Prost: Die Mittelalter-Gruppe "Fratres Armorum" hat ihr Zelt am Neckar aufgeschlagen. Foto: Roth

Die ersten Geschäfte auf dem Mittelaltermarkt werden schon lange vor dem Auftakt der 24. Horber Ritterspiele am Freitagabend gemacht, das Lagerleben nimmt seine Formen an. Nach zwei Jahren Pandemie Balsam für alle Mittelalter-Seelen.

Horb - Und für viele Markt-Beschicker das lang ersehnte Licht am Ende des Lockdown-Tunnels. Wie unsere Redaktion bei einem Rundgang am Freitagnachmittag auf dem Gelände der Ritterspiele erfährt, steht vielen in der Branche das Wasser bis zum Hals: "Ohne Internetgeschäft wäre ich an der Pandemie kaputtgegangen", berichtet Petra Roth aus dem Westerwald, die handgemachte Kränze und Schmuck anbietet. "Ich habe die Krise auch als Chance gesehen und mich auf das Online-Geschäft fokussiert."

"Horber Ritterspiele einfach authentisch"

Nur noch zehn Märkte besuche sie daher im Jahr – der Mittelaltermarkt bei den Horber Ritterspielen sei ein Muss: "Hier ist es einfach authentisch. Das Stadtbild mit den Fachwerkhäusern, der Neckar und das Gelände sind einmalig."

Ähnlich sieht es Jan Rogoszweski, der aus Frankfurt in die Neckarstadt gereist ist, um seine Korbwaren – selbstgemacht in der eigenen Produktionsstätte in Polen – feil zu bieten. "Ich bin das vierte Mal hier und komme immer wieder gerne nach Horb." Das Programm mit Ritterturnieren, Märkten und Lagerleben sei eine runde Sache. Der 63-Jährige hat aber mit den Tücken des aktuellen Weltgeschehens zu kämpfen: "Die Ukraine-Krise und die Pandemie haben die Produktionskosten in die Höhe getrieben. Der Umsatz ist eingebrochen." Auch er musste die Preise für die hochwertigen Waren anheben. Das Schöne für Rogoszweski: "Ich habe in Horb meine Stammkunden."

Tradition versus Massenware

Louis Alba verkauft auf dem Markt Kinderspielzeug wie Holzschwerter und Plastik-Kleinkram. Ist das der echte Geist der Ritterspiele? "Dass wir das Mittelalter in seiner Echtheit nachempfinden können, ist eine Illusion", reagiert der pensionierte Verkäufer auf die Kritik seiner Marktnachbarin. Diese schimpft: "Die Menschen möchten das romantische Mittelalter spüren und nicht den Massenmarkt der Industrie besuchen." Alba geht offen mit seinem Angebot um – und sieht darin gar eine Erfolgsformel: "Ich bin der billigste Laden bei den Ritterspielen. Ich verkaufe eben das, was die Leute möchten."

Kinder stehen auf Lichtschwerter oder Ritterkronen, die eher aus "Star-Wars"- und "Herr der Ringe"-Filmen, als aus dem 16. Jahrhundert bekannt sind. Er lobt das Horber Publikum: "Sie helfen der Branche wieder auf die Beine und geben auch mal Trinkgeld." Sein Geschäft sei dennoch Knochenarbeit: "Von so einem Wochenende bleiben mir 300 Euro."

Sattler-Handwerkskunst ist vertreten

Aber auch Mittelalter-Romantiker kommen auf ihre Kosten: Milan Müller aus Tschechien ist noch einer von wenigen Sattlern im Geschäft. Zum zehnten Mal ist er bei den Ritterspielen. Auch ihn begeistert das historische Stadtbild jedes Jahr aufs Neue. "Mit dem Marktgeschäft wäre meine Existenz in der Pandemie zusammengebrochen." Er habe den Vorteil, dass sein Beruf sehr selten sei und er somit auf eine breite, internationale Kundschaft zurückgreifen könne.

In den letzten Zügen des Aufbaus ist auch Jonathan Martiné: Wie er unserer Redaktion verrät, hat die Pandemie seine Geldreserven schmelzen lassen. "Ich gehe normalerweise jedes Wochenende auf Märkte. Ich bin einfach froh, dass es wieder losgeht." Wolfgang Schmid aus Stuttgart schlägt in dieselbe Kerbe: "Freizeit habe ich keine mehr", so der 60 Jährige. Die wolle er aber gar nicht. An die Pandemie-Zeit zurückdenken? "Immer nach vorne schauen", empfiehlt der Schmuckhändler.

Lagerleben in vollem Gange

Das Lagerleben am Neckarufer ist bereits in vollem Gange. Am Donnerstag war Aufbautag. Die Mittelalter-Community freut sich auf das Horber Ritterfest: "Vergangenes Jahr gab es nur vereinzelt Mittelalter-Feiern", erzählt die Gruppe "Fratres Armorum". Was die Ritterfreunde besonders begeistert: "Die Horber Ritterspiele sind dieses Jahr wieder wie früher." Der Horber Vertrag und der historische Hintergrund sei endlich wieder Teil der Veranstaltung. "Vor der Pandemie ist das Event zu einer Kommerzveranstaltung mutiert. Jetzt können wir unsere Tradition wieder ausleben", danken die verkleideten Gaukler und Spielleute den Veranstaltern.

"Hoffe, wir verlieren Besucher nicht ans Freibad"

Es herrscht Aufbruchstimmung in Horb. Man spürt die Energie und den Wunsch im Lager, das Leben wieder in vollen Zügen bei einem Ritterbier oder Germanentrunk zu genießen. Die Stimmung ist gut – und das Wetter? "Ich hoffe, wir verlieren die Besucher nicht an das Freibad", erklärt Marktverkäuferin Roth. Die Hoffnung: "Weil die Ritterspiele jetzt zwei Jahre ausgefallen sind, erwarte ich trotz Hitze viele Kunden." 30.000 bis 40.000 Besucher sollen es laut Stadtverwaltung werden. Karten für die Ritterturniere waren am Freitag sowohl für Samstag als auch für Sonntag noch zu bekommen.

Der Vorteil: Am Abend könne bei abkühlenden Temperaturen das Fest ein richtiger Volltreffer werden. "Wir wandeln uns auch zu einem Nachtmarkt", sind sich die Händler einig. Und schon kurz vor Beginn des Horber Abends mit Fassanstich herrscht reges Treiben auf dem Gelände. Die Befürchtungen sind wohl unbegründet.

Info: Veranstalter reagiert auf Hitze

■ Die Meteorologen prognostizieren am Wochenende mehr als 35 Grad und puren Sonnenschein in Horb. Kommen nun weniger Besucher? Die Stadtverwaltung äußert sich auf Anfrage unserer Redaktion: "Es kann natürlich sein, dass sich Gäste aufgrund der hohen Temperaturen entscheiden, nicht zu den Ritterspielen zu kommen, genauso würde es aber auch bei angekündigtem ›Schmuddelwetter‹ zu Unsicherheiten kommen. Wir glauben, dass man es trotz der angekündigten hohen Temperaturen gut aushalten kann."

■ Auf Schattenplätze im Bereich Inselspitze und Altes Freibad wird hingewiesen. "Beim Turnier sollten Besucherinnen und Besucher aber an eine Kopfbedeckung denken, denn diese Plätze sind nicht beschattet", so die weitere Information.

■ Die Organisatoren empfehlen eine Kopfbedeckung und das Treiben ohne Hektik zu genießen. An Getränken mangele es jedenfalls nicht. Zur Not sind DRK und Feuerwehr jederzeit einsatzbereit.