar, das am Sonntag eigens aus der Goethe- und Liszt-Stadt nach Binzen angereist ist – viele Stunden Fahrt bei Sonne und Regen, wie Eva-Maria Weinreich und Tomohito Nakaishi dem Publikum im Rathaussaal mitteilten, der wohl ferienbedingt nicht so gut wie sonst besetzt war.
Und das, obwohl es mit einem Klavierduo in dieser Reihe „Weltklassik am Klavier“ mal etwas ganz Besonderes gab. Das Duo hat sich vor über zehn Jahren gegründet und spielt nicht nur vierhändig, sondern auch an zwei Flügeln, wenn diese im Saal vorhanden sind. In Binzen saßen Weinreich und Nakaishi zu zweit am Kawai und demonstrierten ihre pianistische Vielseitigkeit. Die äußerte sich auch in den Anmerkungen, die beide abwechselnd zu den aufgeführten Werken gaben. Ihr Programm war ein Kompendium an anspruchsvoller Literatur für dieses Genre.
Was geboten wurde
Man hörte Schubert mit Variationen über ein französisches Lied, die gewichtigen „Schumann-Variationen“ von Johannes Brahms und Franz Liszts Sinfonische Dichtung Nr. 3 „Les Préludes“. Zu der Lisztschen Klavierdichtkunst, die sie kraftvoll und intensiv realisieren, hat dieses „gemischte Doppel“ eine besondere Beziehung. Sie beschäftigen sich intensiv mit dieser neuen Gattung der Sinfonischen Dichtungen, die Liszt in Weimar geschrieben und uraufgeführt hat. Eine erste CD, auf der sie zwei dieser Tondichtungen aufgenommen haben, lag im Konzert aus.
Dass sie akribisch an diese Musik gehen, die Fassungen für vierhändig und zwei Klaviere und die Orchesterfassung vergleichen, konnte man bei ihrem analytischen Herangehen an die Musik hören. Nachvollziehbar war auch, dass die Grundlage für ihre Interpretation die monumentale Klangvorstellung Liszts ist, oder wie Weinreich sagte: „Kino für die Ohren“.
Man muss eigentlich nicht extra betonen, dass die beiden Pianisten bei Schubert, Brahms und Liszt den klavieristischen Anforderungen sehr gut gewachsen waren.
Im zweiten Teil
In der zweiten Konzerthälfte machte das Weimarer Duo einen Ausflug nach Frankreich und spielte mit gleichbleibender Poesie und Präzision literarisch inspirierte Werke von Camille Saint-Saens und Maurice Ravel. Beim „Danse Macabre“ hörte man wahrlich die Skelette um Mitternacht klappern, die bis zum ersten Hahnenschrei die Nacht durchtanzen. Bei einem Tick schneller im Tempo wäre die gespenstische Stimmung vielleicht noch mehr herausgekitzelt worden.
Der Schwerpunkt Ravel war mit der Ballettmusik „Ma mère l’oye“ (Mutter Gans), dieser traumschönen und lichtdurchfluteten Klangbilder, und dem Klanggewitter „La valse“ trefflich gewählt. Die Märchenbilder von Dornröschen, dem Däumling, der Schönen und dem Biest und dem Feengarten wurden atmosphärisch und sinnlich nachvollziehbar dargeboten, in guter Transparenz und Differenziertheit in der Dynamik und den Farben; die spieltechnisch schwierige Walzerapotheose wurde rhythmisch auf den Punkt gebracht. Wenn sich beide Interpreten am Flügel synchron im Walzertakt bewegen, kommt in ihrem Spiel sowohl die Eleganz als auch die Abgründigkeit dieser Hommage an eine vergangene Wiener Walzerseligkeit vollauf zur Wirkung.
Nach diesem sehr virtuosen Repertoire klang das Recital mit Bachs Sonatine zum Actus tragicus in der Transkription von György Kurtág verinnerlicht aus: eine transzendente Zugabe.